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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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2/98 (Nr. 64) 


CHWARZER 


Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit 


mm 


M.A.I 


Maori-Interview 


Terror der Ökonomie 






Inhalt Nr. 2/98 


GerhardKlas: Kein Mensch isl illegal .... ... ... .... s. 4 

Albrecht Kieser: Schlepper, Schleußer.,,.;. 

Von Fluchthelfern und Wegelagerern.... ..... s. 7 

Maria Mies: Der Gipfel der Globalisierung 

(M.A.I.,d.h. multilaterales Abkommen über Investitionen). .. S. 12 

KURZES.......- ........, • Ü.!!im.....4.! S. 17 

Michael Wilk: Flughafen Rhein/Main......g. jg 

Jörg Bergstedt: Nachhaltige Seilschaften..................... s. 24 

Wolf gang Haag: Kongress zur Sozialen Ökologie 

in Lissabon im Sommer 1998..... S. 26 

Michael Schiffmann: Gesetze der Gier..... g 28 

Julia Kümmel - Interview mit Nga Awa "Wenn er eine Ladung Scheiße 
geredet hat, werden sie etwas singen wie »Jingle Beils, Jingle bells, 
iingleallthewav«"...... . . .... s 32 

—.Andreas Speck: Militarismus und Männlichkeit. .. 37 

—Bernd Drücke: Resonanz Zur Geschichte des SF.. g 45 

Reinhard Müller: Nachruf auf Ferd inand Groß (Wien 1908-Graz 1998) S 48 

—Roland Kauf hold: »Wenn Ihr für den libertären Geist seid, 
dann beseitigt die Angst«....’ 

—Michael Schfffmann: Dar Terror der Ökonomie.... g 54 

—Peter Nowak: Autonome - die Spontis der 90er Jahre... § 5? 

erhard Kern: Ein "Antirassistisches Geschichtsbuch”?. g 5 g 

ans-Ulrich Dillmann: »Die Zeit der Schmetterlinge«,. g 59 

Jürgen Miimken: Auf Durchreise im revolutionären Mexiko. . S 62 

Leserinnenbriefe. 

.....•••••'•.... S.63 

SF-Intema/AlteNummern.......... ^ ^ 


Titelphoto: Herby Sachs/Version 































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Impressum: 

Redaktlöns- & ABOadresse: 


Schwarzer Faden 

PF 1159 

D-71117 Grafenau 
Tel. 07033-44273, Fax 07033-45264 
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Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe: Jörg 
Bergstedt, Hans-Ulrich Dillmann, Bernd 
Drücke, Christian Holzinger. Roland 
Kauthold, Gerhard Kern, Donna Kiddie. 
Albrecht Kleser, Gerhard Klas, Julia Küm¬ 
mel, Maria Mies, Reinhard Müller, Jürgen 
Mümken, Nga Awa, Peter Nowak, Uwe 
Rausch. Michael Schiffmann, Andreas 
Speck, Klaus Veith, Michael Wilk. 

DasRedaktionskotlektiventscheidetüber 
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Ktonr. 57463-703, BLZ 600 100 70 

Erscheinungsweise; 4 x jährlich 
Auflage: 2500 
Herausgeber: 

rotzdem-Verlag/W. Haug, Grafenau 
ISSN: 0722-8988. ZIS-Nr. 701 


■daktionskollektiv: Nicole Frazier, Wolf- 
rng Haug, Jan Jakob Hoffmann, Andi 
35, Harald Romaker, Herby Sachs (V.i.S. 
P.), Boris Scharlowski, Dieter Schmidt, 
amentlich gekennzeichnete Beiträge 
;hen unter der Verantwortlichkeit der 
srfasserlnnen und geben nicht die Mei- 
mg des Herausgebers oder des presse- 
chtlich Verantwortlichen wieder, 




Foto: Boris Scharlowski 




















“Kein 
Mensch ist 
illegal” 

von Gerhard Klos 

“Ihr sollt Wissen , daß kein Mensch 
illegal ist. Das ist ein Widerspruch in 
sich. Menschen können schön sein oder 
noch schöner. Sie können gerecht sein 
oder ungerecht. Aber illegal? Wie kann 
ein Mensch illegal sein? " (Elie Wiesel) 

Mehrere dutzend kurdische Kinder, 
Frauen und Männer warten am Samstag 
Nachmittag, dem 21.März, im Ge¬ 
meindesaal der evangelischen Chris¬ 
tusgemeinde in Düren auf ihre Abreise, 
deren Ziel eine Kirche in Aachen ist. 
Die Häuser der Gemeinden sind zu 
ihrem letzten Refugium geworden, denn 
es sind die einzigen Orte in Deutschland, 
in denen sie noch Schutz vor Abschie¬ 
bung finden können. Das wenige Hab 
und Gut, etwas Kleidung und einige 
persönliche Erinnerungsstücke, ist 
schon längst in einigen Tüten und 
Taschen verpackt und in einer Ecke des 
Saales aneinandergereiht. Einige trinken 
noch schnell einen letzten schwarzen 
Tee, bevor sie das Gepäck in die beiden 
vor dem Portal der 20.000 Seelen- 
Gemeinde wartenden Reisebusse 
packen. Währenddessen staffieren Un¬ 
terstützer der Kampagne “ Kei n Mensch 
ist illegal” und Flüchtlinge die Busse 
mit zahlreichen Transparenten und 
Plakaten für ein Bleiberecht aus. 

Auf dem Parkplatz stehen Hatice und 
ihre Freundin Judith aus Deutschland. 
Hatice ist gerade volljährig geworden' 
und ihre ältere Freundin kann nur 
bestätigen, daß sich das Lebensgefühl 
dadurch nicht verändert. Doch für 
Hatice ändert sich nicht einmal ihre 
rechtliche Situation: die drohende Ab¬ 
schiebung schwebt wie ein Damokles¬ 
schwert über ihrem Leben. Sie ist eine 
selbstbewußte, junge Frau, lebt schon 
seit- acht Jahren in Deutschland und 
spricht fließend die Sprache, in der sie 
an ihrer Schule in Köln unterrichtet 
wurde. Im Sommer wollte sie eigentlich 


ihren Abschluß an der Pestalozzischule 
machen, doch der ist in weite Feme 
gerückt: Hatice fürchtet sich vor ihrer 
Abschiebung, denn «alles, was mein 
Leben ausmacht, ist hier in 
Deutschland: meine Freunde, meine 
Geschwister und die Ausbildungstelle 
zur Kinderpflegerin, die ich nach 
meinemSchulabschluß machen wollte». 


Die meisten der Flüchtlinge in der 
Dürener Christusgemeinde sind schon 
seit dem 21.Januar dabei und haben 
bereits etliche Umzüge von Gemeinde 
zu Gemeinde hinter sich. Damals bot 
die Antoniterkirche im Zentrum Kölns 
als erste Gemeinde21 Kurden Zuflucht. 
Zuvor waren drei der Familien auf einem 
Plenum des Kölner Netzwerks derbun¬ 


desweiten Kampagne “Kein Mensch 
ist illegal” aufgetaucht und forderten 
Unterstützung im Kampf um ihr 
Bleiberecht, denn ihre Asylanträge 
hatten die Ausländerbehörden abgelehnt 
und die rechtlichen Möglichkeiten für 
Aufenthaltsgenehmigungen waren aus¬ 
geschöpft. Die Kampagne setzte sich 
für die Flüchtlinge ein und erhielt eine 


befristete Zusage der Anton itergemein- 
de. Seitdem schlossen sich mehrere 
evangelische Gemeinden der Domstadt 
an und nahmen, die meisten im Zwei¬ 
wochenrhythmus, kurdische Flücht¬ 
linge in ihre Obhut. Innerhalb weniger 
Wochen wuchs die Gruppe der Kurden 
auf mehr als 100 Flüchtlinge an. Die 
rigide Abschiebepolitik der Innenmi- 



[4] SF 2/98 



nisterien gegenüber kurdischen Flücht¬ 
lingen trug dazu bei, daß die Aktion 
sogar in den weit entfernt liegenden 
Städten Hannover und Nürnberg die 
letzte Hoffnung illegalisierter Kurden 
weckte, die sich auf den Weg nach Köln 
machten. Obwohl die Zuflucht in den 
einzelnen Gemeinden im Gegensatz 
zum Kirchenasyl zeitlich begrenzt ist, 


Forderung auf und hebt damit die 
politische Dimension deutlich hervor. 
Die Abschiebepraxis und die zwie¬ 
lichtige Türkeipolitik der Bundesre¬ 
gierung kommen erneut zur Sprache 
und lassen nur noch eine Konsequenz 
zu: ein genereller Abschiebestopp für 
Flüchtlinge aus der Türkei. 

Dies ist auch das Ziel von Hasan 


Fotos: Ute Moschner/Version 



hat sie eine enorm große Anziehungs¬ 
kraft. Denn auch wenn die Kölner 
Ausländerbehörde seit Januar mehrmals 
signalisierte, daß es für einzelne Fami¬ 
lien eine Lösung geben könnte, betonten 
vor allem die Flüchtlinge selbst, daß es 
mit ihnen “keine Einzelfalllösung, son¬ 
dern möglichst eine Lösung für alle” 
geben werde. Die Kampagne greift diese 


Calhan, der von Anfang an dabei ist. 
Auf der Fahrt im Reisebus erzählt er, 
während seine Freunde zu kurdischer 
Musik tanzen, warum er aus der Türkei 
geflohen ist und welche Hoffnungen er 
mit der Kampagne verbindet. Der Vater 
einer sechsköpfigen Familie wurde 
Ende der 80er Jahre wegen politischer 
Betätigung aus der Türkei ausgewiesen. 


Als er nach fünf Jahren zurückkehrte, 
konnte er Frau und Kinder nicht mehr 
auffinden und hat sie seitdem nie mehr 
gesehen. Er vermutet, daß sie deportiert 
worden sind. Weil Hasan Calhan sich 
weiter politisch engagierte, mußte er 
später die Gefängnisse in Kurdistan von 
innen kennenlemen und wurde gefoltert. 
«Nach meiner Entlassung haben sie 
mir angeboten, entweder als Spitzel zu 
arbeiten „ oder mich als Dorf Schätzer 
bzw . beim Militär zu verdingen», 
schildert Hasan Calhan seine Situation 
in der Türkei. Egal wie seine Entschei¬ 
dung ausgefallen wäre, er hätte seine 
politischen Freunde ans Messer liefern 
oder bekämpfen müssen. «Von der 
Situation in Kurdistan können sich in 
Deutschland nur wenige ein Bild ma¬ 
chen», erklärt Hasan Calhan. Die 
Pogromstimmung gegen Kurden würde 
systematisch angeheizt. Er berichtet von 
einem Bürgermeister der Stadt Urfa, 
der sich im Fernsehen damit brüstete, 
schon 400 Kurden getötet zu haben und 
sich anschließend darüber beklagte, 
dafür keine Medaille erhalten zu haben. 
«Die Flucht», so Hasan Calhan, «war 
meine letzte Rettung ». 

Nun lebt er seit drei Jahren in 
Deutschland. Nachdem Hasan Calhan 
kurze Zeit in Hannover und Neustadt an 
der Weinstraße in Flüchtlingsunter¬ 
künften untergebracht war, erfuhr er, 
daß sein Asylantrag als “offensichtlich 
unbegründet” abgelehnt wurde. Seitdem 
lebt er in der Illegalität. Hasan Calhan 
weiß, daß nicht nur kurdische Flücht¬ 
linge von der gnadenlosen Abschiebe- 
politik der BRD betroffen sind und 
würde sich freuen, wenn sie sich an der 
Kampagne beteiligten und er “das Brot 
auch mit Menschen aus anderen Län¬ 
dern teilen” könnte. Vor seiner Kirchen¬ 
zuflucht hatte Hasan Calhan Unter¬ 
schlupf bei verschiedenen Freunden 
gefunden. Nun ist er froh darüber, nicht 
mehr alleine um sein Überleben käm¬ 
pfen zu müssen, denn die Gruppe, die 
Unterstützer und die Kirchengemeinden 
“bieten mir ein Gefühl der Sicherheit”. 
Sollte der Protest nicht zu dem ange¬ 
strebten Abschiebestopp führen, will 
sich Hasan Calhan für einen unbe¬ 
fristeten Hungerstreik einsetzen. »Lie¬ 
ber will ich in Deutschland als in der 
Türkei sterben , denn dort erwartet uns 
auch nur der Tod. Die Öffentlichkeit 
hier soll erfahren , daß wir mit dem 
Rücken zur Wand stehen». 


SF 2/9 8 [5] 









Dieses Szenario ist nicht abwegig: 
zwar wollte der Innenminister Nord¬ 
rhein-Westfalens, Franz-Josef Kniola 
(SPD), im März eine Delegationsreise 
nach Kurdistan unternehmen, erhielt 
jedoch kurzfristig eine Absage der tür¬ 
kischen Regierung. Eigentlich war diese 
Reise Bestandteil der Koalitionsver¬ 
einbarungen der rot-grünen Landesre¬ 
gierung vor drei Jahren, um anschlie¬ 
ßend über einen Abschiebestopp für 
kurdische Flüchtlinge zu befinden. 
Nachdem sich die Landesregierung 
zuvor schon drei Jahre vor der Er¬ 
kundung der Menschenrechtssituation 
in der Türkei gedrückt hat, scheint die 
Koaliüonsvereinbarung nun erst recht 
in weite Feme gerückt zu sein. Bisher 
haben die auch die Landesgrünen keine 
neue Intitiative gestartet, um die Ver¬ 
einbarungen umzusetzen. 

Mit einer spektakulären Aktion will 
die Kampagne “Kein Mensch ist illegal” 
am 24.April deshalb erneut Druck für 
einen Abschiebestopp machen. Sie 
haben ein Schiff angemietet, um an 
diesem Tag mit Flüchtlingen, Presse 
und viel Prominenz einen Ausflug von 
Köln ins Düsseldorfer Innenminister¬ 


ium zu unternehmen, wo sie medien¬ 
wirksam Unterschriftenlisten überge¬ 
ben wollen. Auch die Superintendenten 
der an der Protestaktion beteiligten 
Gemeinden wollen sich Mitte Mai an 
einer Anhörung des Innenausschußes 
im Landtag zum Abschiebestopp in die 
Türkei beteiligen und sich dort für die 
Flüchtlinge einsetzen. Das Leitungs¬ 
gremium der evangelischen Kirche im 
Rheinland, ihre direkten Vorgesetzten, 
drückt sich jedoch vor einer offiziellen 
Stellungnahme zu Gunstemder Kurden 
Bis dahin läuft der Alltag der Kurden 
im “Wanderkirchenasyl” wie gewohnt 
weiter. «Oie Frauenkochen,die Männer 
waschen ab», berichtet Hasan Calhan, 
Außerdem kommen mehrmals die 
Woche Schüler- und Seniorengruppen 
vorbei, denen die Flüchtlinge ihre 

Situation schildern. Schwierig gestaltet 

sich der Einkauf, denn die Kurden legen 
Wert darauf, ihn selbst zu organisieren. 
Dafür müssen sie die Schutzräume der 
Gemeinden verlassen, deren Vorstände 
ihnen jedoch Papiere ausstellen, die sie 
als Teilnehmer der Kirchenzuflucht 
ausweisen. Die Gemeindemitglieder 
bleiben unterdessen nicht untätig: in 


Düren haben sie nach intensiven Ge¬ 
sprächen mit den einzelnen Flüchtlingen 
individuelle Biographien zusammen¬ 
gestellt, die ihnen bei künftigen Behör¬ 
dengängen helfen könnten, ihre Le- 
benssitutation in der Türkei darzulegen. 
Andere haben Geld gesammelt oder 
versucht, die lokale Prominenz für die 
Aktion zu begeistern. 

In Aachen sind es erstmals drei 
katholische Gemeinden, diedieProteste 
der Kurden unterstützen. Im Gegensatz 
zum Bistum Köln, dessen Kardinal 
Meißner jüngst in aller Öffentlichkeit 
keinen Hehl aus seiner Begeisterung 
für preußische Tugenden machte, ver¬ 
tritt der Aachener Bischof eine liberalere 
Linie und vermeidet es, seine Gemein¬ 
den wegen der Unterstützung von 
Flüchtlingen zu torpedieren. Bei der 
Ankunft der Reisebusse in Aachen 
erhalten Unterstützer und Flüchtlinge 
Flugblätter mit einem Bibelzitat, auf 
das sich die ansässigen Gemeinden 
berufen: “Wenn bei dir ein Fremder in 
eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht 
unterdrücken. Der Fremde, der sich bei 
euch aufhält, soll euch wie ein Ein¬ 
heimischer gelten und du sollst ihn 





lieben wie dich selbst”. Doch die Mit¬ 
glieder der Aachener Kirchengemein¬ 
den warten nicht nur mit Bibelzitaten 
auf. Sie haben gut vorgeplant und auf 
der Rückseite des Flugblatts einen 
Kalender mit Veranstaltungs- und 
Umzugslerminen in die jeweils anderen 
Gemeinden abgedruckt. 

Die erste Gemeinde in Aachen, die 
Pfarrei St.Laurentius, befindet sich in 
einem gutsituierten Vorort der Gro߬ 
stadt. Die Kirche ist auf einer kleinen 
Anhöhe, umgeben von Vorstadtvillen 
und Einfamilienhäusern. Der Pfarrer 
der Gemeinde, Wilhelm Jansen, be¬ 
richtet, daß er schon eine telefonische 
Bombendrohung erhalten habe, die er 
aber nicht sonderlich ernst nehmen 
würde. Während Kurden und Unter¬ 
stützer “Hoch die internationale So¬ 
lidarität” skandieren, verläßt gerade eine 
Taufgesellschaft die Kirche. Im Ge¬ 
meindehaus, das dem Stadtteil ent¬ 
sprechend komfortabel ausgestattet ist, 
warten Kaffee und Kuchen auf die 
Reisenden, die von allerhand Lokal¬ 
prominenz erwartet werden. Auch 
Herbert Leuninger, Europasprecherder 
Flüchtlingsorganisation Pro Asyl, ist 
eigens angereist und hält eine An¬ 
sprache. «Alle Informationen über 
Menschenrechtsverletzungen in der 
Türkei sind bekannt, es fehlt lediglich 
der politische Wille, die Konsequenzen 
daraus zu ziehen», kritisiert er die Politik 
der Bundes- und Landesregierungen. 

«Soviel Solidarität für die öffentlich 
verfemte Gruppe derlllegalisierten gab 
es noch nie», erklärt die Kölner Gruppe 
der Kampagne “Kein Mensch ist 
illegal”. «Ob allerdings wirklich eine 
Bresche in die deutsche Abwehrfront 
gegen Flüchtlinge geschlagen wird, 
entscheidet das Ausmaß an Solidarität, 
das diese Aktion in den kommenden 
Wochen über den erreichten Stand 
hinaus erfährt», schätzen sie die Per¬ 
spektive für einen Abschiebestopp in 
die Türkei ein. Vorläufig wird das 
*' W anderkirchenasy 1” ausgeweitet, nach 
Aachen haben sich nun auch Gemeinden 
aus Herzogenrath und Mönchenglad- 
bach bereit erklärt, Flüchtlinge aufzu¬ 
nehmen. 







Fluchthilfe ist eine Dienst¬ 


leistung. Wie umgekehrt Flucht¬ 
verhinderung keine ist. Beides 
aber kostet. Beginnen wir mit 
der Fluchtverhinderung: Die 
deutsche Ostgrenze ist dicht für 
Flüchtlinge. Falls sich das bis zu 
ihnen noch nicht herum- 


Schlepper, Schleuse 

von Fluchthelfern und Wegelagerern 


von Albrecht Kieser 


gesprochen hat, müssen sie büs- 



Verbots die deutsche Grenze 


Foto: R. Maro/Version 


überschreitet, von dem zieht der 
deutsche Bundesgrenzschutz ein 
Fluchtstrafgeld ein, einen Weg¬ 
zoll sozusagen. In einem pol¬ 
nischen Flüchtlingslager erzäh¬ 
len einige Afghanen, die die 
deutschen Wachmannschaften 
kennengelemt haben: 


“Wir mußten viel, viel Geld zahlen. 
Zu viel. Es war fürchterlich, als die 
deutsche Polizei .uns verhaftete. Zwei 
Tage und Nächte wurden wir in einen 
Raum geschlossen, wir alle. Sienahmen 

einem von uns 300 Dollar ab und gaben 
ihm nur 60 Mark zurück.” Ein zweiter 
ergänzt: “Mir stahlen sie 120 Mark und 
ihm, er zeigt auf einen dritten, “haben 
sie 200 Dollar weggenommen. Und sie 
haben uns sogar die goldenen Ohrringe 
gestohlen - das war Familienschmuck!” 

Dieafghanischen Flüchtlinge wurden 

vom Bundesgrenzschutz nach Polen 
zurückgeschickt. Der Bundesgrenz¬ 


schütz bestätigte diese Darstellung der 
Flüchtlinge. Paragraph 153 Strafpro¬ 
zeßordnung erlaube der Exekutiv¬ 
behörde ohne richterliche Anordnung 
und ohne Prozeß, Strafgelder für den 
illegalen Grenzübertritt einzubehalten. 
Einen exakt festgelegten Betrag gibt es 
dabei nicht. 300 bis 500 Mark seien es 
im Durchschnitt, und ein sogenannter 
Selbstbehalt” von 50 Mark habe sich 
eingebürgert. 

Mehrere Millionen Mark nimmt der 
Bundesgrenzschutz von illegalen 
Flüchtlingen auf diese Weise ein. Ge¬ 
messen an der Milliarde Mark, die die 


[8] SF 2/98 





Bundesrepublik seit 1993 zur Auf¬ 
rüstung ihrer Grenzen ausgegeben hat, 
mögen das die berühmten peanuts sein. 
Menschen, die in ihrer Heimat das letzte 
Hab und Gut verkauft und buchstäblich 
alle Mittel zusammengekratzt haben, 
um vor Mord, Terror, Hunger und Krieg 
zu fliehen, und denen das Land ihrer 
Hoffnung diese letzten Mittel abnimmt, 
sehen das anders. Ein Tschetschenischer 
Rechtsanwalt: “Ich werde niemals mehr 
versuchen, nach Deutschland zu kom¬ 
men. Selbst wenn sie mich an der Hand 
nähmen und mich einladen würden. 
Denn sie haben mich auf demütigende 
Weise behandelt: Zuerst sagten sie, “ja, 
kommen Sie ruhig her!” unddann legten 
sie uns Handschellen an und nahmen 
uns unser Geld ab. Ich habe keinerlei 
Vertrauen mehr in eine gerechte Be¬ 
handlung. Ich fühle mich zutiefst 
verletzt.” 

Daß die Geldstrafen Plünderei, ja 
Wegelagerei seien, nur mühsam ka¬ 
schiert durch ein passend interpretiertes 
Gesetz, weist der Grass-bekannte Par¬ 
lamentarische Staatssekretär beim Bun¬ 
desinnenminister, Eduard Lintner, CSU, 
entrüstet zurück: “Ich halte sie für 
gerechtfertigt. Und ich würde mich auch 
gegen diese moralische Argumentation 
etwas wehren wollen. Wir sind ein 
außerordentlich dicht besiedeltes Land. 
Wir selber also haben mit bezug auf die 
deutschen Einheimischen eine Menge 
Probleme, von Wohnungsunterbring¬ 
ung bis zum Arbeitsplatz. Deshalb ge¬ 
hört alles, was also zur Verhinderung 
dieser illegalen Einreise beiträgt, na¬ 
türlich auch etwa die Beteiligung 
derjenigen, die Kosten verursachen, an 
diesen Kosten, mit zu den berechtigten 
Maßnahmen. Es ist also ein Abschrek- 
kungsmittel, das also mit eingesetzt 
wird. Es geht um den abschreckenden 
Effekt. 

B is auf 50 Mark darf einem Flüchtling 
alles Bargeld abgenommen werden. 
Dieser sogenannte Selbstbehalt reicht 
nach Ansicht der deutschen Innen- und 
Grenzbehörden aus, damit ein Flücht¬ 
ling überlebt, nachdem er von Deutsch¬ 
land nach Polen oder in sein Her¬ 
kunftsland, in jedem Fall aber ins Un¬ 
gewisse zurückschickt wurde. 

Kein Wunder, daß angesichts der 
immer höheren Barrieren an der deut¬ 
schen Ostgrenze, seien sie nun elek¬ 
tronischer, strafrechtlichem Art oder 
aus Fleisch und Blut, der Markt für 

Fluchthelfer parallel dazu wächst. Denn 


die Gründe für die Flucht nach Deutsch¬ 
land, nach Frankreich, England oder in 
sonst ein westeuropäisches Land, sind 
die gleichen geblieben. Nicht nur die 
im Vergleich zu Polen besseren Le¬ 
bensmöglichkeiten ziehen Flüchtlinge 
von Osteuropa aus weiter westlich. 
Auch die Tatsache, daß viele Flüchtlinge 
eher deutsch, englisch oder französisch 
als polnisch sprechen,oftsogar in einem 
der EU-Länder gearbeitet haben, mo¬ 
tiviert sie, hier Zuflucht zu suchen. 

An diesem Interesse setzen die An¬ 
gebote von Fluchthelfern an. Und daran, 
daß Flüchtlinge von ihren Verfolgern 
in der Regel keine, im Sinne der deut¬ 
schen Behörden, gepflegten Reise¬ 
dokumente ausgestellt bekommen, mit 
denen sie legal ihr Zielland erreichen 
könnten. Ein Flüchtling ohne Visum, 
ohne Ausreise- und Einreisepapiere, 
braucht also jemanden, der ihm ent¬ 
weder falsche Papiere besorgt oder 
unbewachte Grenzübergänge zeigt, ihn 
vielleicht sogar hinüber führt. 

Fluchthilfealso. In Deutschland keine 
unbekannte Vokabel, keine neue Dienst¬ 
leistung. Zehntausende sind im Nazi¬ 
reich mit fremder Hilfe ins Ausland 
geflohen. Und auch vor dem Zusam¬ 
menbruch der DDR sind Tausende nach 
Westen geschleust worden. Die dama¬ 
ligen deutsch-deutschen Fluchthelfer 
handelten durchaus nicht immer aus 
uneigennützigen Motiven, sondern wa¬ 
ren - sozusagen - Geschäftsleute. Einer 
von ihnen, Albert Schütz, hat vor zehn 
Jahren in einem Rundfunk-Interview 
über seine Arbeit Auskunft gegeben; 
über seine" Auftraggeber, zu denen die 
Berliner Westalliierten und der deutsche 
Geheimdienst gehörten; über das An¬ 
fertigen falscher Pässe; darüber, wie er 
Flüchtlinge im Kofferraum seines Autos 
über die Grenze brachte und über die 
Motive seiner Tätigkeit: 

“Nein, es waren keine humanitären 
Gründe. Denn die Menschen, die kannt 
ich ja gar nicht, hab ich noch nie in 
meinem Leben gesehen gehabt, ich weiß 
auch nicht, aus welchen Gründen die 
die DDR oder die Ostzone da verlassen 
wollten. Die Gründe waren die, daß ich 
mich dazu verpflichtet habe, diese Leute 
zu holen. Und das war meine Aufgabe, 
ich wurde dafür bezahlt, und somithatte 
es sich.” 

Die Arbeit und die Motive der DDR- 
Fluchthelfer scheinen mit dem Ende 
des anderen deutschen Staates schnell 
in Vergessenheit geraten zu sein. Aus¬ 


serdem kommen seitdem ja nur noch 
Flüchtlinge aus anderen Erdteilen. So 
wird Staatssekretär Eduard Lintner 
sicher nicht allein dastehen, wenn er die 
damaligen Fluchthelfer mitden heutigen 
nicht verglichen haben möchte: 

“Also, das hat miteinander nichts zu 
tun. Die damalige Fluchthelfer-Szene, 
wenn Sie so wollen, war ja gerechtfertigt 
dadurch, daß sich’s bei den DDR- 
Deutschen auch um deutsche Staats¬ 
angehörige in unserem Sinne gehandelt 
hat. Ich will nur sagen, die Fluchthelfer- 
Szene von damals war eine Mischung 


Brandneu! 





JL. H \ 

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Syndikat 

anarchosyndikalistischer 
Medienvertrieb ^1. 

damit euch nicht Hören und Sehen vergeht.. 


SF 2/98 [9] 










Foto: R. Maro/Version 


von Idealisten - ich will nicht aus¬ 
schließen, daß da auch Professionelle 
involviert waren. Aberdas hat überhaupt 
nichts zu tun mit der heutigen Szenerie. 
Heute handelt es sich um kriminelle 
Organisationen, in der Regel geführt 
im Ausland. 

Sie haben deutsche Helfershelfer, das 
ist richtig, aber die Köpfe sitzen im 
Ausland. Die Hauptmacher sind eben¬ 
falls Ausländer, sitzen zum größten Teil 
im Ausland. Also, das hat mit der 
Fluchthelfer-Szene von damals nichts 
zu tun.” 


Seite mildem Auto abgeholt wird. Und 
mehrere tausend kann es kosten, wenn 
der Transport vom Flucht- bis ins Ziel¬ 
land organisiert wird. Obwohl sich unter 
den Fluchthiife-Organisationen etliche 
fragwürdige und kriminelle Elemente 
tummeln - der kriminalisierte Markt 
produziert sie naturgegeben - : ihre 
Dienste werden und müssen angenom¬ 
men werden. 

Flüchtlinge erleben die Tätigkeit von 

Fluchthelfern ohnehin ganz anders als 
ihre, sozusagen, natürlichen Gegner, 
die Grenzbeamten. Geht es den einen 



Fluchthelfer, Schlepper, Schleuser. 
Nach Schätzungen des Bundesgrenz¬ 
schutzes kommt auf jeden, der an der 
deutsch-polnischen Grenzen beim 
illegalen Grenzübertritt gefaßt wird, 
mindestens einer, der unerkannt durch¬ 
kommt. Wahrscheinlich ein Fünftel von 
ihnen schafft es mit fremder Hilfe. 

Die Bundesgrenzschutzoffiziere in 
Frankfurt an der Oder z.B. kennen auch 
die Preise. Für eine Handskizze mit 
Eintragungen von Grenze, Fluß, 
Wachstationen und Fußwegen werden 
fünfzig Mark verlangt. Für noch einmal 
fünzig Mark drauf geht ein Einhei¬ 
mischer bis an die polnische Seite des 
Grenzflusses mit und zeigt, wo man am 
günstigsten hinüberschwimmen kann. 
Das kostet immerhin weniger als die 
Hälfte dessen, was der Bundesgrenz¬ 
schutz für den Rücktransport verlangt. 
Mehrere hundert Mark muß ein Flücht¬ 
ling zahlen, wenn erauf der deutschen 


um die Abwehr gesetzlich nicht Zuge¬ 
lassener, so ist es für die anderen oft die 
Todesangst, die sie außer Landes treibt 
und sie auf Gedeih und Verderb die 
angebotene Hilfe annehmen läßt. Die 
Kosten spielen dabei eine zweitrangige 
Rolle. Der Mann, der im folgenden 
seine Fluchtgeschichte erzählt, ist mit¬ 
hilfe einer Schleuserorganisation aus 
dem Iran geflohen. Dort drohten ihm 
Verfolgung und Tod, weil er politisch 
gegen das Regime kämpfte. Nur mit 
Unterstützung von Freunden seiner 
Partei konnte er die geforderten 20 000 
Mark für die Fluchthelfer bezahlen. Eine 
Edelschleusung, nach der Charak¬ 
terisierung eines Grenzschutzoffiziers. 
Mehmet Babaak, ein grauhaariger 
schlanker Mann in den Fünfzigern, sitzt 
in seiner kleinen Wohnung und erzählt: 

“Ich bin bis in eine Stadt nahe der 

Grenzezwischen Iran, Afghanistan und 

Pakistan gefahren. Dann sind diese 


Leute gekommen. Und ich habe diese 
spezielle belutschische Kleidung ange¬ 
zogen und bin dann mit dem Motorrad 
eines dieser Belutschis in ein Dorf im 
Iran gefahren. Er ist weggegangen und 
hat gesagt, er werde nach 2 Wochen 
wiederkommen. Ich habe eine Nacht 
im iranischen Teil des Dorfes über¬ 
nachtet, dann kamen schon am nächsten 
Tag mittags um 12.00 Uhr zwei Be¬ 
lutschis mit zwei Motorräder und wir 
sind schnell rüber mit den Motorrädern 
nach Afghanistan. In diesem Moment 
war keine Kontrolle, denn diese Leute 
wissen, wann die iranische Kontrolle 
ist, und sie wissen auch, daß zu dieser 
Zeit keine afghanische Kontrolle in 
Sichtweite war. 

Danach lebte ich in einem Dorf nahe 
der afghanisch-iranischen Grenze. 
Dieses Dorf stand unter Kontrolle der 
Mudjahedin. Ich habe dort 2 Wochen 
illegal gewohnt, in einem Dorfzimmer, 
kein Fenster, Löcher waren in der Wand 
der Wind pfiff hindurch: Für die Be¬ 
lutschis war mein Aufenthalt gut, denn 
die einfachen Leute bekommen Geld, 
wenn sie jemanden unterbringen, sie 
machen das nicht aus politischer Über¬ 
zeugung. 

Dann nach 2 Wochen kam meine 
Frau. Meine Frau und dann noch ein 
junger Mann. Sie sind mit Auto gekom¬ 
men, nicht mit dem Motorrad, sie 
blieben noch eine Nacht im Dorf und 
dann am Morgen fuhren wir weiter. Zur 
Grenze zwischen Afghanistan und 
Pakistan, die von einem grossen Fluss 
gebildet wird.” 

Schon bis hierher konnte die Flucht 
nur mit zahlreichen Mitwissern und 
Helfern gelingen. An sie mußte der Or¬ 
ganisator der Flucht natürlich Schwei¬ 
gegelder zahlen und versprochenen 
Lohn. Doch die lange Flucht von 
Mehmet Babaak war noch längst nicht 
beendet. 

“Und dann brauchten wir einem Tag 
mit dem Floß. Es hatte keine Stangen, 
kein Ruder und daß, obwohl dieser Fluss 
sehr stark Strömungen hatte. Zwei 
schwammen vorne und zwei hinten, 
nur wir blieben drauf, wir, dieser Chef, 
meine Frau, dieser Junge und ich. Auf 
andere Seite angekommen, sind die 
Belutschis gleich zurückgekehrt. Im 
pakistanischen Teil, dem anderen Teil 
des Flussufers, warteten zwei Belutschis 
aus Pakistan mit einem gutem 
japanischen Auto. Später dann haben 
wir in eine Dorf geschlafen. B is Karachi, 


[ 10 ] SF 2/98 







glaube 95% der Iraner könnten nicht 
weg/’ 

Mithilfe vieler und ganz unter¬ 
schiedlicher Menschen haben es Meh¬ 
met Babaak und seine damalige Ehefrau 
geschafft, Folter und Tod zu entfliehen. 
Kriminelle Schlepperbanden, das alles? 

Auch an der polnischen Grenze leben 
nach Aussagen der Grenzbeamten auf 
der polnischen Seite ganze Dörfer von 
der Fluchthilfe. Mafiose Schleuserkri¬ 
minelle? 

Claudia Roth, Fraktionssprecherin der 
Grünen im Europaparlament, berichtet 
von den Hintergründen für diese so 
krasse und einhellige Sprachregelung. 
Es habe 1993 ein Treffen von über 30 
Innenministern in Budapest stattgefun¬ 
den, im März 1993. Da sei etwas 
gelungen, das wirklich “maliziös” sei, 
“ideologisch briiliant”. “Es ist nämlich 


schwer, wir mußten in einem anderen 
Land nochmal vonNullanfangen. Alles. 
Keine Sprache. Nichts, gar nichts. Dann 
habe ich überlegt, wie wir falsche Pässe 
besorgen könnten. Zwei Wege gibt es 
raus aus der Türkei. Entweder mit dem 
Flugzeug mit einem richtigem falschen 
Paß. Oder mit Zug oder Auto, auf dem 
Landweg ohne Papiere. Aber dieser 
Weg ist ziemlich schwierig. Ich habe 
darüber viel gehört, von großen Schwie¬ 
rigkeiten. Mit Kinder wollte ich das 
nicht risikieren. Dann habe ich ent¬ 
schieden : Entweder fliehen wir mit dem 
Flugzeug oder bleiben in der Türkei. 

Ich habe Kontakt aufgenommen zu 
einem Freund in Deutschland. Ihn habe 
ich gefragt, ob er uns helfen kann. Er 
hat gesagt: Ja, ich versuche es. Und er 
hat es geschafft, meinem Sohn und mir 
Pässe zu besorgen. Ich habe meinem 
Sohn erklärt, was er tun muß, falls ich 


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wohin wir mußten, brauchten wir vier 
Tage, vier Tage mit dem Auto. Auf 
diesem Weg wußten alle Polizisten, wer 
kommt. Die Belutschis bezahlten sie. 
Wir sind auch verpflegt worden, haben 
gegessen, es war klar, in welchem Dorf 
wir schlafen würden. Die ganze 
Organisation klappte wunderbar. Dann 
wir waren in Karachi. 

In Karachi waren Mehmet Babaak 
und seine Frau ungefähr 25 Tage. Sie 
wollten von dort nach Frankreich, denn 
das schien ihnen am ehesten möglich. 
Doch die französische Botschaft sagte, 
auf Visa müßten sie warten. In Karachi 
zu warten, war jedoch gefährlich für die 
beiden. Sie hatten als Kommunisten im 
Iran gearbeitet; und als Kommunisten 
waren sie auch in Pakistan nicht sicher. 

“In Karachi hat uns dieser Chef 
Passports besorgt und etwas Geld. Und 
als ich den Paß aufschlug, habe ich 
gesehen, der Stempel ist drin, alles o.k. 
Der Paß war natürlich ein richtiger Paß, 
aber der Stempel war falsch. Aber gut. 
In diesen 25 Tage habe ich das Büro 
unserer Fluchthelfer kennengelernt. 
Noch ein junger Mann, 24, 25 Jahre, 
saß da, Krawatte um, sehr elegant. Viele 
iranische Flüchtlinge gingen ein und 
aus und wollten Hilfe. 

Dann endlich hat unser Chef gesagt, 
die Situation im Flughafen ist o.k., ihr 
könnt fliegen. Da hab ich erst begriffen, 
daß dieser eine Mann, der in diesem 
Büro sitzt, gleichzeitig ein Offizieller 
im Flughafen war. Im Büro war inziviler 
Kleidung, am Flughafen war er in 
Uniform. Wir mußten durch 2, 3 Kon¬ 
irollen und ich habe gemerkt, die Of¬ 
fizielle wissen alle, was los ist, daß wir 
Iraner sind, in welcher Situation wir 
sind. Diese Bande hat auch die Leute 
am Flughafen bezahlt. Alles war o.k.” 

Mehmet Babaak erzählt das recht 
ruhig, nimmt hin und wieder einen 
Schluck Tee. Die Erlebnisse liegen 
e inige Zeit zurück. Aber trotzdem: Wie 
1 st er mit der Angst fertig geworden in 
diesen langen Wochen. Mit der Angst 
v or Entdeckung, vorBetrug, vor Verrat? 

Immer hast du Angst. Aber wenn du 
am Ende siehst, alles ist o.k., mußt du 
sagen: “V ielen Dank”. Ohne Hilfedieser 
Bande wäre ich vielleicht bis jetzt im 
Gefängnis oder tot. Manchmal sind 
Frauen alleine geflohen und du denkst 
jetzt, daß ist sehr gefährlich, zu gefähr¬ 
lich. Aber mit Hilfe dieser Bande sind 
a uch junge Frauen alleine aus dem Iran 
geflohen. Ohne Hilfe dieser Leute, ich 


gelungen, eine Umdefiniton vorzu¬ 
nehmen: Aus Fiuchthilfeorganisatio- 
nen, die so benannt worden sind, als es 
noch die Mauer gab oder den soge¬ 
nannten Eisernen Vorhang, wurden in 
Budapest, in der Budapester Konferenz 
per Definition Schlepperbanden. Sie 
wurden per Definition zu schwerkrimi¬ 
nellen Organisationen und Schwerkri¬ 
minellen umbenannt.” 

Erdogan Akhanli ist ein Flüchtling, 
der es trotzdem geschafft hat. Als ehe¬ 
maliges Mitglied einer linken Orga¬ 
nisation war er in der Türkei mehrere 
Jahre in Haft, wie auch seine Frau. 
Nach ihrer Freilassung lebten sie eine 
zeitlang in der Illegalität. Als die 
Verfolgungen immer schärfer wurden, 
entschieden sie sich, mit ihren beiden 
Kindern das Land zu verlassen. 

“Für uns war das natürlich ziemlich 


am Flughafen festgenommen worden 
wäre. Er war ja erst sieben Jahre alt. Er 
hat das akzeptiert, aber er wurde ein 
wenig krank, er hat ein bißchen Fieber 
bekommen. Als wir im Flughafen wa¬ 
ren, war er sehr gut, wunderbar, er hat 
es geschafft. Wir sind unproblematisch 
nach Köln geflogen und dann hab ich 
für meine Frau und für meine Tochter 
Pässe besorgt und mit Kurier geschickt. 
Auch sie ist ohne Probleme geflogen.” 

Erdogan Akhanli ist nach seiner 
Flucht in Deutschland als politisch 
Verfolgter anerkannt worden. Neun von 
hundert Asylbewerbern bekommen von 
den deutschen Behörden diesen Status 
zuerkannt. Eine verschwindende Min¬ 
derheit derer, die den schweren Weg 
der Flucht gehen. Ohne Helfer hätte die 
Familie es nicht geschafft 







I. Machtlose Parlamente 

In der Nibelungenhalle dort drüben 
sitzen die Vertreter derCSU zusammen 
und beraten über Politik. Dabei sitzen 
sie einer gefährlichen Illusion auf, 
nämlich der, daß noch immer sie es 
sind, die die Politik Bayerns - oder 
Passaus - bestimmen. Seit geraumer 
Zeit wird nämlich die Politik - ins¬ 
besondere die Wirtschaftspolitik - 
faktisch nicht mehr von den gewählten 
Volksvertreterinnen gemacht sondern 
in den Chefetagen der großen Trans¬ 
nationalen Konzerne und der Banken. 
Diese Abdankung der Politik vor der 
Wirtschaft hat der Wirtschaftsminister 
Rexrodt vor einiger Zeit in schönster 
Klarheit formuliert: Wirtschaftspolitik 
werde in der Wirtschaft gemacht, sagte 
er. 

Frage: Warum tagen die denn da noch 
immer? Oder bekommen sie da etwa 


II. MAI: Ein Dracula, der 
das Licht des Tages 
scheut. 

Ich möchte wetten, daß nur wenige der 
Abgeordneten der CSU, die dort drüben 
tagen, genau wissen, was das MAI ist. 
Das gilt nicht nur für die Land¬ 
tagsabgeordneten, sondern auch für die 
Bundestagsabgeordneten. Diese wußten 
z.B. bis vor einigen Wochen nichts über 
das MAI. Als Berliner Studentinnen im 
Januar Oskar Lafontaine bei einem 
Pressetreffen baten, Stellung zum MAI 
zu nehmen, antwortete er: "Ja, sowas 
hat schon mal auf meinem Schreibtisch 
gelegen. Ich glaubte es sei eine Sekte". 
Schlimmer noch: Als der Wirtschafts- 
ausschußdesBundestagesam 14. Januar 
das MAI mündlich erörtern sollte, hatten 
die Abgeordneten den Verhandlungs¬ 
text noch nie zu Gesicht bekommen. 
Man hatte ihnen gerade eineinhalb 


M.A.I.- die geplante Herrschaft 
der Konzerne 

■ ■ , Vortrag, gehalten am 25.2.1998 in Passau 

|(anläßlich der Studentendemonstration zum politischen Aschermittwoch der C$U)| 

von Maria Mies 


ihre Anweisungen von “der Wirt¬ 
schaft”? 

Was ich hier sage, ist nicht Polemik 
sondern Fakt. Keiner der Abgeordneten 
Bayerns oder Passaus sitzt mit am Ver¬ 
handlungstisch der OECD in Paris, wo 
seit Mai 1995 über ein Multilaterales 
Ab-kommen für Investitionen ver¬ 
handeltwird, das MAI,ein Abkommen, 
das von Renato Ruggiero - dem Chef 
der WTO “eine neue einheitliche Ver¬ 
fassung der Weltwirtschaft” genannt 
wurde. Dieses, Abkommen geht weit 
über das hinaus, was alle regionalen 
und globalen Pakte zur Deregulierung, 
Privatisierung und Liberalisierung der 
Wirtschaft: GATT/WTO, EU, (Maast¬ 
richter- und Amsterdamer Vertrag) 
NAFTA, APEC, MERCOSUR bisher 
geschaffen haben. 


Seiten Papier in die Hand gedrückt. E 
SPD-Abgeordnete Dr. Skarpelis-Spe 
machte dann einen Aufstand - sie ha 
sich das Originaldokument aus d« 
Internet besorgt - und forderte ei 
offene Aussprache im Bundestag üb 
das MAI. 

Diese Geheimhaltungspolitik ist 
allen OECD-Ländem befolgt worde 
Sie wurde im Frühjahr 1997 V( 
Aktivistinnen aus der Umwelt-, A 
beiter-, Frauen-und Drittweltbewegu: 
zunächst in Kanada durchbrochen. S 
hatten sich den Vertragstext besori 

ihnanalysiertundeinebreiteAnti-M/ 

Kampagne begonnen. 

In allen Ländern USA, Kanada, En 
land, Holland, Deutschland, Österrei 
erfuhren die gewählten Volksvertrel 
erst vom Volk, was das MAI ist ui 
welche Gefahren es beinhaltet Ui 
diese Volksvertretersollen dann diese 
Vertragswerk, das im April 19 < 
paraphiert werden soll, zustimmen. 

Warum diese Geheimhaltung? Sie h 
Methode. 


’Es ist legitim , den normalen Bürger 
nicht zu informieren, unter welchen Be¬ 
dingungen ein Konzern im Ausland 
investieren soll ”, sagte Dr. Zimmer vom 
Wirtschaftsministerium einer De¬ 
legation von Gewerkschaftern im letzten 
Juni, als diese den Originalvertragstext 
des MAI sehen wollten. Ähnlich argu¬ 
mentierte auch Staatssekretär Klaus 
Jürgen Hedrich vom Entwicklungs¬ 
ministerium während des Funkhausge¬ 
sprächs des WDR am 26.2.98: Die Glo¬ 
balisierung sei ein Fakt, sie würde 
bleiben, man könne nichts dagegen tun. 

Die Welt wächst zusammen zum 
'Globalen Dorf " sagte Herr Hedrich, 
“dazu gibt es keine Alternative. Das 
bedeutet auch die Aufgabe bestimmter 
Souveränitätsrechte ”. Als ich ihn fragte, 
warum das Volk als Souverän nicht 
wenigstens darüber informiert würde, 
wenn die gewählte Regierung Souve¬ 
ränitätsrechte zugunsten global operie¬ 
render Konzerne aufgäbe, antwortete 
er sinngemäß, die Bevölkerung könne 
doch nicht über jeden kleinen Verwal¬ 
tungsakt informiert werden. 

Ähnlich wurden ja auch schon die 
früheren Verträge zur Durchsetzung der 
neo-liberalen Freihandelspolitik welt- 
weit und regional: GATT/WTO (1994), 
EU (Maastricht), NAFTA, APEC, 
MERCOSUR ohne öffentliche Debatte 
ver-abschiedet. Selbst heute wissen 
Studentinnen, Mitglieder der Parteien 
und “normale Bürger” nicht genau, was 
die Uruguay-Runde, was GATT und 
WTO bedeuten. Diese Ignoranz ist ge¬ 
wollt. Denn wenn die Leute verstünden, 
was da verhandelt wird, wenn die “freie 
Presse” sie richtig informieren würde, 
würden sie auf die Barrikaden gehen. 
Statt dessen werden sie eingelullt mit 
Lügen wie: Globalisierung müsse sein, 
Auslandsinvestitionen schafften 
Wachstum und Arbeitsplätze, unser 
Lebensstandard hinge von der vollen 
Freiheit für die Multis ab. 


III. Was bringt das MAI? 

1. Es bringt den Multis, den Banken, 
Geldspekulanten bisher nicht gekannte 
Macht, überall in der Well, in allen 
Bereichen, alles unter der Sonne zur 
“Investition” zu erklären und dort ihre 
profitträchtigen Geschäfte zu machen, 
ohne von einer nationalen oder subna¬ 
tionalen Regierung (Land oder Ge- 


[12] SF 2/98 



meinde) kontrolliert, eingeschränkt oder 
reglementiert zu werden. Die Regie¬ 
rungsvertreter bei derOECD sind offen¬ 
sichtlich bereit, große Teile der natio¬ 
nalen Souveränität - nämlich die Ge¬ 
staltung einer eigenen menschen- und 
naturfreundlichen Wirtschaftspolitik, 
den Multis und ihren Profitinteressen 
auszuhändigen. 

2. Diese Selbstentmachtung erfolgt 
v or allem durch die Klauseln über die 
“nationale Behandlung” und die “Meist¬ 
begünstigten” Klausel. Konkret heißt 
das: keine Bundes- Länder-, Gemein¬ 
deregierung darf einheimische, lokale 
Firmen gegenüber ausländischen Inves¬ 
toren und Investitionen bevorzugen 
(etwa durch Steuervorteile, Subven¬ 
tionen und ähnliche Anreize). Wenn 
z.B. der bayrische Staat einheimische 
Kleinbetriebe, etwa im Restaurant¬ 
bereich, durch solche Vergünstigungen 
fördern will, muß er dieselben Ver¬ 
günstigungen auch einem US-Multi 
gewähren. Die Folge ist klar: Der US- 
Multi - etwa Mc Donalds - wird die 
bayrischen Kleinbetriebe wegkonku¬ 
rrieren. 

In Deutschland ist die Sache be¬ 
sonders brisant in Bezug auf Ost¬ 
deutschland. Ausländische Investoren 
würden nach dem MAI in den neuen 
Bundesländern dieselben Subventionen 
erhalten wie ostdeutsche Firmen. 

3. Weiterhin geben die Regierungen, 
die das MAI unterzeichnen, das Recht 
auf > v on den Konzernen bestimmte 
Leistungen zu fordern: etwa die, daß sie 
eine bestimmte Zahl von Arbeitsplätzen 
schaffen oder erhalten, daß sie lokale 
Arbeitskräfte einstellen, einheimische 
Rohmaterialien verarbeiten, lokale 
Dienstleistungen anheuem, Gesetze 
zum Schutz der Landnutzung respek¬ 
tieren, Profite in diesem Staat, Land 
und dieser Gemeinde reinvestieren 
müßten. Alle diese Leistungsanforde- 
rungen sind nach dem MAI verboten. 

4. Das MAI macht es Staaten auch 
unmöglich, den Import und Export von 
Kapital oder Währungsspekulationen, 
oder Portfolio Investitionen zu regle¬ 
mentieren. Der Spekulation wird Tür 
und Tor geöffnet und plötzliche' Fi¬ 
nanzeinbrüche wie in Ost- und Süd¬ 
ostasien sind vorherzusehen. 

5. Staaten dürfen ausländische In¬ 
vestoren weder "direkt noch indirekt 
enteignen', oder Maßnahmen ergreifen, 
die einen ähnlichen Effekt haben, ohne 


direkte Entschädigung. Unter MAI-Be- 
dingungen wird aber bereits die Aus¬ 
sicht, daß einer Firma zukünftige Profite 
wegen eines bestimmten Gesetzes ent¬ 
gehen könnten, als “Enteignung” be¬ 
zeichnet. 

Beispiel: DieEthyl-Corporation (US A) 
verklagt den kanadischen Staat auf 
Schadensersatz in Höhe von 251 Mil¬ 
lionen US-Dollar, weil dieser letzten 
April ein Gesetz zum Verbot von MMT 
in Benzin erlassen hat. MMT ist eine 
toxische Substanz, die Ethyl-Corpo- 
ration produziert. Sie vergiftet die Luft. 
Ethyl-Corporation verklagt Kanada 
nach den Regeln von NAFTA - dem 
Vorbild für das MAI - wegen “in¬ 
direkter Enteignung”, d.h. wegen ent¬ 
gangener zukünftiger Profite und der 
Schließung seiner Firma in Kanada. 
In ähnlicher Weise verklagt eine kali¬ 
fornische Müllentsorgungsfirma den 
mexikanischen Staat, weil dieser nicht 
erlauben will, daß diese Firma Sonder¬ 
müll in Mexiko ablädt. 

6 . Letztere Fälle machen deutlich, 
was das neue Streitschlichtungsver¬ 
fahren im MAI bewirken kann. Kon¬ 
zerne können nach dem MAI Staaten 
verklagen und haben dabei einen 
ähnlichen Status wie Staaten selbst. Sie 
können diese Klagen bei einem natio¬ 
nalen Gericht einreichen, sie können 
aber auch zu einer internationalen 
Streitschlichtungsstelle gehen, die nicht 
demokratisch legitimiert und kon¬ 
trolliert ist, wo Vertreter der Industrie 
dominieren. 

7. Schutz vor Unruhen: Die unter¬ 
zeichnenden Staaten haben für ein 
günstiges Investitionsklima zu sorgen. 
Für soziale Unruhen, bürgerkriegs¬ 
ähnliche Zustände - Streiks usw., Stu¬ 
denten- und Bauemdemos, die Profite 
der Investoren schädigen können, müs¬ 
sen die Staaten Entschädigung zahlen. 

8 . Dauer: Ein Staat kann das MAI 
erst nach 5 Jahren kündigen. Für die 
ausländischen Investoren in diesem 
Land gelten aber die MAI-Bestim- 
mungen noch weitere 15 Jahre - also 
dauert das MAI 20 Jahre. 

9. Roll-back und Standstill 
Besonders gefährlich ist das MAI wegen 
jener Klauseln, die verlangen, daß 
Unterzeichnerländer alle ihre Gesetze, 
Regeln, Maßnahmen bis zu einem be¬ 
stimmten “Sunset” - Moment, MAI- 
konform machen. D.h. Umweltgesetze, 
Gesetze zum Schutz von Arbeitsrechten, 



Minderheiten, Frauenförderung, dieden ! 

Investoreninteressen entgegen stehen ! 

könnten, müssen abgeändert oder auf- j 

gehoben werden (Roll-back). • i 

Die Standstill-Klausel verlangt über- i 

dies, daß keine neuen Gesetze und Re- I 

gelungen erlassen werden, die dem MAI ! 

nicht entsprechen. i 

Beispiel: Frauenförderung. Die ge- j 

setzlichen Bestimmungen auf nationaler j 

(deutscher) oder EU-Ebene zur Gleich- j 

Stellung und Förderung vonFrauen sind j 

bereits jetzt so erbärmlich, vage und ! 

zahnlos, daß Frauen kaum eine Ver¬ 
besserung ihrer ökonomischen und 
sozialen Situation erwarten können. Das 
MAI wird diese Situation für die Zukunft 
einfrieren, weil z.B. Gleichstellungs¬ 
forderungen mit Männerlöhnen ein j 

massives Investitionshemmnis wären. . 

10. Das MAI eröffnet der “Dritten 
Welt” gnädig einen möglichen Zutritt 
aber zu den Bedingungen, die die 
OECD-Länder bis dahin festgelegt 
haben. 


SF 2/98 [13] 





Viele Kommentatoren der inter¬ 
nationalen Anti-MAI-Kampagne wei¬ 
sen darauf hin, daß das MAI in seiner 
Konsequenz die Grundlagen eines 
demokratisch verfaßten Gemeinwesens 
zerstört. Nicht mehr gewählte Volks Ver¬ 
treter bestimmen die Wirtschaftspolitik 
sondern riesige, global operierende, 
unkontrollierbare Konzerne, deren ein¬ 
ziges Ziel Wachstum, ungehemmte 
Konkurrenz und Profitmaximierung 
sind. Deshalb sei das MAI nicht zu 
verbessern sondern nur abzu-schaffen. 

Das MAI bedroht nämlich nicht nur 
Umwelt-, Arbeits- und Minderheiten¬ 
rechte, sondern zielt durch seine kon¬ 
sequente Deregulierungspolitik darauf 
ab, nicht nur die Parlamente zu ent¬ 
machten, sondern auch föderale und 
kommunale Strukturen der Selbstver¬ 
waltung und der Autonomie aufzu¬ 
heben. In föderalen Staaten wiez.B. der 
Bundesrepublik, USA oder Kanada 
haben subnationale Gebiete das Recht, 
über einzelne Bereiche selbst zu be¬ 
finden - etwa den Bildungs- und Sozial¬ 
bereich. Auch im Umweltbereich gelten 
viele subnationale Gesetze und Rege¬ 
lungen. Diese stehen einem MAI- 
mäßigen Investitionsschutz im Wege. 

Die Betreiber des MAI beabsichtigen 
nicht, Rücksicht auf Demokratie, Um¬ 
welt, soziale Belange und Menschen¬ 
rechte zu nehmen. Um aber in den Parla- 
menten, die das MAI nach seiner 
Paraphierung bei der OECD ratifizieren 
müssen, nicht auf allzugroßen Wider¬ 
stand zu stoßen, wenden sie die Taktik 
an, diese neuralgischen Punkte im Ver¬ 
tragsentwurf an drei verschiedenen 
Stellen zu erwähnen, die aber keinen 
gesetzlich bindenden Charakter haben: 

1 . in der Präambel, 2. in der Klausel, die 
das Absenken von Umwelt- und Sozial¬ 
standards zum Zwecke der Anlockung 
von Auslandsinvestitionen verbietet, 3. 
im Anhang, wo die Regierungen 
Ausnahmen für einzelne Bereiche 
anmelden können, die sie vor dem 
Zugriff der vollen Brutalität des MAI 
schützen wollen. Die Liste dieser 
Ausnahmen soll inzwischen über 1000 
An-träge beinhalten. Die USA hatten 
im April 1997 bereits 24 Ausnahmen 
an-gemeldet. Diese Ausnahmen be¬ 
treffen z.B. solch wichtige Bereiche 
wie die Energiepolitik, die Politik der 
öffent-lichen Erziehung, der sozialen 
Sicher-heit und Wohlfahrt, der Ge¬ 
sundheit und der Kinderfürsorge. Sie 
fordert eine Ausnahme für alle MAI- 



nicht-konformen Gesetze der Bundes¬ 
staaten und Gemeinden. Damit will sie 
ihre föderale Struktur vor dem MAI 
schützen. 

Kanada undFrankreich verlangen vor 
allem, daß ihre Kulturindustrie vor dem 
Zu-griff des MAI geschützt wird. 

Die deutschen Regierungsvertreter 
hingegen hatten nur 5 solcher Ausnah¬ 
men angemeldet. Sie betreffen haup¬ 
tsächlich den Bereich der Binnenschiff¬ 
fahrt und des Eisenbahnverkehrs. 

Die Liste der Ausnahmen zeigt die 
internen Widersprüche, dieeinem solch 
globalen Abkommen Überinvestitionen 
notwendigerweise innewohnen: Die 


stärksten “global players” z.B. die USA, 
wollen freien Zugang zu allen In¬ 
vestitionsbereichen und -territorien der 
Welt, aber sie wollen dennoch im eige¬ 
nen Land einige Bereiche vor dem Zu¬ 
griffausländischer Investoren schützen. 

Merkwürdigerweise versucht die 
deutsche Regierung nichts Ähnliches. 
Auf meine Anfrage beim Wirtschafts¬ 
minister Rexrodt, warum Deutschland 
- auch ein Bundesstaat wie die USA - 
nicht ähnliche Ausnahmen verlange, 
um z.B. die gesetzgeberische Selbst¬ 
bestimmung der Länder und Gemeinden 


[14] SF 2/98 
















zu schützen, und warum die deutsche 
Ausnahmeliste so kurz sei, bekam ich 
zur Antwort: 

f Die deutsche Ausnahmeliste ist 
deshalb relativ kurz , w/r seit jeher 

e ine liberale Investitionspolitik ver¬ 
folgen. £5 liegt in unserem wirtschaft¬ 
lichen Interesse für mehr Wachstum 
und Beschäftigung , daß sich möglichst 
viele ausländische Unternehmen bei uns 

ansiedeln .. " 

2m 2. £>j> von den USA an ge¬ 


meldeten Ausnahmen für ihre Bundes¬ 
staaten und Gemeinden werden von 
uns und der Europäischen Union (EU) 
nicht akzeptiert. Für Deutschland ist 
ein derartiger Vorbehalt nicht erforder¬ 
lich. Er wäre auch aus verfassungs¬ 
rechtlichen Gründen nicht zu recht- 
fertigen.” 

(Brief des Wirtschaftsministerium 
vom 26. Februar 1998, unterzeichnet: 
Hupperich). 

Es lohnt sich ganz konkrete Anfragen 
zu den MAI-KIauseln an das feder¬ 
führende Ministerium und an die Ab¬ 
geordneten zu richten. Dann erfährt frau/ 
man wenigstens, was die deutsche 
Position beim MAI ist. 

Nach dem Antwortbrief des Wirt- 
schaftsministerium zu urteilen, sind 
nicht die Amerikaner die rabiatesten 
Vertreter einer totalen Investitions¬ 
liberalisierung, sondern die Deutschen. 

IV. Widerstand - Was 
wollen wir? - NEIN zum 
MAI! 

Die internationale Protestbewegung, 
die in Deutschland bisher von der Presse 
noch kaum beachtet wurde, warnt vor 
allem vor den Gefahren der weiteren 
Ab-senkung von Arbeits-, Umwelt- und 
Min-der-heitenrechten sowie der Aus¬ 
höhlung nationaler und kommunaler 
Souveränität. Sie verlangen nicht nur 
den Stop des MAI sondern geradezu, 
daß es vom Kopf auf die Füße gestellt 
wird. 

In den USA und Kanada erklären sich 
ganze Gemeinden, Städte und 
Bundesstaaten, (Provinzen) als “MAI- 
freie Zonen” (z.B. BC in Kanada, die 
Provinz Victoria BC). Sie fürchten mit 
Recht, daß das MAI den “größten 
Verlust der Kontrolle von Kommunen 
über ihre Geschicke in der Geschichte” 
bedeuten wird (Anzeige des Internatio¬ 
nal Forum on Globalization (IFG) in 
InternationalHeraldTribune, 17. Febr. 
1998). Die “MAI-freien Zonen, Pro¬ 
vinzen, Gemeinden, Städte” argumen¬ 
tieren: Wir haben nicht in Paris am 
Verhandlungstisch gesessen. Unsere 
Bundesregierung hat kein Recht, ir¬ 
gendwelche Abkommen über unsere 
Köpfe hinweg zu beschließen. Die M AI- 
Klauseln gelten nicht für uns. Wir 
wollen selbst über unsere Wirtschaft, 
unsere Umwelt, unsere Sozial- und 
Minderheitenrechte bestimmen. 


Das Institut für Politik in Innsbruck 
lädt zum 20. März zu einem Treffen 
aller österreichischen Anti-MAI-Initia- 
ti ven ein, wo ebenfalls eine Diskussion 
über ein MAI-freies Österreich geführt 
werden wird. 

Bei einer Tagung im renommierten 
Renner -Institut in Wien fand eine De¬ 
batte zwischen offiziellen Befürwortern 
des MAI, dem österreichischen Bot¬ 
schafter bei der OECD, Dr. Peter Jan- 
kowitsch, undeinem Vertreter des Wirt- 
schaftsministcrium und einem MAI- 
Gegner statt. Genervt vonden kritischen 
Fragen des Publikums zu den Folgen 
des MAI für die Dritte Welt und für 
Menschenrechte rief der OECD-Bol- 
schafter verärgert aus: 

"Es gehl bei diesem Abkommen um 
Investitionen und nicht um Menschen¬ 
rechte!" 

Genauer und schöner kann man cs 
nicht sagen. Darauf verlangte das Pub¬ 
likum, daß das MAIaufdieFüße gestellt, 
d.h. umgedreht werde: Natürlich müßte 
es eine Regelung für Auslandsinves¬ 
titionen geben. Das MAI aber sei eine 
Reglementierung der Regierungen und 
der Bevölkerung. Umgekehrt jedoch 
müßte die Bevölkerung und ihre frei- 
gewählten Vertreterinnen die Konzerne 
kontrollieren. Nur so würde ein Schuh 
daraus. 

In Deutschland haben kleine Initia¬ 
tiven wie unser Komitee “Widerstand 
gegen das MAI”, Gewerkschafts¬ 
gruppen und Studenten das MAI aus 
der Dunkelheit ans Tageslicht der 
öffentlichen Kritik gezogen. Ein Student 
aus Regensburg hat sogar den Original- 
verhandlungstext ins Deutsche über¬ 
setzt. An vielen Universitäten sind anti- 
MAI-Arbeitskreise entstanden, die das 
Thema diskutieren und an die Öffent- 
lichkkeit bringen. Unser Komitee hat 
im Oktober 1997 ein Dossier erstellt, 
das erste Informationen über diese ge¬ 
plante globale Hcrrschaftdcr Konzerne 
gibt. Die beiden NROs WEED und 
German Watch haben MittcJanuar 1998 
einen Medienworkshop zum MAI 
gemacht. 

Das Wirtschaftsministerium hat am 
14. Januar 1998 auf diese Veröffent¬ 
lichung durch das Volk in der Weise 
reagiert, daß der Originaltext (in Eng¬ 
lisch) beim Wirtschaftsministerium 
angefragt werden kann. Gleichzeitig 
verbreitet die große Presse, die bisher 
zum MAI gehorsam geschwiegen hat, 
Nachrichten, daß die Unterzeichnung 


SF 2/98 [15] 







am 28. April 1998 in Paris nichtzustande 
kommen werde, daß die USA nicht 
mehr mit dem bisherigen Ergebnis zu¬ 
frieden seien und eventuell aussteigen 
würden. 

Die OECD scheint eine ähnliche 
Taktik beim MAI zu verfolgen, wie sie 
vor-her schon bei GATT und den Ver¬ 
trägen von Maastricht und Amsterdam 
an-gewandt wurde: 

Erstens: Geheimhaltung; zweitens: - 
wenn die Proteste zu stark werden - 
plötzliche Veröffentlichung; dritttens: 
Beschwichtigung durch die Presse, die 
Verträge würden verschoben, kämen 
sowieso nicht zustande; viertens: plötz¬ 
licher Vertragsabschluß. 

Sollen wir solche Beschwichdgungen 
glauben? Ich meine nicht. Es geht beim 
MAI ja nicht nur um einen bestimmten 
Vertrag, sondern um die Kulmination 
aller bisherigen Deregulierungs-, 
Privatisierungs- und Globalisierungs¬ 
politik, die auch nach einem eventuellen 
Scheitern des MAI fortgesetzt werden 
wird und das Ziel hat, die Politik der 
Wirtschaft unterzuordnen. 

Aus diesem Grunde organisieren wir 
am 25. April 1998 in Bonn einen in¬ 
ternationalen Kongreß zum MAI und 
zur Globalisierung, auf dem wir über 
die Gefahren dieser Art von Politik in¬ 
formieren und die Menschen zum 
Widerstand aufrufen wollen .2 
Keine Regierung hat das Recht, die 
souveräne Kontrolle der Gemeinwesen 
über ihre Umwelt und ihre Lebens- 
bedingungen den Profitinteressen der 
Multis auszuliefem! 


Am 25. April 1998 findet an der 
Universität Bonn ein Kongreß zum 
Thema statt. Der Kongreß soll eine 
Öffentlichkeit über das MAI hersteilen 
und eine breite, kritische Diskussionen 
anstoßen. Er soll eine Plattform für In- 
formation,poltitischeBildung und Aus¬ 
einandersetzung werden. 

Tony Clarke aus Kanada, Maria Mies 
aus Deutschland, Martin Khor aus Ma¬ 
laysia, Ann Staffort und andere inter¬ 
nationale Referentlnncn sind zu ver¬ 
schiedenen Schwerpunktthemen einge¬ 
laden. 

Im folgenden drucken wir einen Vor¬ 
trag der Kölner Soziologin Maria Mies 
zum Multilateralen Investitionsabkom¬ 
men (MAI). 


Noch ist das MAI nicht tot. 

von Ann Stafford 

Die Verhinderung des Abkommens 
wäre ein idealer Ansatzpunkt für eine 
Kampagne gegen “Freihandel. Das 
“Multilaterale Abkommen über Inve¬ 
stitionen” (MAI) strauchelt. "Bevorwir 
den Kadaver gesehen haben, ist das 
MAI noch nicht tot", meint jedoch ein 

holländischer Aktivist. DieProteste, die 

dazu beigetragen haben, daß das MAI 
nicht, wie ursprünglich geplant, Ende 
April in Paris unterzeichnet werden 
kann, müssen weitergehen. Aktivist¬ 
innen, Nichtregierungsorganisationen, 
Parlamentarierinnen, Studierende und 
andere beteiligten sich an vielfältigen 
Aktionen. Vierzig Aktivistinnen be¬ 
setzten im Februar 1998 das Büro von 
Frans Engering, Verhandlungsleiter des 
MAI, in Den Haag. Das Europäische 
Parlament stimmte im März bei nur 
acht Gegenstimmen dem Bericht des 
Grünen Abgeordneten Wolfgang 

Kreissl-Dörflerzu und lehntedieUnter- 

zeichnung des MAI in seiner jetzigen 
Form ab. Das MAI hätte eigentlich 
bereits im Mai 1997 verabschiedet 
werden sollen. Für die jetzige Verzö¬ 
gerung sorgte auch ein Streit zwischen 
den USA und Europa über die US- 
amerikanischen Helms-Burton und 
D’Amato-Gesetze, die Staaten mit 
Sanktionen belegen, deren Unterneh¬ 
men geschäftliche Beziehungen mit 
Kuba oder Iran und Libyen unterhalten. 
In Frankreich wehrte sich die Kul¬ 
turindustrie gegen das MAI, denn das 
Abkommen würde jegliche Möglich¬ 
keiten verhindern, die französischen 
Filme vor der Übermacht aus Holly¬ 
wood zu retten. Frans Engering, der im 
April zurücktritt, erklärte im März 
öffentlich, daß es im April keine Un- 
terzeichnung des MAI geben wird. Aber 
noch besteht kein Anlaß, die Sektkorken 
knallen lassen denn das Abkommen 
soll trotzdem im Oktober 1998 zum 
Abschluß gebracht werden. Die 
Verhandlungsdelegierten haben ein 
Interesse daran, das MAI in irgendeiner 
Form zu beschließen, bevor die nächste 

f ™ 1 er Welthandels organisation 
(WTO) beginnt. Die OECD-Minister 
werden vermutlich im April eine 
Erklärung verabschieden, welche die 
wichtigstenEckpunktedes MAI festhält 

und die noch strittigen Punkte und 


Ausnahnieregelungen außen vor 
läßt.Diereichen Industrieländer werden 
nichts unversucht lassen, ihren Wunsch 
nach gesicherten Investitionen und 
schrankenlosem Wirtschaftswachstum 
durchzusetzen. Bisher bestehen 1160 
bilaterale, 16regionale sowie sechs mul¬ 
tilaterale Vereinbarungen für Investi¬ 
tionen, und es gilt, ein einheitl iches Ab¬ 
kommen zu erstellen, das global gilt. 
Die meisten Multinationalen Konzerne 
haben ihren Sitz in einem der 29 
reichsten Industrieländer, die in der 
Organisation für Wirtschaftliche 
Entwicklung und Zusammenarbeit 
(OECD) vertreten sind. Der weitaus 
größte Teil des Welthandels wird 
zwischen den drei Blöcken Nordameri¬ 
ka, der EU und Japan/ Südostasien 
abgewickelt - ein Drittel des Handels 
sogar innerhalb der Multis. Als nächsten 
Coup plant die Europäische Kommis¬ 
sion einen “Neuen Transatlantischen 
Markt” (NTM) zwischen der EU und 
den USA. Diese Freihandelszone sieht 
ähnliche Deregulierungsmaßnahmen 
vor wie das MAI, und später könnten 
auch weitere Staaten beitreten.Das MAI 
bedeutet eine Verschärfung eines bereits 
seit einiger Zeit laufenden Globalisie- 
rungsprozesses. Das ungleiche Nord- 
Süd-Verhältnis wird zementiert. Bisher 
wurdendenTrikontstaaten durch Struk¬ 
turanpassungsprogramme - neuerdings 
auch nach der Finanzkrise in Asien - 
brutale Sparmaßnahmen auf Kosten der 
ärmeren Bevölkerung (aber nicht auf 
Kosten der Eliten) und die rücksichts¬ 
lose Öffnung der Märkte auferlegt. Mit 
dem MAI können sich Trikontstaaten 
überhaupt nicht mehr gegen die Plün¬ 
derung und Ausbeutung durch Multis 
wehren. Die Deregulierung wird nun 
weltweit auf den Punkt gebracht, es 
handelt sich sozusagen um das i-Pünkt¬ 
chen auf der Deregulierung, d.h. dem 
freien Spiel” der Marktkräfte: Die 
Konzerne können sich nun noch hem¬ 
mungsloser “auf freier Wildbahn” be- 
wegen.Dennoch ist es nicht so, daß 
Nationalstaaten durch diesen Prozeß 
geschwächt oder gar aufgelöst werden 
- sie erhalten bloß eine andere Funktion 
(vgl. zu diesem Thema die neuesten 
Bücher von Joachim Hirsch). Multis 
und Staat stehen nicht gegeneinander, 
denn die Politikerinnen folgen den 
Interessen des Kapitals, getreu dem 
Motto “was gut ist für General Motors, 
ist gut für alle”. 


1**1 SF 2/9 8 





* • # 0 * 
* ßß* 






m 

m 


Anarchistisches Forum in der 


Schweiz 


Im Januar ’98 fand in Biel seit langem 


wieder einmal ein anarchistisches 


Treffen mit etwa 80 Teilnehmerlnenn 
aus der gesamten Schweiz statt. Auf¬ 
fallend war die grosse Teilnahme junger, 
unorganisierter Leute aus der deutsch¬ 
sprachigen Schweiz, in der die an¬ 
archistische Bewegung bisher eher 
schwach war. 

Diskutiert wurden in den zwei Tagen 
u.a. über eine zukünftige Koordination, 
die Anti-WTO-Kampagne, Medien, 
Anarchismus im Alltag, Feminismus 
und über die Geschichte des Anar¬ 
chismus in der Schweiz. Konkret 
beschlossen wurden jährlich zwei 
Treffen, eine stärkere Koordination und 
ein zweimonatliches Bulletin, zu dem 
alle Gruppen und Projekte ihre Termine, 
Flugblätter, Kampagnenvorschläge, 
Plakate oder Diskussionspapiere bei 


steuern können. Darüber hinaus soll 


eine Broschüre anarchistische Gruppen 


in der Schweiz vorstellen. Weitere Infos: 


A-Info, PF 580, CH-8037 Zürich. 



3. Anarchistisches Sommercamp 

Vom 31. Juli bis 9. August 1998 
findet in der Umgebung von Berlin das 
3. anarchistische Sommercamp statt. 
Selbstorganisiert vom Kochen bis zu 
den Arbeitsgruppen, bietet es viel Raum 
zum Kennenlemen, Spielen und Dis¬ 
kutieren. Sport- und Spielplätze sowie 
eine Wildwasserbadestelle grenzen an 
das Gelände an. 

Die finanzielle Beteiligung sollte je 
nach persönlicher Situation zwischen 
90 und 140 Mark liegen. Anmel¬ 
deschluss für die maximal 300 Teil¬ 
nehmerinnen ist der 15. Juli. 

Anmeldungen mit Adresse, Anzahl 
der Personen und vielleicht schon Ideen 
AGs an: Jugendumweltladen, c/o 
Andreas, Jagowstr. 12, 10555 Berlin; 
Fax 030 - 405 33 639;, Tel 0177 272 49 
03;, E-mail acamp@jpberlin.de 



FLI - forum für libertäre 
Informationen 




Geld oder Leben? 

Eine Karawane von Frankfurt nach 
Genf zum Jahrestreffen der Welt¬ 
handelsorganisation (WTO) ist im Mai 
eine von weltweit vielen Protestaktionen 
gegen neoliberale Wirtschaftspolitik. 
Aktuelle Anlässe gibt es genug: das 
Jahrestreffen, 50 Jahre GATT und die 
neueste Kreation, das Multilaterale 
Agreement of Investment , kurz MAI 
genannt. (Näheres dazu auch in diesem 
Heft) Treffpunkt aller Teilkarawanen 
oder Gruppen ist am Samstag dem 2. 
Mai in Bankfurtam Main, danach folgen 
Tagestouren über Darm Stadt, Hei¬ 
delberg, Karlsruhe und Freiburg bis 
nach Basel am 9. Mai. Die Strecke nach 
Genf liegt noch nicht fest. Tagsüber 
bewegt sich die Karawane aus Fahr¬ 
rädern, Wagen, Trecker und Lkws im 
Radlertempo von Ort zu Ort. Abends 
bleibt Zeit und Raum zum Austausch 
untereinander und Leuten, die nicht 
mitfahren. Organisiert wird die Kara¬ 
wane von WIWA Wendland, c/o 
Abraxas, Marschtorstr. 56, 29451 
Dannenberg. 


Das FLI bietet zweimal im Jahr, 
zwanglos und ohne ohne festem Pro¬ 
gramm mehrere Tage zum Diskutieren, 
Begenen, Kennenieren, Feiern und, und, 
und ... Diskutiert werden aktuelle 
Themen aus anachistischer Sicht in 
Form von Thesenpapieren, Vorträgen 
oder einfach frei. 

Für 0,10 DM je Seite Kopierkosten 
plus 3.— DM Porto im voraus, erhaltet 
ihr die Thesenpapiere vorausgegan¬ 
gener Treffen: Widerstand (14 Seiten), 
Anarchie und Journalismus (5), Ju¬ 
gendkult und Altwerden (5), Maße, j 
Nichtmaße (9), Regieren - eine späte i 
Erfindung (5), Das Internet wird uns j 
nochweiterverbIöden(l 1), Kulturkritik 
(6), Sprachkritik (13), Antipädagogik 
(2), Intellektuelle Zocker - Nachrichten 
aus dem Niemandsland der Funktions¬ 
losen (5), Perspektiven des Anarcho¬ 
syndikalismus (2), Freiheitbegriff in der 
libertären Pädagogik (4), Grundsätze 
der anarchistischen Bewegung (2), 
Psychokultkritik (5), Anarchie und 
Raum - Auswirkungen des Zentralismus 
(4), 

Informationen/Spenden/Bestel -1 
lungen bei FLI, c/o Meeuw, Postfach # 
3643, 26026 Oldenburg. Postbank 
Hamburg, BLZ 250 100 22, Konto 2801 
340 381 7 v 


































































Seit der Chef der Lufthansa AG, J ürgen 
Weber, am Ende des letzten Jahres die 
Forderung nach dem Bau einer weiteren 
Start- und Landebahn am Flughafen 
Rhein-Main aussprach, sind die Dis¬ 
kussionen um die Bedeutung des Air¬ 
ports in vielerlei Hinsicht neu entbrannt. 
Die jeweils zu einem Drittel in Besitz 
von Bund, Land Hessen und Stadt 
Frankfurt befindliche Flughafenak¬ 
tiengesellschaft (FAG) als Betreiberin 
des Flughafens trommeltfürden Ausbau 
ebenso wie die schon erwähnte 
Lufthansa, deren Flottenhauptstandort 
Frankfurt ist. 

Hauptargument der Ausbaubefür- 
. worterlnnen sind die Kapazitätspro¬ 
bleme der vorhandenen Bahnsysteme, 
auf denen zur Zeit pro Stunde bis zu 74 
Starts und Landungen abgewickelt 
werden können. Mit Hilfe aufwendiger 
Elektronik, die eine Staffelung der 
anfliegenden Maschinen in kürzeren 
Abständen ermöglicht, soll der soge¬ 
nannte Koordinationseckwert bis zum 
Jahr 2000 auf 80 gesteigert werden. 
Nach Angaben der FAG können dann 
auf Rhein-Main mit Sicherheit430.000 
- eventuell sogar bis zu 460.000 - 
Flugbewegungen abgewickelt werden. 

Mit 430.000 Starts und Landungen 
ließen sich bis zu 60 Millionen Passa¬ 
giere durch die Terminals schleusen. 
Durch den Bau und die Inbetriebnahme 
des Terminal 2 sowie dazugehöriger 
weiterer “betonierter Logistik” soll die 
dazu nötige Infrastruktur “landseitig” 
bis zum Jahre 2000 zur Verfügung 
stehen. 

Der Zusammenschluß aller in 
Deutschland ansässigen Fluggesell¬ 
schaften BARIG (Board of Airline 
Representatives) fordert jedoch mit 
Verweis auf dje steigende Nachfrage, 


die eine Steigerung von 74 auf 8i 

Flugbewegungen proStundezur“reinei 

Kosmetik” werden lasse, eineerheblich 
Ausweitung der Start- und Landeka 
pazität. «Für den nächsten Sommer 
flugplan gibt es in den Spitzenzeitei 
Wünsche für 104 Slots (Start und Lan 
düngen)pro Stunde, machbar sind abet 
nur 76., (FR 8.11.97) Spätestens irr 
Jahre 2005 seien die Möglichkeiten an 
Flughafen endgültig ausgereizt, tönt e: 
unisono von Betreiber- und Flugge¬ 
sellschaftsseite. Wohlwissend, daß dei 
Flughafen als ökologische Katastrophe 
eine sowieso industriell und infrastruk- 
turell überbelastete Region wie das 
Rhein-Main-Gebiet in unzumutbarer 
Weise weiter malträtiert und ein Ausbau 
weit über die bestehenden Grenzen 
hinaus erneut wie in früheren Zeiten 
Widerstand hervorrufen könnte, argu¬ 
mentieren die Befürworter des Ausbaus 
mit ökonomischen Sachzwängen 
vorzugsweise mit dem Faktor “Ar’ 
beitsplätze”. 

Angedroht werden Konsequenzen 
die in der gegenwärtigen sozial-ökono¬ 
mischen Situation keulenartig auf das 
Bewußtsein der betroffenen Menschen 
der Region wirken sollen: Wenn die 
Nachfrage nicht ausreichend befriedigt 
werden könne, sei Stagnation 
schlimmstenfalls Rückgang die Folge 
Gegenwärtigkann vonRückgang und 
Stillstand nicht die Rede sein, befindet 
Sich der Flughafen Rhein-Main doch 
trou: massiver Konkurenz, i m stetigen 
Aufwind. 6 

«ln den drei Sparten Starts/Landun¬ 
gen Passagiere und Fracht weist die 
Verkehrsstatistik des Rhein-Main- 
Flughqfensfur das zurückliegende Jahr 
erneut Wachstumsraten und neue Re- 
kordeauf. 1997gab es aufDeutschlands 


größtem Flughafen 392.121 Starts und 
Landungen . Dies entspricht im Ver¬ 
gleich zum Vorjahr einem Plus von 1,9 
Prozent. Erstmals wurde bei den Pas¬ 
sagieren die Marke von 40 Millionen 
über troffen. Mit40.271.919 wurden 3,9 
Prozent mehr Fluggäste registriert als 
1997 . Die Luftfracht belief sich auf 1.4 
Millionen Tonnen , was gegenüber dem 
Vergleichszeitraum eine Steigerung von 
2J Prozent bedeutet.» (FR 16.L98) 
Nach einem internationalen Vergleich 
des Jahres 97 befindet sich der Flughafen 
weltweit auf Rang acht bezogen auf das 
^uggastaufkorrtmen - im Frachtbereich 
belegt er einen siebten Rang und ist 
damit in dieser Kategorie der größte 
Europas. 

Die von den Flughafenbetreibcm ent¬ 
fachte Diskussion entspringt nicht nur 
einem realen Bedürfnis der Flugha¬ 
fennutzer nach Kapazitätserweiterung. 
Sie kann als Versuch gewertet werden, 
frühzeitig und in einer momentan an¬ 
scheinend günstigen Situation (Ar¬ 
beitsmarktlage) Propaganda für den 
Ausbau zu machen und gleichzeitig das 
Widerstandspotential an den in die 
Diskussion geworfenen “Standorten” 
für eine neue Start-und Landebahn zu 
testen. 

Die Angst der Flughafenbetreiber vor 
offenem und breitem Widerstand sowie 
vor evtl, langwierigen und kostspieligen 
Klageverfahren erwächst aus der in¬ 
zwischen fast historisch zu nennenden 
Geschichte des Flughafenausbaues. 



[18] SF 2/98 












Geschichte des 
Flughafenausbaues 

Seit den schweren Auseinander- 
Setzungen um den Bau der Startbahn 
West sind siebzehn Jahre vergangen - 
die Räumung des Hüttendorfs 1981 als 
Zeitpunkt genommen. Die Chefs der 
Flughafenbetreiber und -nutzer haben 
auf die Faktoren Zeit und Vergessen 
gesetzt, bevor sie seit Ende 97 massiv 
an das “Tabuthema” “Flughafenausbau 
außerhalb seiner Zäune” herangingen. 
Trotz dieses langen Zeitraums sind die 
Menschen der Region bezüglich wei¬ 
terer ökologischer Belastung hoch sen¬ 
sibilisiert. Dies hat seinen Grund nicht 
zuletzt darin, daß die FAG seit der 
Inbetriebnahme der Startbahn West 
1984 nie au fgehört hat, die Bürgerinnen 
des Flughafenumlandes mit weiteren 
Ausbaumaßnahmen zu konfrontieren. 
Zu nennen sind nicht nur der Terminal 
2 im Norden mit all der dazugehörigen 
Infrastruktur, sondern auch der über 
Jahre betriebene Ausbau von Cargo- 
Cit y (Frachtumschlag) im Süden, an¬ 
grenzend an die US-Air-Base. Damit 
verbunden waren großräumige Baum- 
ällaktionen, die den “Restpuffer” des 
verbliebenen Waldes in Richtung Mör- 
elden-Walldorf weiter ausgedünnt 
haben. 

Im Norden angrenzend an die beiden 
erminals erstreckt sich zur Zeit eine 



der größten Baustellen der BRD: der 
Bau des Schnellbahnbahnhofs (Köln- 
FfM) verschmilzt nahtlos mit der Mo¬ 
dernisierung des Frankfurter Autobahn¬ 
kreuzes. 

Die Erweiterungen der letzten zehn 
bis fünfzehn Jahre wurden im wesent- 
lichen umgesetzt, wie der Gene¬ 
ralausbauplan (GAP) des Jahres 1985 
beschreibt: «Lag der Schwerpunkt der 
Generalausbaupläne 75180 auf der 
Überwindung des Mangels einer limi¬ 
tierenden Kapazität des Start- und 
Landebahnsystems , nach Fertigstellung 
und Inbetriebnahme der Startbahn 18 
ist dies nun Vergangenheit , so liegt der 
Schwerpunkt des GAP 1985 auf dem 
Vorfeld und Terminalausbau,» Not¬ 
wendige Anpassungen an die Erfor¬ 
dern isse der Flughafenbetrei ber wurden 
in der Regel in den folgenden Jahren 
bereitwillig von offizieller Seite nach¬ 
gegeben. 

Trotz der spürbaren Unruhe im Flug¬ 
hafenumland, die jeder weitere Ein¬ 
schnitt ins ökologische Gefüge immer 
noch verursachte, ist die ökonomische 
Potenz des Flughafens so groß - und die 
personellen Verflechtungen der Re¬ 
gierung mit Betreiberaufsichtsräten 
derartig eng verwoben daß bisher 
keine Hessische Landesregierung je 
daran gedacht hat, den Expansionsbe¬ 
strebungen der Flughafenbetreiber 
spürbare Grenzen zu setzen. Im Gegen- 
teil: Eher wurden Auseinanderset¬ 
zungen provoziert oder in Kauf genom¬ 
men, die mit der brutalen Räumung des 
Hüttendorfs auf der Trasse der 18 West 
im Jahre 1981 ihr größtes Ausmaß 
annahmen - und die dann mit der 
sinnlosen Erschießung zweier Polizisten 
auf einer Erinnerungsdemonstration aus 
diesem Anlass 1987 nicht nur dem 
Leben der Beamten ein Ende setzten, 
sondern ebenso den Aktivitäten der 
“Reste” einer ehemals breiten sozialen 
Bewegung gegen den Ausbau des Flug¬ 
hafens. Zuvor waren, ein halbes Jahr 
vor den Schüssen, auf den 1. “Libertären 
Tagen” in Frankfurt/M. die teilweise 
erstarrten und ritualisierten Formen 
abgehobener Macho-Militanz kritisiert 
und eine zunehmende soziale Isolierung 
unsererseits diagnostiziert worden. Was 
später von manchen als die Tat eines 
einzelnen “Durchgeknallten” bezeich¬ 
net wurde, wurde in der Folge auch als 
Ergebnis struktureller oder auch mora- 
Iisch-philosophischen Mängel auf 


unserer Seite diskutiert. Die nach den 
Schüssen einsetzende Verfolgung und 
Kriminalisierung reduzierte die Ak¬ 
tivitäten der Rest-BI fast vollständig 
auf die Ebene der Prozessbeobachtung. 
Die “militanten” Startbahngegnerinnen, 
die über Jahre die Demonstrationskultur 
auch über das Rhein-Main-Gebiet hi¬ 
naus geprägt hatten, sahen sich in Ver¬ 
einzelung und politische Defensive 
zorückgedrängt. Eine Bewegung, die 
vor allem in der Zeit des Hüttendorfs 
und der anschließenden Auseinander¬ 
setzung um die Startbahn-West zu einer 
in der BRD eher seltenen Mischung aus 
jenen “Lang- und Grauhaarigen” zu¬ 
sammengewachsen war, die es den 
staatlichen Organen schwer machte, in 
der üblichen Manier von “teile und herr¬ 
sche” (sprich: kriminalisiere die‘‘kleine 
radikale Minderheit” und umsorge den 
“bürgerlichen” Teil) zu verfahren, war 
nicht ohne eigenes Verschulden weit¬ 
gehend am Ende. 

Protestbewegungen 

Schon in den siebziger Jahren waren 
vereinzelte Bürgerinnen vor allem aus 
dem direkten Flughafen-Umland aktiv, 
um sich mit den Auswirkungen des 
Luftbetriebs auseinanderzusetzten: 
Lärm durch startende und landende 
Flugzeuge, schwindende, teilweise 
zerstörte Waldbestände, eine stetig 
wachsende Luftverschmutzung und 
nicht zuletzt der gestörte Schlaf durch 
Nachtflüge (jetzt ca.75 pro Nacht) tru¬ 
gen dazu bei, das Problembewußtsein 
auf lokal-regionaler Ebene zu schärfen 
und über die klassischen Grenzziehun¬ 
gen durch Partei, Gewerkschaft und 
Kirchen zu überwinden. 1979 stimmten 
die mittlerweile gegründeten Bürger- 
initiaven des Um landes.noch einer Ver¬ 
längerung der beiden Paraiellbahnen 

mehroderwehigerzu, in der Hoffnung, 

der dam als bereits diskutierte Bau einer 
dritten Bahn (18 West) ließe sich so 
vermeiden. Ein Trugschluß, wie der 
weitere Verlauf beweisen sollte. Der 
Bau des Hüttendorfs im Slartbahnwald 
wurde als reaktiver Akt des Ungehor¬ 
sams von den Bürgerinitiativen gegen 
die weitere Forcierung des Ausbaus 
gesetzt. Dies übte eine faszinierende 
Anziehungskraft auf viele Menschen 
aus, die sich als “radikal” definierten. 
Zu diesem Zeitpunkt schlossen sich auch 


SF 2/98 [19] 









die (meist großstädtischen) Linken, die 
vorher in den Bis oft nur um ihren 
Wohlstand besorgten “Kleinbürger” aus 
Mörfelden-Walldorf am Werk gesehen 
hatten, der sich enorm verbreiternden 
Protestbewegung an. 

Ohne an dieser Stelle die zahlreichen 
Konflikte und Schwierigkeiten im In¬ 
nern der Bewegung schildern zu wollen, 
ist feststellbar, daß die Vielfalt des 
damaligen Widerstands, bezogen auf 
die Unterschiede der beteiligten Per¬ 
sonen (Alter, soziale Herkunft, ur- 

sprünglichepolitische Heimat), als auch 
die Vielfaltder Aktivitäten (Hüttendorf, 
Volksbegehren, Initiativen allerorten) 
anwuchs - nicht zuletzt deshalb, weil 
immer wieder von allen beteiligten 
Fraktionen Spaltungen vermieden wer¬ 
den konnte. Die Menge der Menschen 
und die kreative Wut dieser bunten 
Mischung brachte die regierenden So¬ 
zialdemokraten in Bedrängnis. 

Holger Börner, SPD-Ministerprä- 
sident, mußte zu den Hochzeiten des 
Startbahnkonflikts 1981 den Altvor¬ 
deren Willi Brandt als Ratgeber ein- 
fliegcn, um sich seines Beistands in 
einer Zeitzu sichern, ais große Teile der 
Region gegen den Ausbau rebellierten 
und ca. 150.000 Menschen in Wies¬ 
baden auf die Straße gingen, um ihre 
Interessen zu manifestieren. Eine 
Blockade des Airports über Stunden, 
die von Polizei und BGS-Einheiten 
frcigcknüppelt werden mußte, und die 
sich etablierenden militant-friedlichen 
“Sonntagsspaziergänge”, trieben den 
materiellen und politischen Preis der 
Flughafenerweiterung in die Höhe. Es 
ging nicht mehr nur um die Notwen¬ 
digkeit einer neuen Startbahn; es ging 
darüber hinaus um “Staatsräson”. 

1984 wurde die Startbahn in Betrieb 
genommen - eine vieltausendköpfige 
Menge demonstrierte wie üblich im 
Träncngasnebel des Startbahnwaldes. 
Der Staat und die FAG hatten sich 
durchgesetzt. Zwar waren die Regie¬ 
renden vorsichtiger geworden - auf 
einen dritten Block C des AKW‘s in 
Biblis wurde ebenso wie auf den Plan, 
eine Wiederaufbereitungsanlage in 
Nordhessen zu bauen, verzichtet - 
nichtsdestotrotz starteten die Flugzeuge 
nun über die Köpfe der Menschen der 
südlichen Anliegergemeindcn. Mit der 
Inbetriebnahme der Startbahn West 
klinkten sich viele resigniert aus der 
Protestbewegung aus - manche, um sich 



verstärkt der Arbeit in grüner Partei zu 
widmen, die sich gerade anschickte, 
mit den Gegnern von eben an der ersten 
rot-grünen Koalition zu basteln - andere 
zogen sich ins Private zurück. 


Militärisches Kalkül... 


Ein Teil machte weiter, vornehmlich 
diejenigen, für die die Teilnahme am 
Protest an der Startbahn Bestandteil 
eines sozialen und politischen Bezugs¬ 
systemsgeworden war, auf das sie nicht 
verzichten wollten. Es war vor allem 
dieser Teil der zerfallenen Protestbe¬ 
wegung, der sich jetzt, wie in den Jahren 


seiner Bedeutung über ökologische. 
pekte hinaus beschäftigte. So hat 
sich schon relativ früh Arbeitsgrupi 
der Gesamt BI (AG-Friedcn) dem m 
tarischen Aspekt des Flughafens zu 
wandt. Die Bedeutung der US - Air-B 
(Gateway-to Europe) wurde nicht i 
im Kontext des Startbahn-West-Bai 
sondern grundsätzlich problematisi« 
Die Funktion des größten militäriscl 
Frachtflughafens der US-Strcitkrä 
außerhalb der USA mit Drehscheibi 
üinktion im Spannüngsfall wui 
damals kritisch analysiert. Diese Ro 
wird in der gegenwärtigen Situation; 
Beispiel Irak aktualisiert - süegen de 
die militärischen Flugbewegungen 
der Aufmarschphase der Militärs de 

lieh an. 


Die Auseinandersetzung mit dem 
mihtärischenTeil desFrankfurter Flug¬ 
hafens wurde bereits durch die 1982 

durchgeführte Unterzeichnung des 
Host Nation Support Warn me”-Ab¬ 
kommen notwendig. Die BRD erklärte 
sich in diesem Abkommen u.a. zum 


«Aufbau und zum Unterhalt umfassen - 
der Unterstützungseinrichtungen» be¬ 
reit (FAZ; 23.2.82). Die militärischen 
Aspekte des Frankfurt Airport führten 
so zu einer Sensibilisierung und weiter¬ 
gehenden Aktivitäten in der Friedens¬ 
bewegung am Beispiel des Pershing/ 

Nato-Doppelbeschlusses. 

Der Tod von sechs Menschen 1983 
anlässlich einer Flugschau auf dem 
militärischen Teil des Frankfurter FI ug- 
hafens - ein Starfighter war in der Nähe 
des Waldstadions abgestürzt und hatte 
zum Tod der Frankfurter Farn i 1 ie J ürges 
geführt (während wir auf dem Airport 
demonstrierten) wie auch im Jahre 
1985 der Tod Günter Sares bei einer 
antifaschistischen Demonstration in 
Frankfurt, brachte einer Verschärfung 
der Auseinandersetzung mit sich. 


...und Militanzdebatte 

Militante Aktionen im Rhein-Main 
Gebiet nahmen zu, während die 
theoretische Auseinandersetzung über 
Sinn und Unsinn bestimmter 
Widerstandformen chronisch 
hinterherhinkte. Auch wenn die Schüsse 
an der Startbahn 1987 tatsächlich eine 
isolierteEinzelaktion mit fatalen Folgen 
war, so besteht doch ein innerer 
Zusammenhang mit der (nich t zu einem 
produktiven Ergebnis geführten) 
Militanzdebatte. Die Tatsache, daß die 
der Ereignisse bis zum heutigen Tage 
nur mangelhaft aufgearbeitet wurden, 
läßt es um so notwendiger erscheinen, 
daß heute - zehn Jahre später - nicht nur 
wieder gegen einen erneuten 
Flughafenausbau mobilisiert wird, 
sondern daß, sozusagen von An fang an, 
besagte Fehler vermieden werden. 


[20] SF 2/98 






Vereinte Kräfte 

Am 5. März 1.998 haben sich unter 
dem Namen “Bündnis der Bürgerini¬ 
tiativen gegen die Flughafenerwei¬ 
terung—für ein Nachtflugverbot” 
vierzehn Initiativen zusammenge¬ 
schlossen, um mit vereinten Kräften an 
der Koordination des Widerstands zu 
arbeiten. Zu diesem Treffen hatte die 
Mörfelden-Walldorfer BI geladen, die 
schon in den letzten Jahren ein wach¬ 
sames Auge vor allem auf den Bau¬ 
betrieb des Frachtbcreichs-Süd (Cargo- 
c jty) geworfen hatte. Neben zahlreichen 
Einzelpersonen aus früheren “Start- 
bahnzciien” fanden sich auch neue 
Initiativen ein, die sich vor allem am 
Thema Fluglärm neu gegründet hatten. 
Das Spektrum erinnerte an “alteZeiten” 
and reichte von BUND-Ortsgruppcn 
aber Stadttcilinitiativen bis zum außer¬ 
parlamentarisch definierten libertären 
Flügel. Anwesend desweiteren zahl¬ 
reiche Grüne, integere Einzelpersön- 
üchkeiten sowie auch Vertreterinnen 
des parlamentarischen Geschehens. 
Eiese sind allerdings nicht offizieller 
Bestandteil des Bündnisses. Erstes 
Ergebnis dieser neuen Runde war die 
asteinhellige Ablehnung der Idee eines 
sogenannten “Runden Tisches”, die von 
Ministerpräsident Eichel (SPD) in die 
Wolt gesetzt worden war. Am “runden 
Tisch” sollen Vertreterinnen der ver¬ 
schwenden Interessensverbände und 
der Parteien “ausgleichende” Gespräche 
über mögliche (“sozial und ökologisch 
Erträgliche”) Ausbauvarianten führen. 
Eis auf zwei/drei Personen aus dem 
Umweltschutzspektrum der BTs war 
ZUr ersten Gesprächsrunde niemand 
geladen. Schnell bestand Einigkeit im 
Spektrum der BTs, daß an Tischen 


dieser Art nur faule Kompromisse aus¬ 
gehandelt und grün/rötlicher Gewis¬ 
sensbisse entlastet werden können. So 
werden wohl diese Runden ohne Fei¬ 
genblatt aus unserer Richtung statt¬ 
finden müssen. 

S tattdessen werden die verschiedenen 
Gruppen miteigenen Publikationen und 
Veranstaltungen verstärkt an die Aus¬ 
einandersetzung um die diversen Aus¬ 
bauvarianten gehen. Abgelehnt werden 
prinzipiell alle-, so wird es wohl hof¬ 
fentlich nichts werden mit der deuüich 
erkennbaren Strategie, verschiedene 
Möglichkeiten der Erweiterung auf 
einmal zu diskutieren und dann darauf 
zu setzen, daßdiejeweilsam schlimms¬ 
ten Betroffenen nach dem St. Florian 
Prinzip darauf hoffen mögen, der liebe 
Nachbar werde der Dumme sein - nur 
man selbst nicht. Bis jetzt ließen sich 
die Betroffenen jedenfalls nicht ausei¬ 
nanderdividieren: Sowohl bei einer 
Veranstaltung der Frankfurter Rund¬ 
schau (“Zukunft Rhein-Main”) als auch 
bei einem Live-Bürgerlnnen-Gespräch 
des Hessischen Rundfunks (“Wachstum 
ohne Ende? Lärmquelle Flughafen”), 
das aus “Sicherheitsgründen” in der 
letzten Minute vom Airport in das 
Sendestudio verlegt worden war, blies 
den anwesenden Betreibem/Befürwor- 
terlnnen der kalte Wind ins Gesicht. 
Hunderte von Anwesenden (zugege¬ 
benermaßen selektiertes Publikum) 
machten ungeteilt ihrem Unmut über 
die Ausbauplanungen Luft. 


Die Wahl zwischen vier 
Übeln 

Schwer zu sagen, welche der mög¬ 
lichen Varianten die übelste isL 


1. Eine neue Bahn im Süden, parallel 
zu den beiden Bahnen im Norden; diese 
hätte den gewünschten Effekt, endlich 
gleichzeitig auf allen Bahnen starten/ 
landen zu können (Die beiden momen¬ 
tan betriebenen Nord-Bahnen liegen zu 
di cht anei nan der.) Diese Varian te würde 
nicht nur direkt an Walldorf grenzen, 
sondern würde z.B. auch die Siedlung 
Zeppelinheim extremst belasten: «Zep¬ 
pelinheim müßte geschleift werden», so 
FAG Chef Bender. 

2. Eine neue Bahn westlich der 
Startbahn-West (hart am Rande von 
Raunheim), ebenfalls mit radikalem 
Waldeinschlag und Lärmbelastung für 
die nördlich und südlich gelegenen Ge¬ 
meinden verbunden. 

3. Eine neue Bahn im Norden, nörd¬ 
lich der Terminals und der A 3, dieevtl. 
den Bau eines eigenen Terminals nach 
sich ziehen könnte und/oder um¬ 
ständlich mittels Brücken über die 
Autobahn an die bestehende Infra¬ 
struktur angebunden werden müßte. 
Diese Variante würde mind. 150 ha im 
Frankfurter Bannwald (erst seit 1995 
als solcher geschützt) zerstören - und 
bekanntlich ist Frankfurt nicht mehr 
reichlich mit Waldfläche gesegnet. 

4. Die Umwandlung des von der US- 
Army (nicht Air-Force) genutzten 
Militärflughafens Wiesbaden-Erbcn- 
heim in einen Zivilflughafcn. Mit der 
Auslagerung von Kurz- und Mittel- 
Streckenjets sowie Geschäftsfliegern 
nach Wiesbaden könnten die frei- 
werdenden Kapazitäten in Frankfurter 
weitere internationale Flüge genutzt 
werden. Die Wiesbadener Bevölkerung, 
die jahrelang gegen den Militär-Lärm 
opponierte, bekäme die volle Wucht 
der Belastungen zu spüren. Ob die 
Amerikaner allerdings gewillt sind, ihre 


SF 2/98 [ 21 ] 






Militärmaxime den Ausbauplänen un- 
terorden, ist fraglich; die Entscheidung 
läge letztlich beim Pentagon. 

Alle Ausbauvarianten werden, seit 
die Diskussion losgetreten wurde, in 
dichter Folge und von verschiedenster 
Seite als mehr und minder möglich 
gehandelt. Hierbei wird in der Regel 
die jeweils “den Ort betreffende 
Variation” von den entsprechenden 
Lokalpolitikerinnen heftig in Frage 
gestellt, um dann - meist - eine der 
anderen Möglichkeiten zu präferieren. 
Die Fronten laufen hierbei quer durch 
Parteien (und Gewerkschaften), selbst 
Grünen-Politikerlnnen variieren ledig¬ 
lich das Thema, wenn sie den weiteren 
Ausbau des ICE-Netzes fordern.und 
sich dabei darüber im klaren sein müs¬ 
sten, daß jede Kapazitätsverlagerung 
auf die Schiene Luft schafft für weitere 
Interkoniinentalflüge. 


Grundsätzlicher 

Widerstand 

Grundsätzlicher Widerstand gegen 
alle Ausbaupläne war und ist, trotz (oder 
besser: eben wegen) der bisherigen Ge¬ 
schichte des Flughafens, nicht selbst¬ 
verständlich. So konnten gegen die 
Erweiterungsmaßnahmen der letzten. 
Jahre nur vergleichsweise wenige mo¬ 
bilisiert werden. Was zur Zeit die Ge¬ 
müter erregt, sind zuerwartende weitere 
massiveökologischeEinschnitte in eine 
sowieso schwer gebeutelte Region, sind 
die Perspektiven auf noch schlechteren 
Schlaf, noch schlechtere Luft, noch 
mehr Lärm und noch weniger Wald. 
Die Angst vor weiterer Verminderung, 
ökologischer Recourcen trifft offen¬ 
sichtlich den Nerv der geplagten Be¬ 
völkerung. DieUmweltproblematik ist 
(und bleibt wohl) seit Jahrzehnten einer 
der Spitzenreiter auf der Sensibilitäts¬ 
skaiader Menschen dieser Region: “Als 

derzeit größtes Problem der Rhein- 
Main-Region werden von den Rhein- 
Main Bürgern (ohne Antwortvorgabe) 
mit Abstand am häufigsten 
Wohnungsnot(46%) und Umweltver- 
schmutzung(44%) gesehen. (Image- 
Studie Rhein-Main, Umlandverband 
Frankfurt 1993) Es folgen Verkehrs- 
probleme(34%) und mit Abstand Kri- 
minalität(17 %). Ein Problem, das in 
den alten Bundesländern an zweiter 
Stelle steht (42%) und in den neuen 



Bundesländern sogar an Nummer 1 
(93%) ist der Arbeitsplatzmangel, ein 
Problem, das die Rhein-Main-Region 
kaum (?) kennt (10%) (ebenda). Trotz 
der in dieserErhcbung deutlich zu Tage 
tretenden Bedeutung des Faktors 
Ökologie kann es nicht ausreichend sein, 
sich ausschließlich mit den Umwelt¬ 
folgen des Flughafens auseinanderzu¬ 
setzen. Es kann als sicher angenommen 
werden, daß sich die Beurteilung der 
für wichtig empfundenen “Probleme” 
schon in den letzten Jahren angesichts 
ca. 6 Millionen Arbeitslosen (die 
inoffiziellen mitgerechnet) deutlich in 
Richtung der Arbcilsplatzproblemalik 
verschoben hat. 

Die S trategie der Betreiber, das The¬ 
ma Arbeitsplätze als vorrangigstes Ar¬ 
gument ins Feld der öffentlicher Ausei¬ 
nandersetzung zu führen, trägt dieser 
aktuellen Entwicklung Rechnung und 
zwingt uns zu verstärkter Auseinander¬ 
setzung mit dem “Faktor Arbeit”. 


“Faktor Arbeit” 

In der Frankfurter Neuen Presse vom 
11.12.97 antwortet FAG Chef Becker 
auf die Frage nach dem Ort der neuen 
Start-und Landebahn bezeichnender¬ 
weise: «Ichführe die Diskussion anders, 
es macht keinen Sinn, die Region mit 
der Frage 2 u verunsichern wo wir die 
Startbahn bauen. Wir müssen uns viel¬ 
mehr vor Augen halten, das der Frank¬ 


furter Flughafen der Motor für wirt¬ 
schaftliche Prosperität imRhein-Main- 
Gebiet ist . Zwischen 1980 und 1996 
haben wir 22 000 neue Arbeitsplätze 
am Flughafen geschaffen. 163 000 
Arbeitsplätze hier und im Umland 
hängen direkt vom Flughafen ab. Jetzt 
stelle ich die Frage an die Region: 
Welche Phantasie hat diese Region? 
Welche Branche oder welches Unter¬ 
nehmen ist in der Lage, in die Bresche 
zu springen und diesen Wohlstand zu 
regenerieren , wenn der Flughafen im 
Jahr 2005 eben nicht mehr in der Lage 
ist, seinen Ausbau nachfragegerecht zu 
regenerieren.» 

Aus diesem Statement und den 
eingangs genannten Zahlen wird klar, 
daß die Betreiber des Airports nicht aus 
einer Schwäche- sondern aus einer 
Position einmaliger Stärke heraus 
argumentieren, die sich eben aus der 
Tatsache ergibt, daß der Flughafen der 
mit Abstand größte Arbeitgeber der 
Region, ja ganz Hessens ist. Während 
andere Großbetriebe des Ballungs¬ 
raums, z.B. Hoechst und Opel-Rüs- 
selsheim, von grob jeweils ca. 50.000 
Beschäftigten auf ca. je 30.000 ratio¬ 
nalisiert haben, also geschrumpft sind, 
stieg am Rhein-Main-Flughafen von 
1980 bis 1996 die Anzahl der Ar¬ 
beitskräfte von 32.000 auf 54.000 an 
(Zahlen bezügl. Airport: FAG, laut F AZ 
19.11.97). Selbst wenn unterstellt wird, 
daß die Zahlen übertrieben oder ge¬ 
schönt sein könnten - der Flughafen ist 


[22] SF 2/9 8 





ökonomisch zweifellos eine der tra¬ 
genden Säulen des Rhein-Main- Ge¬ 
biets. Eine Auseinandersetzung mit dem 
Flughafen muß folglich über seine 
Bedeutung als reine Transportdreh¬ 
scheibe (zivil und militärisch) und über 
die damit verbundene ökologische Be¬ 
lastung hinausgehen. 


"Jobmaschiene 

Flughafen?" 

Daß knappe Arbeitsplätze als argu¬ 
mentative Brechstange zur Durchset¬ 
zung von Sozialabbau oder, wie in 
diesem Fall, zur ungehemmten Expan¬ 
sion industrieller bzw. infrastruktureller 
Interessen eingesetzt wird, ist nicht neu. 
Um so wichtiger ist es, die falsche und 
simplifizierende Argumentationskette 
Expansion-Arbeitsplätze = Wohlstand 
auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen 
‘ un d sich weniger um die Schaffung 
neuer Arbeitsplätze bei letztlich immer 
weniger gesellschaftlich notwendiger 
Arbeit Gedanken zu machen als viel¬ 
mehr darüber nachzudenken, wie die 
Machtstrukturen geändert werden 
könnten, die Arbeit und Reichtum in 
dieser Gesellschaft verteilen. Dabei ist 
cs erforderlich, über den direkten Be¬ 
reich des Flughafens hinaus zu denken. 
So führt die Entstehung von Ar¬ 
beitsplätzen am Flughafen selbst in ihrer 
Wirkung auf andere Produktions¬ 
standorte zu durchaus unterschiedlichen 
Resultaten. Schon im direkten Flug- 
bafenumfeld sind die Ergebnisse 
mindestens ambivalent: So ist bis jetzt 
nicht eindeutig erfasst, wieviel Arbeits¬ 
plätze z.B. durch den Bau von Cargo- 
City an anderer Stelle wegrationalisiert 
werden konnten. Der Flughafen ist eben 
nicht schlicht “Jobmaschiene” (SPD- 
Fraktionsvorsitzender Armin Clauss), 
schafft nicht nur Arbeit, er vernichtet 
sie an anderer Stelle. 


Der Airport im 
Weltwirtschaftsgeflecht 

Der Airport ist nicht nur in seiner 
Funktion als größter “Luftbahnhof” und 
Umschlagplatz von Bedeutung, sondern 
er steht “indirekt” als Knoten- und Ver¬ 
netzungspunkt international operieren¬ 
der Firmen und Banken an zentraler 
Stelle in der Entwicklung des Rhein- 


Main-Gebiets zu einem der Zentren 
internationaler und imperialer Arbeits¬ 
teilung. Nicht nur die Tendenz, Ma¬ 
nagement, technologischeEntwicklung 

und Forschung in den Metropolen zu 
belassen und einfachere Produk¬ 
tionssektoren in Billiglohnländer aus- 
zulagem, erfordert ein höheres Maß an 
internationaler Fracht- und Kommuni¬ 
kationsstruktur. Die Gesamtentwick¬ 
lung einer auf “slim-” und “just-in- 
Time”-Produktion und Distribution 
basierenden Ökonomie (keine Lager¬ 
haltung, sondern direkte und per¬ 
sonalarme Produktion) erfordert eine 
auf möglichstgeringe Reibungsverluste 
orientierte Vernetzung: “Die soge¬ 
nannte Personenbezogene Flughafen - 
nähe ist Standortkriterium aller Unter¬ 
nehmen mit intensiven bzw. regel¬ 
mäßigen internationalen Geschäftsver¬ 
bindungen. Dazu zählen Niederlas¬ 
sungen internationaler Großfirmen, 
Vertriebszentralen ausländischer Pro¬ 
dukte genauso wie exportorientierte 
Branchen. Außerdem sind Organisa¬ 
tionen und Institute zu nennen, die in 
stetem Austausch mit europäischen/ 
internationalen Partnern stehen (For¬ 
schung und Produkt-/Verfahrensent- 
wicklung).” (Untersuchung zur 
flughafenbezogenen Ansiedlungs¬ 
nachfrage, UVB-Frankfurt, 1987) 


Eine Maschienerie ... 

Die Bedeutung des Rhein-Main Flug¬ 
hafens ist in jeder Beziehung zentral. 
Hier kumulieren beispielhaft die ver¬ 
schiedensten und doch ineinander ver¬ 
zahnten Faktoren gegenwärtiger 
gesellschaftlicher Entwicklung. Er ist 
nicht nur logistisches Zentrum der 
“Globar-Region Rhein-Main und 
damit tatsächlich ein lokal Arbeitsplätze 
schaffendes prosperierendes Element, 
sondern er trägtim selben Moment dazu 
bei, eine Weltwirtschaftsordnung zu 
forcieren, die aus ihrer inneren Logik 
Arbeitsplätze wegrationalisiert und die 
in Ländern außerhalb des relativen 
Wohlstandsgürtels der nördlichen He¬ 
misphäre zur Zerstörung der Sub¬ 


sistenzwirtschaft und damit dazu 
beiträgt, die dort lebenden Menschen 
zu Billigarbeiterinnen in den Pro- 
duktions-und Tourismuszentren de¬ 
gradiert. Der Motor der Region vergiftet 
nicht nur in ökologischer Hinsicht mit 
seiner Philosophiedes höher - schneller¬ 
weiter die Atmosphäre, sondern er treibt 
eine Maschinerie, in deren Getriebe 
Entgarantierung und verschärfte Aus¬ 
beutung von Menschen als Maxime gilt. 

Auch wenn sich die Arbeits- und 
Produktionsbedingungen der Metropole 
aktuell ebenfalls zu ungunsten der 
Menschen verändern, so unterscheiden 
sie sich doch erheblich von denen, die 
außerhalb der “Festung Europa” ihr 
täglich Brot verdienen müssen. Das 
Privileg relativ besserer sozialer Ab¬ 
sicherung und gehobener Konsum¬ 
möglichkeit (dazu zählen dann auch die 
eingeflogenen Blumen aus Peru ebenso 
wie der Billig-Sex-Urlaub in Thailand) 
müssen geschützt werden vor denen, 
die es schaffen, Hunger und Elend zu 
entkommen, oder vor denen, die vor 
den Folter- und Totschlagsregimen 
flüchten müssen. So nimmt es kaum 
Wunder, wenn eine offene (oder zu¬ 
mindest stille) Übereinkunft darin 
besteht .deutscher Wohlstand stünde nur 
Deutschen zu, auch wenn dieser zum 
Teil Ergebnis internationaler Ausbeu¬ 
tung ist. Das Internierungslager für 
Flüchtlinge, die Anwendung der BRD- 
Ausländergesetze inclusive Deporta¬ 
tionen in Folterstaaten sind Alltag am 
Frankfurter Flughafen, sind Normalität, 
die einer Auseinandersetzung bedarf, 
und zwar in einer Dringlichkeit, die der 
Aktualität der ökologischen Frage 
keinesfalls nachsteht. 

Es geht also nicht nur darum, am 
Beispiel der geplanten Expansion des 
Rhein-Main-Flughafens einer weiter 
zunehmenden ökologischen Belastung 
entgegenzutreten, bzw. dem Ist-Zustand 
des Flughafens eine Minderbelastung 
abzuringen, sondern ebenso darum, die 
Normalität der Maschinerie Airport an 
dem Punkt in Frage zu stellen, an dem 
sie Ausbeutung, Sexismus und Rassis¬ 
mus transportiert und verdinglicht. 



SF 2/98 [23] 








Nachhaltige Seilschaften 

Umweltschutzfunktionäre auf dem Sprung an 

die Macht 

von Jörg Bergstedt 


Foto: Herby Sachs /Version 



Bislang waren es nur Einzelpersonen 
aus den etablierten Umweltorganisa¬ 
tionen, die sich plötzlich im Bundestag 
oder in hohen Parteiämtem wiederfan¬ 
den: Die ehemalige BUND-Bundes- 
vizevorsitzende Ulrike Mehl rutschte 
nach der letzten Bundestagswahl für 
die SPD in das Parlament, und auch 
Michael Müller, ist dort Umweltspre¬ 
cher der SPD-B undestagsfraktion. 
Nebenbei sitzt er im Präsidium des 
Deutschen Naturschutzrings (DNR) und 
ist Bundesvorsitzender der Natur¬ 
freunde. Wenn im September nun neu 


gewählt wird, ändert sich das Bild. 
Neben den genannten wird z.B. Rein¬ 
hard Loske dabei sein. Der designierte 
neue Umweltsprecher der kommenden 
grünen Bundestagsfraktion (ab Septem¬ 
ber 1998) ist Projektleiter der Studie 
"Zukunftsfähiges Deutschland” gewe¬ 
sen und arbeitet beim Wuppertal Institut. 
Sein Chef ist Emst-Ulrich von Weiz¬ 
säcker, SPD-Mann schon einmal Mini¬ 
sterkandidat seiner Partei (Landtags - 
wähl 1995 in Hessen) und beim Wahl¬ 
kampf zur Bürgerschaftswahl 1997 in 
Hamburg miteinem Spruch auf riesigen 


[24] SF 2/9 8 


Wahlplakaten aufgefallen: 

"Im Umweltschutz zählt Hamburg 
weltweit zur Spitzengruppe”. Von 
Weizsäcker hat noch Besseres drauf: 
"Im reichen Norden (des Globus, Anm. 
Autor) wurde die Umweltverschmu¬ 
tzung besiegt ", schrieb er als Beitrag in 
ein Werbebuch der AEG. Und am 26. 
März trat er in Wetzlar (Hessen) auf als 
Festredner bei der Einweihung der 
dorügen Trockenstabilatanlage. 

Trockenstabilat ist ein Vorprodukt 
der Müllverbrennung, nur der getrock¬ 
nete und in Plastik verschweißte Müll 
wird dann in Hochöfen, Zementwerken 
oder Kraftwerken verbrannt - mit 
deutlich schlechteren Emissionswerten. 
Weizsäcker lobt das Verfahren als 
Beitrag zur"Effizienzrevolution”, durch 
die Verbrennung würde die Energie der 
Produkte besser ausgenutzt. Wichtigster 
Unterstützer der Anlage war der grüne 
Staatssekretär im Hessischen Umwelt¬ 
ministerium, Reiner Baake. Er und 
Weizsäcker boten eine rotgrüne Phalanz 
-pro Müllverbrennung. 

Weizsäcker ist heißer Kandidat für 
das Bundesumweltministerium, zumal 
die Grünen darauf wahrscheinlich 
verzichten, denn Joschka Fischer hat 
höhere Ämter im Auge. 

Loske, Weizsäcker, Müller & Co. 
haben nicht nur enge Kontakte zuein¬ 
ander, sondern auch ein gemeinsames 
Haupt- und daraus abgeleitete Neben¬ 
themen: Die Nachhaltigkeit sowie 
Agenda 21, Ökologische Steuerreform 
usw. Daran arbeiten sie auf allen Ebenen 
und nutzen alle Strukturen, die sie beein¬ 
flussen können: SPD, Grüne und die 
etablierten Umweltverbände. Zur 
Hauptplattform wählten sie jetzt den 
DNR. Müller sitzt dort ohnehin schon 
im Präsidium. Uneingeschränkt unter¬ 
stützt wird er vom BUND-Chef Hubert 
Weinzierl, dessen Verband ohnehin 
Hauptinitiator der Nachhaltigkeitsidee 
ist und in dessen Leitungsgremien 
SPDlerlnnen und Grüne den Ton 
angeben. 

Das Projekt hat einen Namen "Auf¬ 
bruch 21” eingerichtet als offizieller 
Arbeitskreis beim Deutschen Natur¬ 
schutzring. Offziell soll die ein neues 
Grundsatzprogramm für den DNR erar¬ 
beiten. Doch die Arbeitsstrategie sagt 
etwas anderes. Eine Beteiligung der 
Basis, für ein neues Grundsatzpro¬ 
gramm sicher notwendig, istnichtange- 
strebt. Die Arbeitsgruppe besteht aus 








handverlesenen Leuten, überwiegend 
aus dem rot-grünen Dunstkreis in 
Wissenschaft und Medien. Kritiker 
werden forsch abgebügelt, die Debatten 
sind nicht-öffentlich. Die Zeit drängt. 
Das Programm soll Anfang September 
vorgelegt werden. Ende Sepember ist 
die Bundestagswahl. Schon die Zusam¬ 
mensetzung der Arbeitsgruppe zeigt, 
daß sich die Initiatoren um den AK- 
Vorsitzenden Michael Müller wenig Ge¬ 
danken über politische Inhalte machen: 
Von 18 Personen in der Gruppe sind 17 
Männer, keinE Basisgruppenverlreterln 
ist dabei, das Durchschnittsgchalt liegt 
sehr hoch. Der Anspruch von Müller, 
soziale Themen m it dem Umwel tschutz 
verknüpfen zu wollen, scheitert so im 
Ansatz. Aber diese Ziele verdecken ja 
auch nur, was eigentlicher Anlaß ist: 
Eine verdeckt agierende, rot-grüne 
Seilschaft träumt von der Macht. Das 
Thema Nachhaltigkeit kommt ihr ge¬ 
rade recht, der Titel “Aufbruch 21” 
vermittelt bereits inhaltliche Leere und 
Worthülsen. Das findet sich auch in den 
schon vorgelegten Papieren. Die eigene 
Easis und die Öffentlichkeit ist konse¬ 
quent ausgegrenzt. Der DNR wird zu 
einem rot-grünen Wahlkampfbüro. 
Zusätzlich zum “Aufbruch 21” wird die 
ökologische Steuerreform zum Wahl- 
kampfthema gemacht. Finanzieren soll 
die Kampagne der Ökofonds der Grü¬ 
nen. Vielen im DNR ist das unbekannt, 
andere hängen im rot-grünen “Sumpf* 
mit drin und schweigen. In den ersten 
Papieren, die die Arbeitsgruppe vorge- 
J e ßt hat, wird die Richtung deutlicher: 

Europa muß sich überlegen, ob es zu¬ 
künftig nur eine Mitläuferrolle in der 
Welt spielen will, oder ob es Vorreiter 
für ein neues solidarisches Weltmodell 
wird.... Die EU muß ein eigenes Profil 
zeigen. Die Erneuerung der sozialen 
Demokratie durch die Ökologisierung 
von Wirtschaft und Technik ist der rich¬ 
tige Weg.,..Die Leitideeder ‘Zukunfts¬ 
fähigkeif ist die wichtigste Antwort 
auf die erneute Entfesselung des Ka¬ 
pitalismus im globalen Zeitalter, Sie 
hat ihre Wurzeln einerseits in den Kon¬ 
zepten, die von Europäern für die Ver¬ 
einten Nationen erarbeitet wurden (... 
0lof Ealme ... Willy Brandt ... Gro 
Harlem Brundtland) und andererseits 
m den Wendekonzepten der Umwelt¬ 
bewegung.” 

Das klingt nach der Studie “Zukunfts¬ 
fähiges Deutschland”. Die und die 


Agenda haben es dem DNR ohnehin 
angetan. Im einem von Michael Müller 
vorbereiteten “Thesen zur Situation der 
Umweltbewegung und zur Rolle des 
DeutschenNatprschutzrings” des DNR- 
Präsidiums am 1.9.1997 liest sich das 
so: “Die Umweltbewegung muß sich 
als gesellschaftliche Reformbewegung 
verstehen. Sie kämpft um die Mehr¬ 
heitsfähigkeit des ökologischen Zu¬ 
kunftsmodells.... Die Umweltbewegung 
hat angesichts des großen Problemstaus 

in unserer Gesellschaft eine Verantwor¬ 
tung, die weit über die Umweltpolitik 
hinausgeht. ... 

‘Zukunftsfähiges Deutschland’, 
‘AGENDA 21\ ‘Nationaler Umwelt¬ 
plan ’ - das sind Konzepte der Hoffnung 
auf mehr LebensqualitätinderZukunft.. 
...UngewöhnlicheZeiten verlangen un¬ 
gewöhnliche Antworten: Die mutige 
Vision für ein ehrgeiziges Projekt, wie 

es inRiodefiniert wurde. Wir verstehen 

uns als Anwälte der Idee einer neuen 
planetarischen Ethik. Sie ist die Basis 
für Fortschritt, Demokratie und Wohl¬ 
stand im 21. Jahrhundert. Dazu gibt es 

keine Alternative. Deshalb werden wir 
uns nicht nur in um weltpolitischen, 
sondern auch in gesellschaftspolitischen 
Fragen verstärkt einmischen.” 

Bei allen großen Worten und verdeck¬ 
tem Wahlkampf fällt kaum noch auf: 

Inhalte fehlen ganz. Die Agenda 21 
wird zum “Konzept der Hoffnung”, 
obwohl sie sich ganz unverblümt für 
den Ausbau der Atom- und Gentechnik 
ausspricht, für die Rechte der Privat- 
untemehmen wirbt und die Beteiligung 
der Bürgerinnen nur ganz unverbindlich 
und kurz anspricht. In Zukunft solle ein 
Nationaler Umweltplan kommen - also 
noch mehr Debatten und jahrelanges 
Warten darauf, daß endlich begonnen 
wird mit dem Aufbau einer umweltge¬ 
rechten und gleichberechtigt-solidari¬ 
schen Gesellschaft. Die Konzepte dazu 
sind schon bald so alt wie die Akteure, 
die jetzt mit den Themen auf Stimmen¬ 
fang gehen. Die Umweltbewegung, zu¬ 
mindest der etablierte Teil, verkommt 
bei alledem immer mehr zu einem 
bloßen Anhängsel rot-grüner Macht¬ 
eliten. Wer Ende März auf den Gleisen 
um Ahaus saß, hat eher mitbekommen, 
was die gelb-schwarze Bundesregie¬ 
rung, dierot-grüneLandesregierung und 
der grüne Polizeipräsident von Münster 
gemeinsam haben: Helfer zu sein für 
die großen Konzerne, für die in unserem 


Land weiterhin Milliarden fließen und 
Beteiligungsrechte abgebaut werden. 


Hinweis: 

Der vorstehende Text stammt aus dem 
Projekt " Agenda , Expo, Sponsoring - 
Recherchen imNaturschutzfdz”. Milte 
April ist das gleichnamige Buch mit 
den detaillierten Ergebnissen langer 
Untersuchungen über den Filz von 
Politik, Wirtschaft und Umweltorgani¬ 
sationen im IKO-Verlag in Frankfurt 
erschienen. Es ist für 39,80 DM beim 
Büchertisch der Projektwerkstatt, Lu- 
dwigstr . 11, 35447 Reiskirchen , zu 
haben. Dort gibt es gegen 1,10 DM in 
Briefmarken auch ein Infoblatt zum Pro¬ 
jekt, wo neben dem Buch und weiteren 
Schriften auch eine Referentinnenliste 
zu finden ist. Zu den verschiedenen 
Fragestellungen des Filzes oder anderer 
kritischer Punkte in der Umweltbe¬ 
wegung (Hierarchien, Vereinsmeierei, 
Sexismus oder Rassismus in Umwelt¬ 
gruppen usw.) bieten sich verschiedene 
Personen als Referentlnnen oder für 
Seminare an. 

Tel 06401/90328-3, Fax -5 


Bitte Katalog anfordern: 
Hermannstr.78, 

44263 Dortmund, 
TeL:0231 / 41 21 14 


Antiquariat 

Schwarzer St 


☆ 




Schwerpunkt : 


SF 2/98 [25] 









1. Internationaler Kongress 

zur Sozialen Ökologie/Libertärem Kommunalismus 
in Lissabon, Ende August 1998 


von Wolfgang Haug 


Der Hauptzweck dieser ersten Inter¬ 
nationalen Konferenz zum Libertären 
Kommunalismus ist die Intensivierung 
der Debatte um den Themenkreis der 
Sozialen Ökologie, wie sie von Muray 
Bookchin theoretisch ausgearbeitet 
wurde. Die Konferenz soll sich einer¬ 
seits mit der Vertiefung der Theorie 
und andererseits mit praktischen An¬ 
sätzen zur Verwirklichung des Liber¬ 
tären Kommunalismus auseinander¬ 
setzen. Zu diesemZweck werden Men¬ 
schen aus den verschiedensten Ländern 
Zusammenkommen, die sich alle bereits 
mit den Inhalten der Sozialen Ökologie 
beschäftigt haben und Vorhaben bzw. 
bereits damit begonnen haben, die 
Thesen in eine Änfangspraxis auf kom¬ 
munaler Ebene umzusetzen. 


furt beschlossen, dass sich alle Teilneh¬ 
menden anmelden sollen undauch ein 
Vorwissen vorhanden sein muß. In 
diesem Sinne ist diese erste Konferenz 
kein öffentlicher Kongress, bei dem 
Zuhörererlnnen willkommen sind, 
sondern er wendet sich nur an einen 
Kreis speziell Interessierter. 

Wer sich auf dieser Grundlage für 
eine Teilnahme an diesem Kongress 
vom 26. bis 28. August entscheidet, 
wende sich zur Anmeldung jetzt direkt 
an dieSF-Redaktion (Tel. 07033-44273, 

Fax -45264). Wir schicken Ihr/ihm dann 
ein entsprechendes Anmeldeformular 
zu. Anmeldungen sind bis Ende Juni 
möglich. Die Teilnahmekosten belaufen 
sich auf 30 US Dollar. 


Adressat hierfür ist das Socius-Zentrum: 

SOCIUS - gab502 
ao c/Prof. Carvalho Ferreira 
Instituto Superior de Economia e 
Gestao 

Rua Miguel Lüpi, 20 
P-1200 Lisboa 

Die bislang beschlossene (proviso¬ 
rische) Tagesordnung sieht folgende 
Tagesabläufe'vor: 

26. August 

9 Uhr vormittags: Begrüßung und Ein¬ 
führungsrede von Janet Biehl auf 
der Grundlage ihres neuen Buches 
The Politics of Social Ecology. (Eine 
deutsche Übersetzung wird derzeit 



Die Konferenz wird von einem inter¬ 
nationalen Komitee vorbereitet und von 
Dimitri Roussopoulos (Black Rose- 
Verlag, Montreal) koordiniert. Vor Ort 
organisiert das SOCIUS-Zentrum den 
Ablauf der Konferenz (SOCIUS=Eco- 
nomical and Organizations Sociology 
Investigation Center). 

Die Konferenz versteht sich deshalb 
als Arbeitskonferenz, die gewährleisten 
soll, dass auf internationaler Ebene eine 
konkrete politische Arbeit und Ver¬ 
netzung begonnen werden kann. Um 
diesem Ziel näher zu kommen, wurde 
von den Vorbereitungsgruppen in Bur¬ 
lington/Vermont, Lissabon und Frank- 


Die Konferenz findet im Zentrum 
Lissabons statt und wird in den Räum¬ 
lichkeiten der Universität abgehalten. 
Für eine Simultanübersetzung ins Eng¬ 
lische bzw. Französische wird gesorgt. 

Möglich und willkommen sind auch 
Redebeiträge, die 10 Minuten nicht 
überschreiten sollten. Unser Anmelde¬ 
formular enthält eine Rubrik, in der ein 
Beitrag für einen bestimmten The¬ 
menbereich angekündigt werden kann. 
Ein Aufriss des Redebeitrags müsste 
bis zum 31.Mai, die fertigen Manus¬ 
kripte, die höchstens 20 Schreibma¬ 
schinenseiten umfassen sollten, müssten 

bis 15. August eingereicht werden. 


vom Trotzdem-Verlag vorbereitet 
und wird rechtzeitig vor Kongre߬ 
beginn gedruckt vorliegen. Vorbe¬ 
stellungen werden noch vor dem 
26.August ausgeliefert.) Anschlie¬ 
ßend findet ein “runder Tisch“ zur 
Diskussion ihrer Thesen statt, der 
mit einer Plenumsdiskussion ab- 
schließt. 


3 Uhr nachmittags: 

Redebeiträge zum Thema 1: Soziale 

Ökologie: politische Perspektiven, 

anschließend Plenumsdiskussion. 


[ 26 ] SF 2/9 8 













27. August 

9 Uhr, Aufteilung der Konferenzteil¬ 
nehmerinnen in drei Arbeitsbe¬ 
reiche: 

Redebeiträge zum Thema 2a: 
Soziale Probleme und städtische 
soziale Bewegungen. Stichworte, 
die hier vorgestellt und bearbeitet 
weiden können, wären: 

Armut, Soziale Ausgrenzung, Ju¬ 
gendprobleme, Altwerden, Einwan¬ 
derer, ethnische Minderheiten, Ras¬ 
sismus und Angst vor Fremden, 
Ökologie und städtisches Alltags¬ 
leben, (staatliche u.a.) Kontroll- 
mechanismen, soziale Integration, 
kollektive Aktionen und Initiativen 
zur Veränderung des heutigen S tadt- 
lebens. 

Redebeiträge zum Thema 2b: 

Kulturelles und gesellschaftliches 
Leben im 21 Jahrhundert: in lo¬ 
kaler und globaler Sicht 
Stichworte, die hier vorgestellt und 
bearbeitet werden können, wären: 
Beziehungen zwischen Stadt und 
Land, neue Werte und Erziehung, 


neue Gemeinschaften (communi- 
ties) in einer globaken Weltgesell¬ 
schaft, Übernahme fremder Kultur¬ 
elemente von Einzelnen und Grup¬ 
pen. 


Redebeiträge zum Thema 2c: 

Die Ökonomie kleinerer und 
größerer Städte. 

Stichworte, die hier vorgestellt und 
bearbeitet werden können, wären: 
Arbeitslosigkeit, Markt, Selbstver¬ 
waltung, städtische Ökonomie, 
Landwirtschaft, Kooperativen und 
gegenseitige Hilfe-Einrichtungen, 
Steuern und öffentliche Finanzie¬ 
rung, Besitzverhältnisse (Boden 
etc.), Produktion, Konsum und 
städtisches Leben, Transport und 
Umweltprobleme. 

3 Uhr nachmittags: Diskussiönsgruppen 
zu den drei Themenbereichen 


28. August 

9 Uhr vormittags: Plenumsdiskussion 
mitder Vorstellung der erarbeiteten 
Ergebnisse aus den Themengrup¬ 
pen. 

Anschließend Redebeiträge zum 
Themenbereich 3: 

Konkrete Erfahrungsberichte zu Ex¬ 
perimenten mit libertärem Kommu¬ 
nalismus bzw. gesellschaftlicher 
Einmischung auf der Grundlage 
Sozialer Ökologie. 

3 Uhr nachmittags: Plenumsdiskussion 
zur Einschätzung der Gemeinsam¬ 
keiten und Unterschiedlichen Er¬ 
fahrungen aus den bisherigen Ex¬ 
perimenten und Ansätzen. Klärung 
der unterschiedlichen Rahmenbe¬ 
dingungen in den einzelnen Län¬ 
dern. 

Anschließend: Abschlußplenum mit 
den Berichten aus den Arbeitsgrup¬ 
pen und der Sammlung von Vor¬ 
schlägen für die 2.Konferenz 1999 
in Plainfield/V ermont. 








Die Vereinigten Staaten von Amerika, 
um die es in David Barsamians Inter¬ 
viewbuch mit Noam Chomsky geht, 
das soeben beim Philo-Verlag erschie¬ 
nen ist, sind der Vorreiter einer gesell- 
schafüichen Entwicklung, die sich seit 
fünfzehn bis zwanzig Jahren in allen 
industrialisierten Staaten der Welt ab¬ 
spielt. 

Bis in die siebziger Jahre hinein hieß 
Kapitalismus in diesen Ländern, daß 
die lohnabhängige Bevölkerung unge¬ 
fähr proportional an den Ergebnissen 
des ständigen Produktivitätsfortschritts 
der Wirtschaft teilhatte. DieUS A waren 
das erste Land der industrialisierten 
Welt, in dem es einen immer schärferen 
Bruch mit dieser Entwicklung gab: Das 
Durchschnittseinkommen männlicher 
Lohnabhängiger fiel in den Jahren von 
1973 - 1992 um 11 Prozent, und dieser 
Prozeß hat sich seitdem in beschleunig¬ 
tem Tempo fortgesetzt. 

Auch in Europa finden wir seit Ende 
der siebziger Jahre ein teilweise sehr 
erhebliches Zurückbleiben der Löhne 
hinter dem Produktionszuwachs, und 
gleichzeitig einen enormen Anstieg der 
Arbeitslosigkeit. 

In der Bundesrepublik ist zwar das 
Volkseinkommen seit 1980 um ca. 35% 
gestiegen, aber die durchschnittlichen 
Reallöhne sind praktisch gleichgeblie¬ 
ben; wenn man die mittlerweile fast 5 
Millionen Arbeitslosen in die Rechnung 
mit einbezieht, ergibt sich auch in 
Deutschland ein deutlich spürbarer 
Rückgang des Lebensstandards der ab¬ 
hängigen Erwerbsbevölkerung. Im 
gleichen Zeitraum stiegen die Nettoge¬ 
winne aus Unternehmertätigkeit und 
Vermögen um mehr als 80%. 

Der Anteil der Steuern auf Gewinn¬ 
einkommen am Gesamtsteueraufkom¬ 
men ging zwischen 1980 und 1994 von 
27% auf 17% zurück; diese Gewinne 
betrugen 1995 ca. 650 Milliarden DM 
nach Steuern, das heißt, über 40% des 
verfügbaren Nettoeinkommens in der 
Bundesrepublik. 

In Entwicklungen wie diesen komm t, 

wie Noam Chomsky es im folgenden 
unter anderem am Beispiel der USA 
beschreibt, zweierlei zum Ausdruck: 

DieUntemehmer nutzen weltweit die 
neuen technologischen Entwicklungen 
in derTelekommunikations- und Com¬ 
puterindustrie zum Wegrationalisieren 
von Arbeitsplätzen; zugleich geben 
diese technischen Entwicklungen ihnen 
mächtige Waffen in die Hand, indem 
sie die Mobilität des Kapitals enorm 

[28] SF 2/9 8 


erhöhen. Produktionsprozesse können 
bedeutend leichter als zuvor weltweit 
organisiert werden; die Lohnabhängi¬ 
gen jedes einzelnen Landes werden 
mehr und mehr zu austauschbaren In¬ 
strumenten in der weltweiten Jagd der 
Unternehmen nach Profit. 

Die Politiker, Medien und meinungs¬ 
machenden Intellektuellen ziehen es in 
der Regel vor, Fakten wie diese uner¬ 
wähnt zu lassen, wenn sie von den 
»fetten Jahren« reden, die nunmehr 
vorüber seien. Sie sprechen lieber von 
der als Sachzwang ausgegebenen »Not¬ 
wendigkeit zu sparen«. Wer zugunsten 
wessen sparen soll, wird dabei weniger 
deutlich gesagt. In der veröffentlichten 
Meinung kristallisiert sich allerdings 
mehr und mehr die Auffassung heraus, 
daß die vom Besitz von Reichtum und 
Macht Ausgeschlossenen zugunsten der 
wirtschaftlichen Elite Verzicht leisten 
müssen, um überhaupt noch ein Anrecht 
zu haben, am System beteiligt zu wer¬ 
den. Die lautstarke Propagierung des 
Systems der ungesicherten Billigjobs' 
etwa in den USA als Vorbild ist nur 
eines der bundesdeutschen Beispiele 
hierfür. 

Im Namen der Freiheit des Marktes 
gehen die Gewinne und Aktienkurse 
währenddessen nach oben. Gleichzeitig 
werden immer größere Teile der Be¬ 
völkerung aus dem System der Markt¬ 
wirtschaft herausgestoßen. Und die 
Systeme sozialer Sicherung, die in vie¬ 
len Jahrzehnten harter Kämpfe in den 
fortgeschrittenen Ländern erkämpft 
worden sind, werden in einer general¬ 
stabsmäßigen Attacke, in der kaum noch 
einer Woche vergeht, ohne daß neue 
Einschnitte verkündet werden, just in 
dem Moment zertrümmert, in dem sie 
sich hätten bewähren sollen. Vorher 
lauthals als Erfolgsbeweise für die 
Überlegenheit der kapitalistischen 
Marktwirtschaft über jedes denkbare 
andere System hinausposaunte Ziele 
wie wachsender Wohlstand und Voll¬ 
beschäftigung für alle sind längst als 
unrealistisches, geradezu abstruses 
Ansinnen ad acta gelegt. 

Wie kann es sein, daß Produktivität 
und technologischer Fortschritt immer 
weiter wachsen,dadurch aber nur immer 
weniger immer reicher werden, während 
für den immer größer werdenden Rest 
der Bevölkerung nur soziale Unsicher¬ 
heit und wirtschaftliche Sorge um Ge¬ 
genwart und Zukunft zunehmen? Wie 
ist es möglich, daß ein System, das eine 



derartige Entwicklung längst wieder - 
wie in seinen Anfängen - zur Regel 
gemacht hat, nichtöffentlich als völlig^ 
Desaster gebrandmarkt wird? 

Das ist es, was der sogenannten 
Globalisierung zugrundeliegt; dabei ist 
es nicht unbedingt entscheidend, ob 
Unternehmen tatsächlich ins Ausland 
abwandem - allein die Drohung, dies zu 
tun, stellt ein sehr wirksames Erpres¬ 
sungsmittel dar und wird immer häuf ig ef 
als solches eingesetzt. Auf diese Weise 
ist es den Unternehmen in Deutschland 
gelungen, den Löwenanteil der Steige¬ 
rung des Volkseinkommens seit 1980 





für sich zu behalten; die durchschnitt¬ 
lichen Bruttolöhne stiegen demzufolge 
in Deutschland zwischen 1980 und 1994 
nicht um 35%, sondern nur um 11%. 

Aber das ist noch nicht alles. Von den 
genannten 11% Bruttolohnsteigerung 
ist nichts in den Taschen der Arbeiter 
und Angestellten übriggeblieben. Sie 
sind in Form gestiegener Lohnsteuern 
nnd Sozialabgaben in die Hände des 
Staates übergegangen. Auf der anderen 
Seite besteht ein Großteil der kom- 
miJ nal-, landes- und bundespolitischen 
Maßnahmen derzeit darin, die staat¬ 
lichen und sozialpolitischen Leistungen 


Foto: S. Adorl/Version 

für die Bevölkerung immer weiter zu¬ 
sammenzukürzen. 

Parallel zur Kapitaloffensive gegen 
die Lohnabhängigen und die unteren 
Schichten insgesamt sehen sich diese 
also immer schärferen Angriffen genau 
der Institution ausgesetzt, die angeblich 
ihrem Wohl und Schutz verpflichtet ist. 
Die offizielle Politik, die von den mei¬ 
sten Politikern von rechts bis sehr weit 
ins linksliberale Spektrum hinein ver¬ 
fochten wird, ist die Politik der »Stand¬ 
ortsicherung«. In gewöhnliches Deutsch 
übersetzt, heißt das, daß praktisch nichts 
mehr getan werden darf, was den Inte¬ 


ressen des Kapitals an der Sicherung 
von Maximalprofit widerspricht. 

Eines der wirksamsten Mittel zur 
Rechtfertigung dieser Politik gegenüber 
der Öffentlichkeit ist die in den letzten 
Jahrzehnten tatsächlich enorm ge¬ 
wachsene Staatsverschuldung. Sie be¬ 
trägt derzeit mehr als zwei Billionen 
Mark, mehr als 60% des Bruttosozial¬ 
produkts und ist angeblich der Beweis 
dafür, daß »wir über unsere Verhältnisse 
gelebt« haben und jetzt eben gezwungen 
sind, die Zeche dafür zu zahlen. 

Ausgeblendet bleibt dabei, wie diese 
hohe Schuldenlast zustandekam, und 
darüber hinaus, wer an ihr verdient. 
Allein die oben erwähnte Senkung des 
Anteils der Gewinnsteuern am Gesamt¬ 
steueraufkommen sorgt mittlerweile für 
mehr als 100 Milliarden DM Steuer¬ 
ausfälle' die enorm großen, rasch 
wachsenden und in einem immer klei¬ 
neren Sektor der Bevölkerung konzen¬ 
trierten Vermögen werden nur marginal 
besteuert und die mangels wirksamer 
Kapitalkontrollen leicht zu bewerkstel¬ 
ligende Steuerflucht in die auf der gan¬ 
zen Welt aus dem Boden schießenden 
Steueroasen hat riesige Ausmaße er¬ 
reicht. 

All das ist Geld, das für Ausgaben für 
Schulen, Erziehung , Bildung, Umwelt, 
Alte, Kranke, Sozialhilfe, die Integra¬ 
tion derausländischenBevölkerung und 
vieles andere mehr dringend gebraucht 
würde. Aber nicht einmal die jährliche 
Neuverschuldung kann im Rahmen der 
betriebenen? olitikfür solche nützlichen 
Zwecke verwendet werden. In den 25 
Jahren bis 1994 betrug die gesamte 
Neuverschuldung aller staatlichen 
Ebenen 1381 MilliardenDM. AnZinsen 
für die Staatsverschuldung wurden in 
diesem Zeitraum 1.217 Milliarden DM 
gezahlt. 

Und wie Noam Chomsky im zentralen 
Kapitel dieses Interviewbandes bezogen 
auf die USA sarkastisch bemerkt, ist es 
»recht wahrscheinlich, daß es sich bei 
den Leuten, die Staatsschuldverschrei¬ 
bungen besitzen, nicht gerade um Taxi¬ 
fahrer handelt.« (S. 155) 

Was ist mit den Taxifahrern? Was ist 
mit den arbeitenden Menschen in der 
Ersten, Zweiten und Dritten Welt, der 
großen Bevölkerungsmehrheit des 
Planeten, die die Kosten der globa¬ 
lisierten Jagd des Kapitalismus nach 
Profit und noch mehr Profit zu tragen 
hat, in der Dritten Welt schon seit 


SF 2/98 [ 29 ] 








langem, zunehmend aber auch in den 
entwickelten Zentren des Systems? 
Inwieweit durchschauen sie diese Ent¬ 
wicklungen, und warum rebellieren sie 
nicht? 

Es sind Fragen wie diese, mit denen 
sich das vorliegende Buch befaßt. Es 
basiert auf Interviews, die der Radio- 
joumalist David Barsamian für seine 
wöchentliche Radiosendung des Alter¬ 
nativen Radios in Boulder, Colorado 
mit Chomsky geführt hat. 

Noam Chomsky, seit seiner frühen 
Jugend Anarchist, hat in seinen unzäh¬ 
ligen Veröffentlichungen, Vorträgen 
und Interviews seit 1964 zu politischen 
und sozialen Fragen immer wieder zwei 
zentrale Themen miteinander verwo¬ 
ben: die Struktur und die grausamen 
Konsequenzen eines die Welt beherr¬ 
schenden, auf Herrschaft und Ausbeu¬ 
tung beruhenden Systems auf der einen 
und die ideologische Präsentation dieses 
Systems auf der anderen Seite. 


In den sechziger, siebziger und acht¬ 
ziger Jahren hat Chomsky minutiös 
gezeigt, wie die Politik der USA und in 
ihrem Gefolge die der anderen west¬ 
lichen Industrienationen in der Dritten 
Welt vor allem einem Ziel diente: der 
Zerstörung jeglicher hoffnungsvollen 
unabhängigen Entwicklung dieser 
Länder zum Nutzen der dort lebenden 
Menschen, ihrer Unterjochung unter die 
wirtschaftlichen und politischen Prio¬ 
ritäten der kapitalistischen Länder. Nun, 

wo dieses Ziel weitgehend erreicht 
worden ist und sich die Macht in den 
Ländern des Westens zunehmend in 
den Institutionen, die Chomsky als 
»privateTyranneien« bezeichnet, in den 
transnationalen Konzernen, konzen¬ 
triert, richten diese ihren Angriff auch 
auf die Bevölkerung der entwickelten 
Länder selbst. 

Der schottische Philosoph David 
Hume schrieb einmal, es sei »nichts 
überraschender« als »die Leichtigkeit, 


mit der es den Wenigen gelingt, die 
Vielen zu regieren« und als »die Unter¬ 
würfigkeit, mit der die Menschen ihre 
eigenen Gefühle und Leidenschaften 
denjenigen ihrer Herrscher unterord¬ 
nen«. Das ist das zweite große Thema 
Chomskys. Die Bevölkerung in den 
westlichen Demokratien hat sich im 
Verlauf der Geschichte das Recht auf 
freie Meinungsäußerung und Wahl ihrer 
Repräsentanten erkämpft; wie kommt 
es dann aber, daß »ihre eigenen Gefühle 
und Leidenschaften« und Interessen in 
der Innen- wie Außenpolitik dieser Län¬ 
der eine so geringe Rolle spielen? 

Wir können davon ausgehen, daß die 
meisten Menschen mit einer Außen¬ 
politik ihres Landes, deren integrale 
Bestandteile Hunger und Elend für 
hunderte Millionen Menschen sowie 
brutale Massaker sind, nicht einver¬ 
standen sind, ebenso, wie sie sich na¬ 
türlich auch nicht wünschen, von ihrem 
eigenen Staat und den Reichen und 
Mächtigen ausgeplündert und entrechtet 
zu werden. 

Um sie dazu zu bringen, all diese 
Dinge ohne größeren Widerstand zu 
akzeptieren, ist es notwendig, den Men¬ 
schen ein bestimmtes Bild dieser Rea¬ 
lität zu vermitteln, ein Bild, in dem 
störende Faktoren möglichst weit¬ 
gehend ausgeblendet sind, und soweit 
das nicht möglich ist, als gerechtfertigt, 
notwendig, unvermeidlich erscheinen. 
Und was zur Zeit Humes, zur Zeit der 
Aristokratenherrschaft, die Kirche 
besorgte, ist heute Aufgabe von Kultur- 
und Medienindustrie sowie des Erzie¬ 
hungssystems. 

Wieviele Leute würden bei einer be¬ 
liebigen Umfrage die oben angeführten 
Zahlen über die Bundesrepublik ken¬ 
nen? Geschweige denn, eine klare Vor¬ 
stellung davon haben, wie diese Daten 
miteinander Zusammenhängen? Also 
über wenigstens einige Aspekte ele¬ 
mentarer Gegebenheiten, die ihr Leben 
bestimmen, ein Wissen haben, das sie 
handlungsfähig machen könnte? U n( * 
das liegt nicht an der Dummheit der 
Menschen oder der Verantwortungs¬ 
losigkeit des einzelnen Lehrers, Jour" 
nalisten oder Kulturschaffenden. So, 
wie die »privaten Tyranneien«, von de¬ 
nen Chomsky spricht, die Wirtschaft 
generell beherrschen, beherrschen sie 
auch die Medien- und Kulturindustrie 
und setzen über ihren ständig wach¬ 
senden Einfluß auf den Staat die Para- 



Wer A sagt, 

muß auch Anarchismus meinen: 

Noam Chomsky 
Haben und Nichthaben 

Gespräche mit David Barsamian ; 

Übersetzt von Michael Schiffmann 
1998, 224 Seiten; kt, 

DM 34,-/sFr:34,-/öS 252,- 
ISBN 3-8257-0065-8 

Im Gegensatz zum „herrschenden Diskurs" setzt sich 
Chomsky kritisch mit zu Standardphrasen gewordenen 
Slogans auseinander, wie dem „Sparzwang" und dem 
der „Gesellschaft, der die Arbeit ausgeht", und richtet 
sein Augenmerk unter anderem auf die heutige Staats¬ 
verschuldung, die durch massive steuerliche Vergünsti¬ 
gungen für die Eliten ausgelöst wurde und von der 
eben dieselben Eliten auch noch in der Verschuldung 
profitieren. Die Analysen Chomskys - der sich weigert, 
s ich wie der Großteil gerade auch der Intellektuellen 
der westlichen Welt den Blickwinkel der Mächtigen an¬ 
zueignen - hinterfragen das System der transnational 
organisierten Konzerne und zeigen, daß es längst in 
deren Wirtschaftsmacht liegt, Staaten und Politiker für 
ihre merkantilen Interessen zu instrumentalisieren 



[30] SF 2/9 8 




rocter des Erziehungssystems. Das ur¬ 
eigenste Interesse dieser Tyranneien 
erfordert die Präsentation eines radikal 
verkrüppelten Bildes der gesellschaft¬ 
lichen Realität, erfordert es, die Men¬ 
schen in Bezug auf ihre eigene Lebens¬ 
realität unwissend, ahnungslos und un- 
m ündig zu halten. 

Parallel dazu und in dem Maß, wie es 
n icht mehr nötig ist, gleich welche Zah¬ 
len zu kennen, um die Verschlechterung 
un d die wachsende Unsicherheit der 
Lebensverhältnisse am eigenen Leib zu 
spüren, werden die Werte, auf denen 
das gesellschaftliche System selbst 
basiert, immer stärker propagiert: Be¬ 
reichere dich, vergiß alles außer dir 
selbst, den Letzten beißen die Hunde, 
Eigennutz und Gier sind die einzig 
akzeptablen Emotionen, alle anderen 
menschlichen Gefühle und Instinkte, 
insbesondereMitgefühl, Solidarität und 
d as Streben nach freier Selbstverwirk¬ 
lichung außerhalb einer gegen andere 
gerichteten Konkurrenz sind roman¬ 
tische Gefühlsduselei. An der Spitze 


der Pyramide läßt es sich mit solchen 
Werten sicher recht angenehm leben; 
die unmündigen unteren Chargen da¬ 
gegen sollen die Angst, die Frustration 
und den Haß, die der Konkurrenzkampf 
erzeugt, gegeneinander richten. 

Es istkein Zufall, daß Chomsky gegen 
diese Vision einer Gesellschaft die 
Werte der Aufklärung, die Werte eines 
Bertrand Russell und eines John Dewey, 
eines Adam Smith und eines Wilhelm 
von Humboldt setzt. 

In der gegenwärtig sich herausbil- 
denden ökologischen und ökono¬ 
mischen Situation der Welt könnte es 
leicht für die Mehrheit der Menschen 
zu einer Überlebensfrage werden, ob 
die Gesetze der Gier triumphieren oder 
ob die Menschen sich daran machen, 
ein möglichst zutreffendes Bild der 
Realität zu gewinnen, die ihnen zuge¬ 
dachte Rolle unmündiger Rädchen im 
Getriebe abzuwerfen, den ganzen 
Reichtum »ihrer eigenen Gefühle und 
Leidenschaften« aus der Unterordnung 
unter »diejenigen der Herrschenden« 
zu befreien und für eine Gesellschaft zu 
arbeiten, die freier, gleicher und ge¬ 


schwisterlicher ist. 

Im fünften Kapitel des Interviewban¬ 
des sagt Chomsky, er werde immer 
wieder gefragt, was angesichts der 
schlimmen Situation zu tun sei, und 
verweist am Schluß des Kapitels darauf, 
daß wir es eigentlich wissen. In dem 
Buch The Almost World des Schrift¬ 
stellers Hans Koning, der mit Chomsky 
gegen den Vietnamkrieg die Bürger- 
rechisorganisation RESIST gegründet 
hat, findet sich streiflichtartig folgendes 
kleine Bild: 

»Ein schwarzer Bursche verkaufte 
auf der achten Straße Zeitungen der 
Bewegung. “Aktion!" rief er immer 
wieder. “Wacht auf , Leute. Hört auf\ 
Kinder zu sein. Seid Männer und 
Frauen!" 

Und Koning weiter: "Seien wir Män¬ 
ner und Frauen."« . 

Seien wir Männer und Frauen. 


Noam Chomsky: Haben und Nichthaben. 
Aus dem amerikanischen Englisch von 
Michael Schiffmann. 224 S., Philo 
Verlag 1998, DM 34.- 


SF 2/98 [ 31 ] 

















Interview mit Nga Awa 
von Jaffa Kämme! 


* 0 /) 


"Wenn er ein© 








“Nga Awa” (Flüsse) wurden nach einem Auftritt im letzten Jahr in 
Frankfurt interviewt Katarina Kawana ist Sängerin, Musikerin und DJane. 
Sie ist seit Jahren im “Student Radio Network” in Wellington aktiv, das 
Maori-Musiksendungen für das Radio produziert und junge Musikerlnnen 
fördert. Parekotuku Moore schreibt Gedichte, Kurzgeschichten und Dub- 
Poetry. Sie ist Mitglied der “Indigenous Playback Theatre Company” aus 
Wellington und seit Jahren in der Frauenbewegung aktiv, v.a.in der 
Erarbeitung von Strategien gegen patriarchale Gewalt innerhalb der Maori¬ 
community. Sie arbeitet in Frauenhäusern und unterrichtet Selbstver¬ 
teidigung für Frauen und Mädchen. “Nga Awa” erzählen die Geschichte, die 
sozialen und politischen Entwicklungen Aotearoas, mit traditionellen Liedern 
und rhythmischem Sprechgesang. In ihren performances setzen sie, neben 
der Stimme, Tanz und traditionelle Instrumente ein. Das Interviewsollte als 
Beitrag des Frauenradios, im Rahmen des Sendeprogrammes des 
Dachverbandes Freier Radios gesendet werden. Der Dachverband hatte sich 
um eine Sendelizenz für nicht-kommerzielle Radios beworben, diese aber 
nicht bekommen. Wir dokumentieren die Teile des Gesprächs, die sich mit 
der Landrechtsbewegüng sowie der Frauenbewegung in Aotearoa 
beschäftigen. Das Interview J führte Julia Kümmel, übersetzt und bearbeitet 
wurde es von Matthias Hartig und Nicole Frazier. 


K: Kia ora, mein Name ist Katarina 
Kawana. Ich komme vom S tammesland 
der Ngai Tuhoe, Ngati Kahungunu, 
Ngati Ruanui und Tuwharetoa. Dies 
sind die Stammeszugehörigkeiten 
meines Mannes und meines Vaters, und 
sie sind sehr wichtig für mich wegen 
der Verwandschaft und meinem Ver¬ 
hältnis zu unserem Land. Wir kommen 
von Aotearoa. Das ist der älteste Name 
unseres Landes und bedeutet “Das Land 
der langen weißen Wolke”. Dem Rest 

derWeltistunserLandals“Neuseeland” 

bekannt, okkupierend in den letzten 200 
Jahren so genannt. 


P: Nun, kia ora. Mein Name ist Pare¬ 
kotuku. Ich bin eine Maori von Aotearoa 
und meine Stammeszugehörigkeiten 
sind Ngati Raukawa, Ngati Koroki, Te 
AneHuru und Ngai terangi. Ich komme 
aus der Mitte der Nordinsel, etwas mehr 
zur rechten Küste hin gelegen. 


Also kommt ihr beide aus recht unter¬ 
schiedlichen Gegenden? Du kommst 
von der Südinsel und die Mitte der 
Nordinsel ist in der Nähe von Auckland 
oder...? 


P: Nein Katarina kommt auch von 
der Nordinsel. Ich komme aus einem 
Gebiet namens Waikato, durch das die 
Hauptverkehrsstraße von Süd nach Nord 
verläuft. 

K: Ich komme von der Nord-Ost- 
Küste der Nordinsel, die stark von Maori 
bevölkert ist und zu einem großen Teil 
aus Farmland besteht. Das Gebiet, das 
Land meines Stammes, ist hügelig, ge¬ 
birgig und noch recht unberührt von 
TVs und Autos. Der größte Teil ist ein 
großer Nationalpark, wo Leute campen 
oder Touren machen. Aber, man muß 
dazu sagen, daß unser Nationalpark der 
Regierung gehört. Wo ich herkomme 
sind hauptsächlich Farmer und Garten¬ 
bau treibende Leute, die das Land be¬ 
bauen. 


Dort , in Aotearoa , gibt es eine Land' 
rechtsbewegung. 

P: Unsere Leute kämpfen nicht erst 
seit jüngster Zeit um Land, sondern seit 
200 Jahren, seit der erste europäische 
Siedler kam. Ich bin nun dreißig Jahre 
alt und ich wurde in diesem Kampf 
hineingeboren. Meine Maori-Sprache 
ist mir wirklich wichtig, weil sie mich 
an meine Herkunft erinnert. Ich kann 
eine Menge Legenden und alle Ge¬ 
schichten erzählen, mit dieser Sprache 
umgehen, während ich dies auf Englisch 
nicht könnte. Es hat in Aotearoa keine 


[ 32 ] SF 2/98 







stden 


• t e vH ö * singen Nf, ' e 


^ > Ö r /©V> e " s ’ \\^ 0 all //>© 


Wurzeln. Also reden wir vom Kampf 
um Land den unsere Leute immer noch 
führen. In jeder unserer Lebensphasen, 
°h als Kinder, als Schülerinnen, als 
Arbeitslose, oder in einem Training an 
e |ner Ausbildungsanstalt - sei es eine 
bikulturelle oder nur eine konven¬ 
tionelle Anstalt - unternehmen unsere 
Leute Schritte zur Urbarmachung und 
zum Aufbau einer eigenen ökono¬ 
mischen Basis, für das Überleben un¬ 
seres Landes und unserer Traditionen. 
Ich komme vom Stamm der Tainui aus 
dem Waikato-Gebiet. Wir sind dererste 
iwi” (das ist das Maori-Wort für 
Stamm) der von der englischen Krone 
eine Siedlung erhielt. Das war vor 18 
Monaten. Unser Land wurde uns 1840 
We ggenommen, kurz nachdem wir 
fälschlicherweise von der Kolonial- 
re gierung beschuldigt worden waren, 
zu den Waffen gegriffen zu haben um 
einem benachbarten Stamm beim 
Kampf gegen sie zu helfen. Das war alles 
Mist. Das war die Rechtfertigung um 
un uns heranzukommen und unsere 
ökonomische Basis zu entziehen. Uns 
wurden 1,5 Millionen Morgen wegge¬ 
nommen. Dieses Land, von dem ich 
ubstamme, istreiches, fruchtbares Land. 
Ic h erwähnte bereits, daß hier die 
Hauptverkehrswege verlaufen. Und das 
war der Grund, warum sie uns das Land 
Wegnahmen. Aber auch weil meine 

Leute eine Bewegung anführten, die zu 

die ser Zeit “Kotahitanga” genannt 
wurde, was ein Zusammenschluß der 


Stammesvölker, einer Unionsbewe¬ 
gung, war. Und das war damals eine 
Bedrohung für die Kolonialregierung, 
also nahmen sie unser Land weg. Vor 
den Kolonialsoldaten kamen Siedler 
nach Aotearoa. Viel früherschon trieben 
wir Handel mit weißen Händlern aus 
Australien, aus England via Australien, 
mit Franzosen und Walisern. Wir han¬ 
delten mit Weizen und waren eine sehr 
gesunde, blühende Gemeinschaft, die 
hervorragende Ernten erzielte. Diese 
Enteignung und das Einschleppen der 
Windpocken - die das ganze Land 
heimsuchten und unsere Nation nahezu 
auslöschten und einen großen Teil der 
Maori-Bevölkerung - zerstörte sehr 
wirksam unsere Gesundheit, unsere 
Moral, und zog uns den Boden auf dem 
wir standen unter den Füßen weg. Es 
ist, als ob Dir jemand den Geist heraus¬ 
nimmt. Wir waren landlos in unserem 
eigenen Land. Seitdem haben unsere 
Leute Delegationen an die Queen, die 
vorherige Queen, usw.ausgesandt. 
Lange, riesig lange Reisen quer über 
den Globus nach England, sechs Jahre 
dauernd. Manche unserer Männer 
starben auf derReise und manche holten 
sich Seuchen und kamen damit zurück. 
Und sie hielten die Auseinandersetzung 
aufrecht und die Vision, unsere Leute 
über das ganze Land vereint zu halten. 
Die Basis unserer Argumentation war, 
daß das Land uns entrissen worden war 
und daß wir aus diesem Grund eine 
beraubte Nation sind, daß wir dieRück- 


gabe unseres Landes fordern und eine 
finanzielle Entschädigung für den 
Verlust. Auch fofderten wir eine Ent¬ 
schuldigung von der Queen. Und wir 
haben etwas zurückerhalten, etwa40 % 
unseres Landes. Wir erhielten eine 
kleine Entschädigung, was zu Aus¬ 
einandersetzungen unter den Maori 
führte, da zu dieser Zeit, unsere kon¬ 
servative Regierung, die Nationale 
Partei, eine 18-monatige Tour durch 
das ganze Land absolvierte, um die 
Maori-Nationen zu verleiten, eine 
gänzlich finanzielle Entschädigung für^&l Q y ' 
den Landverlust anzunehmen. Als * b 
Gegenleistung dafür sollte die Mög¬ 
lichkeit einer Rückgabe von Maori- 
Land ausgeschlossen werden, ln Aote¬ 
aroa gibt es das Waitangi-Tribunal. Es 
ist eine Art von halb-autonomer Kör¬ 
perschaft, wo Maori-Leute ihre Land¬ 
ansprüche geltend machen können und 
etwas finanzielle Unterstützung erhal¬ 
ten, um ihre Klage führen zu können. 

Manche Nationen halten es für ein hilf¬ 
reiches Werkzeug, andere halten es nur 
für eine weitere Möglichkeit der Regie¬ 
rung alles unter den Teppich zu kehren. 

Auf diese Weise erzielt die Regierung 
einen Erfolg. Es gibt ein Tribunal wo 
Maori-Leute ihre Landforderungen er¬ 
örtern und zu Gehör bringen können, 
und dann gibt diese Kommission der 
Regierung Empfehlungen. Letztlich 
fällt dann die Regierung die Entschei¬ 
dung, ob die Ansprüche gerechtfertigt 
sind und ob diese Leute es verdienen, 
zurückzuerhalten was sie fordern. Das 
Anliegen aller Maori-Nationen, die ihre 
Landforderungen geltend gemacht 
haben ist, daß sie Land zurückwollen 
und finanziellen Ausgleich für den öko¬ 
nomischen, emotionalen und geistigen 
Verlust. 

So ist also der Kampf um Land der 
Hauptkampf? Versuchen Leute auch in 
die Institutionen zu gelangen, um zu 
versuchen Einfluß auf die Regierung 
auszuüben ? Auch als Teil derRegierung 
selbst? Oder ist es ein Kampf um einen 
autonomen Status in Verbindung mit 
eurer eigenen Vorstellung von Gesell¬ 
schaft? 

P: Ich denke, unsere Strategie ist, 
jedebestehendeMöglichkeitzu nutzen, 
um unsere Streitfragen, unsere For¬ 
derungen und unseren Status wahrge¬ 
nommen und anerkannt zu bekommen. 


SF 2/9 8 [ 33 ] 





Als das parlamentarische System in 
Aotearoa geschaffen wurde, gab die 
Labour-Regierung vier Sitze an die 
Maori um die Maori-Nationen zu 
repräsentieren. Ich meine, wie effektiv 
kann man sein mit vier Leuten in einer 
Regierung aus 98. Wir sprachen bereits 
über die “Kotahitanga”-Bewegung im 
19 Jahrhundert. In unserer Geschichte 
haben wir stets versucht, uns autonom 
und eigenständig zu etablieren, mit 
einem Status der ebenso hoch bewertet 
wird, wie der der Kolonialregierung. 
Bis heute gibt es politische Bewegungen 
von Maori die um Landrechtsfragen 
kämpfen, die ihre Autonomie erkämp¬ 
fen und erhalten und es gibt Maori- 
Organisationen die die Möglichkeit 
wahmehmen in der Regierung mitzu¬ 
arbeiten, um Boden zu bekommen und 
um einbezogen zu sein bei Fragen 
unserer eigenen Entwicklung. Es ist 
also eine Kombination von beidem. In 
Ministerien findest du Maori-Abtei¬ 
lungen und -Sekretariate und Maori- 
Grundsatzerklärungen gelten als Richt¬ 
schnur für die Ministerien. 


Eine Frage an euch als Frauen. Gibt 
es auch eine Maori-Frauenbewegung? 
Was sind ihre Anliegen und was tut sie? 
Ist es in der Maori-community auch ein 
Problem eine Frau zu sein? In der eu¬ 
ropäischen Welt gibt es feste Rollen¬ 
verteilungen und Frauen kämpfen, um 
dies zu ändern . Wie ist das in der Maori- 
community? Und wie stellt sich der 
Kampf umSelbstbestimmung innerhalb 
dieser 'community und in einem kolo¬ 
nisierten Land dar? Oder überhaupt 
der Kampf der Frauen gegen Kolonia¬ 
lismus? 

K: Ich bin mit meiner Mutter aufge¬ 
wachsen. Sie ist aktives Mitglied der 
“Maori-Women's-Welfare-League”. 
Meine Mutter ist in ihren 70ern und seit 
über 50 Jahren Mitglied. Anfänglich 
bestand der Kampf der “Maori- 
Women's-Welfare-League” in der 
Sorge um das Wohlergehen der Maori- 
Leute, in der Gesundheitsfürsorge, in 
der Erziehung, im heimischen Hand¬ 
werk, in der Weitergabe von Heil¬ 
mitteln. Eigentlich ähnlich den Auf¬ 
gaben von englischen Frauen, die nach 
Aotearoa kamen und versuchten den 
Maori-Frauen Unterwürfigkeit beizu¬ 
bringen: “Du bist die Dienerin, die 


jingle 

da 

d° da <ja 

Köchin, du hast zuhause zu bleiben” 
usw. Aber unsere Maori-Frauen bean¬ 
spruchten diese Aufgaben als ihre An¬ 
gelegenheit. Es ging um Maori-Dinge, 
Maori-Künste, zur Verbesserung der 
Situation der eigenen Gemeinschaft, wie 
der Maori-Frauen, mit der Blickrichtung 
darauf, eine nationale Stimme für das 
ganze Land und die gesamte Maori- 
Bewegung zu werden. Ich habe keine 
genauen Daten und Fakten, aber in jeder 
noch so kleinen Maori-Gemeinde gibt 
es eine “Maori-Women's-Welfare- 
League”. In den größeren Städten ist 
die Mitgliederzahl gewaltig. Sie führen 
eine jährliche Konferenz durch, die bis 
zu 10.000 Maori-Frauen anzieht. Sie 
wurden zunehmend politisch bewegt 
und motiviert. Anfänglich kümmerten 
sie sich mehr nur um ihre eigenen Ge¬ 
meinschaften, ihre eigene Gesundheit 
und ihr eigenes Wohlergehen. Dann 
kamen sie an einen Punkt, wo sie nach 
Alternativen und einem nationalen 
Sprachrohr suchten. Maori-Frauen 
haben die schlechtesten Statistiken von 
ganz Neuseeland bei Krebs, Kehlkopf¬ 
krebs, Herzanfällen und es gab ein 
Gesetz, das es Maori-Frauen verbot in 
der Öffentlichkeit die Brust zu geben. 
Das war in den 40er Jahren. Die Maori- 
Frauen mußten Milch kaufen und die 
war nicht sehr gut. Asthma verbreitete 
sich und all die anderen kleinen 
Seuchen, die unsere Leute eigentlich 
nicht kannten. Und die Themen die sie 
diskutiert haben werden, waren: “Wie 
überwinden wir das, was werden wir 
tun?” Seit den 40er Jahren sind Maori- 
Frauen erfolgreich dabei eine altemaü ve 
Medizin und Kliniken für Maori-Frauen 
einrichten zu helfen. Maori-Frauen sind 
sehr schüchtern, fürchten sich vor Be¬ 
rührungen und reden ungern über ihre 
Intimsphäre. Wenn sie in ein konven¬ 
tionelles Krankenhaus kommen, werden 
sie ohne Respekt und Rücksicht auf 
IhrePersönlichkeitbehandelt. Sie waren 
sehr erfolgreich mit der Aussendung 
von Maori-Teams, die unseren Frauen 
beibrachten: Kauft diesmal keine Anti¬ 
biotika, wie wäre es wenn wir eine alte 


traditionelle Medizin probieren und in 
den Wald gehen, Kräuter sammeln, zum 
alten Weg zurückkehren? Manche 
unserer Frauen probieren die moderne 
Medizin und die tradiüonelle zusam¬ 
men. Ich bin traurig sagen zu müssen, 
daß Maori-Frauen auch als Versuchs¬ 
kaninchen benutzt wurden, daßan ihnen 
als ersten Medikamente getestet wur¬ 
den, die neu herauskamen. Wir fanden 
zwanzig Jahre später heraus, daß eine 
betroffene Frau an der Einnahme einer 
bestimmten Medizin starb. Diese Frauen 
haben Sachen in ihrem Leib, von denen 
sie nichts wissen und das ist wirklich 
traurig. Eine andere landesweite Dis¬ 
kussion drehte sich um die fette Beför¬ 
derung verschiedener Mediziner zur 
“Medical Association”, die an Maori- 
Frauen eine neue Arznei testeten. Was 
geschieht ist wirklich gefährlich, es gibt 
eine Menge was wir nicht wissen. 
Maori-Frauen sind zu ängstlich etwas 
zu sagen. Möglicherweise geht es um 
den privatesten Teil ihres Körpers und 
da gibt es die genannte kulturelle Ei¬ 
genart. Die“Maori-Women 's-Welfare- 
League” haben eine Wandlung durch¬ 
gemacht. Sie sind nun sehr politisch 
und weil sie so viele Mitglieder haben, 
zählt ihre Stimme, wenn wir uns mit 
Frauen von allen anderen communities 
zu einem Thema versammeln, z.B. ob 
wir eine Krebs-Kampagne starten. O.K., 
dann gibt es alle diese Stimmen, von 
etwa 10.000 Maori-Frauen, und dann 
verbinden und vereinigen wir uns mit 
den anderen Schwestern, unseren Nicht- 
Maori Frauengruppen. 

P: Sie sind die Organisation, die als 
das anerkannte Sprachrohr der Maori- 
Frauen gilt. Zu manchen Zeiten unserer 
Geschichte waren sie wirklich zuver¬ 
lässig und sehr effektiv und verliehen 
der Lage der Maori-Frauen eine Stimme, 
die auf Regierungsebene gehört wurde. 
Manchmal gerieten sie auch in die Kn tik 
möglicherweise nicht konsequent genug 
zu sein. Aber ich sage das mit dem 
äußersten Respekt, weil ich die meisten 
dieser Frauen als meine Tanten be¬ 
trachte. Wo es politische Gruppen gibt, 
sind Maori-Frauen daran beteiligt und 
oft sind wir die Führerinnen dort. 

Was die feministische Bewegung an- 
belangt, waren unsere Entwicklungen 
denen in den USA sehr ähnlich. Wir 
waren sehr beeindruckt von dem, was 
in den frühen 70em aus den USA kam- 


[ 34 ] SF 2/98 


Weiße Frauen waren an der Gründung 
der feministischen Bewegung in Aote- 
aroa beteiligt, die sich um Fragen von 
Gewalt, männlicher Gewalt gegen 
Frauen und Fragen von Sexualität 
drehte. Und wir, als Maori-Frauen, 
beteiligten uns an der feministischen 
Bewegung in den Bereichen Erziehung 
und Gesundheit. Wir schloßen uns der 
Bewegung in den 70ern, vielleicht 5-10 
Jahre später an. Das soll nicht heißen, 
daß wir nicht in unseren eigenen com- 
munities an unseren eigenen Themen, 
die uns als Nation anbeireffen, gearbeitet 
hätten. Für mich als Maori-Frau heißt 
Feminismus, Feministin sein, mich von 
innen heraus von meiner Familie zu 
befreien und mich selbst nicht getrennt 
von meinen Nichten und Neffen zu 
befreien. Für mich ist der wichtigste 
Kampf der um die Befreiung meiner 
Leute, der Maori-Leute, von Unter¬ 
drückung. Als Teil dessen ist es für 
mich wichtig, Fragen der Befreiung aus 
feministischen Diskussionen in die 
Familie zu tragen. Und - wie ich glaube 
- nicht zu meinem persönlichen Scha¬ 
den. Ich halte es für einen Teil meines 
e igenen persönlichen Kampfes, das 
Bewußtsein zu erweitern, über z.B. den 
Konservatismus in meiner eigenen 
Community und sicher auch über die 
Homophobie, ja. In unserer Nation 
hatten wir als Maori-Männer und - 
Frauen traditionell sich gegenseitig sehr 
er gänzende Rollen. In meinen Studien 
der Geschichte, unter meinen eigenen 
Leuten bin ich gelehrt worden, daß es 
Sexismus in unserer community, tradi¬ 
tionell, nicht gab. Daß das Überleben 
auf einer Tag-für-Tag-Basis, auf einer 
Stunde-zu-Stunde-Basis sich um die 
ebenbürtige Rolle von Männern und 
Frauen drehte. Und daß in manchen 
Traditionen, manchen Bräuchen, in 
manchen täglichen Überlebens-Akti¬ 
vitäten, eins nicht auf das andere ver¬ 
achten konnte. Ich bin auch mit dem 
Wissen aufgewachsen, daß es einige 
sehr alte Denkweisen gibt, die unsere 
K°lle als derjenigen, die die Verant¬ 
wortung für das Tragen zukünftiger 
Generationen haben, als fundamentalen 
ürund betrachten, uns als Maori-Frauen 
den äußersten Respekt zu zollen und 
Uns zu erhöhen. Daß wir gerade wegen 
dieser Rolle und dieser speziellen 
Funktion, dieser Gabe, die wir haben, 
unmer respektiert werden müßten. Daß 
Mißbrauch und Ehebruch in unserer 


community nicht akzeptiert wären, daß 
es strenge Strafen gebe. Daß wir nicht 
als eine community diskutieren könnten, 
ohne die Gegenwart und gleichwertige 
Beteiligung von Frauen und Männern. 
Dies sind ein paar Beispiele dafür, daß 
unsere community nicht funktionieren 
könnte, ohne die Sichtbarkeit, die An¬ 
wesenheit und denEinsatz von Männern 
und Frauen. Daß eins nicht ohne das 
andere könnte, daß die Grundlage un¬ 
seres Überlebens unser Lebensgefühl 
ins Gleichgewicht bringe und zwar in 
Bezug auf die Rolle von Männern und 
Frauen. 

K: Ich weiß, daß es heute, in der 
Generation in der ich lebe, eine Menge 
vertuschte Geschichten gibt. Und das 
liegt daran, wie wir kolonisiert wurden: 
daß der Mann zuerst kommt, die Frauen 
danach. Es gibt eine Menge workshops 
und eine ganze Bewegung vom kolo¬ 
nisierten zu einem de-kolonisierten 
Geist. Es ist kein leichter Prozeß, weil 
es so viele Spaltungen in dem Versuch 
sich da durchzuarbeiten gibt. Es wird 
viele Jahre, auch kommende Gene¬ 
rationen brauchen. Was ich zu sagen 
versuche ist, Maori-Frauen haben viel 
zu sagen gehabt und sie waren sehr im 
Vordergrund. Wenn sie sprachen, hörten 
alle respektvoll zu. Das bedeutete nicht, 
daß die Männer nicht zur gleichen Zeit 
aufstehen und sprechen oder sie mit 
einem Lied unterstützen konnten - für 
gewöhnlich wurden alle Angelegen¬ 
heiten, die mit der ganzen community 
erörtert wurden, mit einem Lied kom¬ 
mentiert, mit einem “waiata”. Wenn 
ein Mann aufsteht und spricht und die 
Frauen wollen unterstützen, was er sagt, 
werden alle Frauen aufstehen und für 
ihn singen. Und wenn es eine gute Rede 
war, für den ganzen Stamm, dann singen 
wir ihm ein gutes Lied. Wenn er eine 
Ladung Scheiße geredet hat, werden 
sie etwas singen, wie “Jingle Beils, 
jingle bellsjingle all the way”. Ich 
versuche nur, Dir ein Beispiel dafür zu 



geben, wie das “mana durchgesetzt 
wird, denn wenn jemand spricht, spricht 
er oder sie nicht nur für sich, sondern 
für alle Maori und seinen oder ihren 
Stamm. Wenn es einen Vorfall gegeben 
hat, wie z.B. vielleicht einen Fall von 


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SF 2/98 [ 35 ] 








Inzest, werden dieFrauen sicherstellen, manchmal durch Lieder: (in Singsang) mit und darin ist die untergeordnete 

daßdarübergesprochenwird:(inSing- “Ich erinnere mich an den Tag als ich zu Rolle von Frauen enthalten. Das halte 

sang) “Das ist, was wir besprochen deinem Stamm ging, ihr habt mich nicht enormen Einfluß auf unsere commu- 

haben wollen, dadadada.” Und wenn sehr gut behandelt, dadadada, ich kam nities und drehte das Denken nach einer 

die Sache wirklich gut gegangen ist, mit dieser Sache, um meinen Leuten zu gewissen Zeit herum. Und mit dem 

werden die Frauen aufstehen und die helfen.” Unsere Leute haben auch ein instrumenteilen Einrichten von Schulen 

Rednerlnnen mit einem starken Lied System, in dem wir ein “koha”, ein fürEinheimische, von Schulen, in denen 

unterstützen. Es wird ein Lied sein, das Geschenk, anbieten; sei es eine reich- Missionare Maori-communities eng- 

von alten Zeiten berichtet und das wäre liehe Speise: “Ich werde euch fünf lische Kultur, englische Lehren bei¬ 
eine Ehre. Auch wenn der Sprecher die traditionelle Vögel bringen, die fünf brachten, gab es eine weitere Voraus- 

Gemeinschaft,diecommunitybeidieser Jahre gehegt worden sind und sie sind Setzung für den kompletten Zusam- 
Gelegenheit nicht zufriedenstellen die süßeste, als Schatz gehandelte menbruch der traditionellen Lebens¬ 
konnte, werden sie aufstehen und ihm Speise, die wir jemals Königen und weise, traditioneller Werte, und der 

ein Lied singen. Aber es würde sein Königinnen geben könnten.” Oder Auffassung von “männlich” und 

“rnaha” verringern. vielleicht habe ich ein bißchen Geld, “weiblich”. Und dann wieder waren 


das kollektiv vom Stamm kommt oder unsere Männer im Ersten und Zweiten 

Wie würdest du "mana" be- was auch immer der tatsächlichen Si- Weltkrieg verleitet und - ganz sicher 

schreiben? tuation des Stammes zu dieser Zeit während des Ersten Weltkrieges - ge- 

entspricht. Manchmal war es etwas zwungen, in die Reihen der Engländer 

P: Selbstachtung, Würde. peinlich, etwas zu Großes zu geben, einzutreten und mit englischen Soldaten 

manchmal war es peinlich, etwas zu gegen die Feinde zu kämpfen. Und 

K: Ja, seine Würde, seine Macht und Geringes zu geben, “und das ist alles soviel weiß ich, von meinen eigenen 

Stärke. Und viele Frauen würden auf- was wir haben”. Aber unsere Leute persönlichen Studien und meiner Lek¬ 
stehen, sich hinstellen und sagen: “So erinnern sich, weil wir immer in gegen- türe, daß das großen Einfluß auf das 

möchte ich es besprochen haben.” seitigem Austausch stehen. Wenn ein Überleben der Männer, die in den Krieg 

Unsere Leute waren sehr gut darin, Stamm ein Problem vorgetragen hat, zogen und die Rückkehr zu ihren 

Themen direkt zu besprechen. Sie wird überlegt, wie ihnen zu helfen ist, communities hatte. Es beeinflußte die 

wollen nicht noch zehn Jahre später die durch Geschichten, Lehren, die wei- Behandlung von Frauen ungeheuer und 

gleiche Sache diskutieren. Sieerinnem tergegeben werden oder auf andere Art. veränderte wiederum sehr wirkungsvoll 

sich aber immeran einen Vorfall. Dabei behandelt man einander mit dem das Werte- und Glaubenssystem. Und 

Wir machen auch klar, woher wir gleichen Respekt. Es istalso holistisch, es ist meine persönliche Meinung, daß 

kommen - wenn ich z.B. in P.s Stam- es kommt immer wieder zurück. Wenn dieGenerationen,dievondenMännem, 

mesland gehe, muß ich sagen, woher nicht dieses, dann in den nächsten Jah- die in den Krieg gingen abstammen, 

ich komme, was der Name meines ren. So denken wir immer voraus, an nochimmereinziemlichdummesZeug 

Berges ist, meines Flußes, wie meine die nächsten sieben Generationen. mit sich herumtragen und daß sie noch 

Leute heißen, wer meine Eltern sind, immer um persönliches Überleben von 

von wem ich abstamme. Dann werde Pt Ich glaube einer der Gründe, diesen Erfahrungen kämpfen - davon, 

ich darüber sprechen, warum ich hier warum Maori-Frauen Führerinnen sind als Kinder in gewalttätige Haushalte 

bin, ob ich zu ihrer community gehe, ist,daßunserecommunitiesineiner Art geboren zu sein, in die Geschichte einer 

um etwas über Gesundheit zu lernen, Kreislauf verbunden sind. Wir haben ja community, die landlos ist, in ihrem 

einen Gesundheitsaspekt, den wir viel- über gleichgestellteRollen gesprochen, eigenen Land. Und der Einfluß des 

leicht nicht kennen, in unserer eigenen traditionell, und einander ergänzende Alkohols heute und, du weißt schon, 

community, wo ich herkomme. Ich Rollen, also männliche und weibliche. dermodemenGesellschaftunddcrRolIe 


werde aufstehen und sagen: “Ich bin 
hier aus diesem Grund. Ich möchte etwas 
über dieses neue Kraut, diese neue 
Praktik lernen. Ich möchte in der Lage 
sein, nach Hause zu gehen und dies mit 
meinen Leuten zu teilen. Unsere Leute 
sind also sehr gut darin, Probleme zu 
benennen und mit ihnen umzugehen, 
indem man aufstehtund spricht, spricht] 


Mit dem Eindringen der englischen 
viktorianischen Geisteshaltungen, 
Praktiken, der Spiritualität, mit der 
Religion, kam dieses ganze Denken über 
die Rolle der Frauen als Dienender. 
Also, als die Engländer nach Aotearoa 
kamen, brachten sie die Lehren der Bibel 




ere Leute sind 


Probleme 


"v“ benennen : ^ umzugehenind#mm „ 

spricht, entscheidet und nach Hause . yA, 


geht. Wenn in einer community etwas 
nicht gut gelöst wurde, erinnert man 
sich immer daran und dokumentiert es 


aufsteht 




s9 x\ c ' 


n von Männern und der von brauen - 
i, dieser ganze Mist lähmt immer noch 
;r sehr wirkungsvoll das Denken unserer 
‘r Männer. Wir Frauen dagegen waren 
r. durch unsere eigenen persönlichen 

a Entwicklungen in der Lage, aufzustehen 

‘1 und die Notwendigkeit zu erkennen, 
daß jemand 

Spricht, unsere Sache aufnehmen 

una unsere Nationen wirklich aufrichten 

mußte. UndichglaubedasistderGrund, 

^ warum Frauen in unseren politischen 
Kämpfen Führerinnen sind. Und es 
kommen mehr und mehr Männer dazu, 
aber sie sind immer - meiner Erfahrung 
nach - etwas geringer an Zahl, ein wenig 
hinter uns zurück. « 




[ 36 ] SF 2/9 8 






Militarismus und Männlichkeit 

von Andreas Speck 


i 

i 


«Die Frage des menschlichen Über- 
lebens verlangt von uns, im Angesicht 
eines globalen Rüstungswettlaufs und 
weit verbreiteter Zerstörung der Um¬ 
welt, das Spiel der sozialen Kräfte, in 
dem soziales Geschlecht eine wesent¬ 
liche Rolle spielt, zu verstehen.» 
Robert W, Connell 

«Ob er nun in Kroatien, Bosnien, 
Serbien, in Indochina oder Uzbekistan 
dämpft, ob Befreiungskämpfer oder 
Imperialist, der Krieger vergewaltigt 
Frauen. Erfühlt es in seinem Kopf in 
deinem Gewehr und in seinem Sexu- 
Q lorgan: die Zivilisation ermutigt ihn, 
genau das zu tun.... Es geht weniger 
Um die Wiederherstellung des Kriegers, 
denn um die Selbstvergewisserung der 
e *genen Macht, und die Befriedigung 
des Gefühls, zu den wahren Männern 
Zu gehören.» 

Lepa Mladjenovic 



Foto: Herby Saehs/Vcrsion! 


Feministische Analysen zeigen deut¬ 
lich das B ild des Mannes als Krieger , des 
Soldaten als Vergewaltigers. Es gilt 
mittlerweile im Antimilitarismus als 
Allgemeingut, daß Krieg und Verge¬ 
waltigung, Militär und Prostitution 
untrennbar zusammengehören. Damit 
hört die Analyse bei männlichen Anti¬ 
militaristen häufig auch schon auf, und 
es scheint ein leichtes, sich von einem 
solchen Bild des Mannes, wie es z.B. 
von Klaus Theweleit als Bild des fa¬ 
schistischen Mannes beschrieben ist, 
zu distanzieren und sich somit weiterer 
Beschäftigung mit Männlichkeit zu 
entledigen. Die Rolle des sozialen Ge¬ 
schlechtes (gender) innerhalb des Mili¬ 
tarismus wird dagegen kaum thema¬ 
tisiert, obwohl doch diese Gewalt fast 


ausschließlich von Männern ausgehl. 

Auch wennes vielleichtzu weitführt, 
Krieg lediglich als eine besondere Form 
der Gewalt von Männern gegen andere 
Männer zu betrachten, die Teil einer 
Triade der männlichen Gewalt (Gewalt 
gegen Frauen, Gewalt gegen andere 
Männer, Gewalt gegen sich selbst) ist, 
mitderMann seine Männlichkeit schafft 
und sich ihr immer wieder aufs neue 
versichert, so kann Krieg bzw. Milita¬ 
rismus doch auch nicht von anderen 
Formen der Männergewalt so einfach 
getrennt werden, wie z.B. die Zunahme 
von Gewalt gegen Frauen in Regionen, 
in denen militärische Auseinanderset¬ 
zungen stattfinden, zeigt. StasaZajovic 
weist darauf hin, daß Kriegsveteranen 
die Nr. 1-Vergewaltiger in Serbien 


i 


SF 2/9 8 [ 37 ] 












(wurden), sowohl im öffentlichen Raum 
als auch zu Hause. 

Mir geht es in diesem Beitrag im we¬ 
sentlichen darum, Männlichkeit und 
Militarismus ebenso als Zwillinge 
kenntlich zu machen, wie Ekkehart 
Krippendorf es für Staatlichkeit und 
Krieg getan hat. Genauso wie ein Anti¬ 
militarismus ohne Staatskritik also 
letztlich ins Leere läuft (oder bei einem 
bürgerlichen Pazifismusverständnis 
landet), kann also auch ein Antimilita¬ 
rismus, der nicht radikal mit Männlich¬ 
keit bricht, letztendlich nur scheitern. 


Nation, Männlichkeit und 
Militär 


Das Bild des Mannes ist nicht un¬ 
veränderlich, noch nicht einmal ein¬ 
heitlich. In der Regel gibt es mehrere 
Männlichkeiten, die untereinander in 
einem hierarchischen Verhältnis stehen 
und um Hegemonie streiten. Das, was 
heute unter Männlichkeit verstanden 



++Auslandseinsätze+Bundeswehr+Ch 

emiewaffen+Demokratieabbau+Eurofi 

ghter+Friedensbewegung+Gelöbnisse 

+...Linke+Militärkritik+Nato+Opposit 

ion+Polizei+Querulantlnnen+Rechtse 

xtremismus+Sfor+Traditionspflege...+ 

Widerstand+Xenophobie+Y-Reisen+ 

Zwangsapparate-H- 

Noch Fragen? 

... dann lest die 



+ monatlich + monatlich + monatl 
Analysen und Hintergrund- 
berichte zu Militär und 
Militarismus 

Informationen aus Friedens- 
forschung und -bewegung 


Abo: 9 Normal-/ 3 Themenhefte DM 50. 
Ausland: DM 60.-; Themenheft DM 5.- 
(+Porto). Probeheft gratis 
Bezug: Verein für friedenspolitische 
Publizistik e.V. Elßhotzstr. 11, 10781 
Berlin e-mail: ami@zedat.fu-berlin.de 
http://userpage.fu-berlin.de/-arend/ 
ami.html Telefon/Fax: ++30-215 10 35 


wird, istallerdings historisch rechtjung, 
und in seinerEntstehungsgeschichte eng 
verknüpft mit dem Aufkommen der 
bürgerlichen Gesellschaft. Mosse stellt 
fest: «Was wir heute unter Maskulinität 
verstehen, übte einen großen Einfluß 
auf die Bestimmung dessen aus, was 
zum normativen Muster von korrekten 
Verhaltensweisen undMorzl wurde, das 
heißt der allgemein anerkannten Weise, 
sich innerhalb des gesellschaftlichen 
Umfeläs der vergangenen Jahrhunderte 
zu bewegen und zu handeln.» 

Connell definiert Männlichkeit(cn) 
als «eine Anordnung von Praxis, die 
sich um die Position von Männern in¬ 
nerhalb der Struktur von Geschlechter¬ 
verhältnissen aufbaut.» 

Männlichkeit(en) können auch nicht 
ohne Weiblichkeit(en) gedacht werden, 
die verstärkt als das Gegenstück zu 
Männlichkeit, auf jeden Fall aber als 
dieser untergeordnet konstruiert wer¬ 
den. Häufig wird daher das Patriarchat 
alsdie^ltesteHerrschaftsform des Men¬ 
schen über den Menschen angesehen. 

Bis etwa zur ersten Hälfte des 18. 
Jahrhunderts wurden interessanterweise 
gerade in biologischer Hinsicht Mann 
und Frau im wesentlichen als ähnlich 
angesehen, wobei Mann die Norm und 
Frau die Abweichung von der Norm 
darstellte. Erst mit dem Entstehen einer 
weiblichen Sonderanthropologie ent¬ 
stand die Vorstellung von der prinzi¬ 
piellen Unterschiedlichkeit der Ge¬ 
schlechter, es kam zu einem «Diskurs 
über die geschlechtliche Natur der Frau 
der dann zur Rechtfertigungs¬ 
grundlage wird für den sich mit der 
Etablierung der bürgerlichen Gesell¬ 
schaft vollziehenden rigorosen Aus¬ 
schluß der Frauen aus dem Öffentlichen 
Be-reich und ihrem vollständigen 
Einschluß in die häusliche Sphäre.» 

Das dabei entstehende bürgerliche 
Bild des Mannes ist nicht nur patriarchal 
gegen Frauen gerichtet - durch eine 
gegen Ende des 18. Jahrhunderts ent¬ 
stehende «politische Männerbewegung 
sollte der Einfluß der Frauen auf Staat 
und Ge sei Is c haf f eingeschränkt werden 
- sondern ebenfalls gegen die Männ¬ 
lichkeiten des Adels sowie der Bauern 
und Proletarier. 

Die moderne Staatsstruktur im euro¬ 
päisch-amerikanischen Raum ist ein 
Produkt militärischer Auseinander¬ 
setzung, nahezu alle heutigenNational - 
Staaten sind durch Krieg entstanden 



und beruhen auf einer ausgeprägten 
Institutionalisierung männlicher Macht. 
Dies hatte wiederum Rückwirkungen- 
auf das Bild des Mannes, denn die zen¬ 
trale Stellung der Kriegsführungen in 
diesen Entwicklungen bewirkte, daß 
Armeen ein entscheidender Teil in der 
Entwicklung von Staatsapparaten 
wurden undmilitäris che Leistung wurde 
ein unumgänglicher Gesichtspunkt in 
der Konstruktion von Männlichkeit.» 

Noch etwas jünger als die National¬ 
staaten ist die allgemeine Wehrpflicht, 
die ein Produkt der französischen Re¬ 
volution und damit der bürgerlichen 
Gesellschaft ist, allerdings alles andere 
als ein legitimes Kind der Demokratie. 
Die Durchsetzung der allgemeinen 
Wehrpflicht in Deutschland steht in 
engem Zusammenhang mit den anti- 
napoieanischen nationalen Befreiungs¬ 
kriegen, und gerade daran wird dieenge 
Verschränkung mit dem bürgerlichen 
männlichen Stereotyp (Mosse) deutlich. 

Am Beispiel der Befreiungskriege läßt 
sich zeigen, wie hier eine patriotisch' 
wehrhafte Männlichkeit entstand, die 
wehrhaft und teutsch mit männlich 
gleichsetzte und als Antityp (Mosse) von 
als nicht-teutsch, welsch und feige eher 
dem weiblichen zugeordneten Stereo¬ 
typen abgrenzte. Eben dieser Männ- 
lichkeitsrausch spielteeine wesentliche 


[ 38 ] SF 2/98 













Bedeutung bei der Konstruktion der 
nationalen Ideologie des Teutschtums 
und bei der Mobilisierung nationaler 
Kriegsbereitschaft. Gerade die Ein¬ 
führung der Allgemeinen Wehrpflicht 
War nur möglich durch eine Militari¬ 
sierung der Vorstellungen von Männ¬ 
lichkeit. Diese Militarisierung der 
(bürgerlichen) Männlichkeit wurde 
gerade in Deutschland (Preußen) durch 
^ie Verknüpfung der bürgerlichen 
Rechte (Wahlrecht, etc.) mit der Pflicht 
zur Wehr geleistet, wobei allerdings 
militärische Notwendigkeiten im Vor¬ 
dergrund standen und trotz Wehrpflicht 
die bürgerlichen Freiheiten auf sich 
War ten ließen. 


Beklagt wurde zu Beginn des 19. 
Jahrhunderts von Militärs und bür¬ 
gerlichen Nationalistlnnen gleicher¬ 
maßen, daß unter dem Bürgertum das 
Streben nach Geld und Gewinn die 
Oberhand gewonnen habe über den 
staatsbürgerlichen Opfersinn. Dem 
^ilitärreformerGneisenau ging es dann 
au °h darum, den kriegerischen Geist in 
der männlichen Bevölkerung wieder 
<<zu decken, zu verbreiten und zu 
er halt en>> Kriegerische oder soldati- 
s °he Tugenden waren zunächst in den 
^eitgenössischen Diskursen um Männ- 
mhkeiinicht vorherrschend, auch wenn 
selbstverständlich der Mann «der Herr , 


der Schutzgott, der Richter, der Erhalter 
und Führer seines Weibes und seiner 
Kinder » zu sein hatte. Bürgerliche 
Männer standen dem Militär eher 
kritisch gegenüber, und bezweifelten 
durchaus, «daß man allein in diesem 
Stande wahre Ehre erlangen , männliche 
Kraft und männlichen Muth zeigen 
könne.» Darin spiegelte sich wieder, 
daß für das Bürgertum in der Regel das 
Militär nicht zur eigenen Erfahrungs¬ 
welt gehörte. Dies war dem niederen 
Adel Vorbehalten, der den Offiziers¬ 
korps stellte und teilweise sogar die 
einfachen Mannschaften. 

Erst die Reorganisation des Armee¬ 
systems sollte dazu führen - und hatte 

zurVorraussetzung-daßes«zur Schan- 
de gereichen (mußte), wer nicht gedient 
hat, es sei denn, daß ihn körperliche 
Gebrechen daran hindern.» Somit 

führte dieallgemeine Wehrpflicht dazu, 

daß «der männliche Geschlechts¬ 
charakter imLaufe des 19. Jahrhunderts 

zunehmendsoldatische Elemente inkor¬ 
porierte. Militärische Werte und Ord¬ 
nungsvorstellungen... wurden auf diese 
Weise mehr und mehr zum Allge¬ 
meingut der männlichen Nation.» 

Was so entstand, war «ein neuer 

patriotisch-militärischer Männlich- 

keits-entwurf, der um solche Schlüssel¬ 
begriffe wie Ehre, Freiheitssinn, Fröm¬ 


migkeit, Kraft, Kameradschaft, 
Mannszucht, Mut, Ruhm, Treue, vor 
allem aber Patriotismus und Wehr¬ 
haftigkeitkreiste. Dieser vorrangig von 
patriotisch gesinnten Bildungsbürgern 
und reformierten Militärs diskursiv 
entwickelte Entwurf verband alte Werte 
preußischer Soldatenehre , adeliger 
Offizierstugend und christlich-bürger¬ 
licher Ethik mit neuen Vorstellungen 
von männlich-staatsbürgerlicher Par¬ 
tizipation. Mit dem Ziel einer breiten 
Kriegsmobilisierung wurde er gene- 
rations- und schichtenspezifisch aus¬ 
gestaltet.» Damit einher ging ebenfalls 
eine Biologisierung der Geschlechts¬ 
charaktere, durch die ein quasi natur¬ 
gegebener Gegensatz von Mann und 
Frau konstruiert wurde. 

Später entstanden mit der Industri¬ 
alisierung und dem Wachstum eines 
bürokratischen Staatsapparates stärker 
kalkulierende, rationale und kontrol¬ 
lierte Formen der Männlichkeit. Die 
Institutionalisierung von Massenar¬ 
meen und das Aufkommen der Mili¬ 
tärwissenschaft spezialisierten die 



'Anarchismus 


Ist Anarchie möglich?" 

Auf diese und viele andere Fragen 
antwortet Alexander Berkman und 
gibt damit eine leicht verständliche 
Einführung in das anarchistische Denken. 


Alexander Berkman 
ABC des Anarchismus 

127 S., Broschur, 14-DM 
ISBN: 3-931786-00-5 


Postfach 11 59, 71117 Grafenau 
Tel: (070 33) 442 73 
Fax (070 33) 452 64 
e-Mail: TratzdemuSF@t-online.de 


SF 2/9 8 [ 39 ] 








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Gewalt und versahen sie mit einer 
“Rationalität”, die im Ersten Weltkrieg 
und revolutionären Umstürzen endete. 

Das faschistische Ideal der Männ¬ 
lichkeit entstand als Folge unmittelbar 
nach dem Ersten Weltkrieg, war aber 
nicht etwa etwas vollkommen neues, 

sondern schloß andere Bildcrdcr Männ¬ 
lichkeit, wie z.B. der der deutschen 
Jugendbewegung, mit ein. Gerade in 
den Schriften Ernst Jüngers wird der 
i prägende Einfluß der Kameradschaft 
der Kriegszeil für das faschistische Para¬ 
digma von Gesellschaft und Staat 
deutlich. Jünger zeichnet den Krieger 
als Stahlgestalt , in der technische Ele¬ 
mente und kriegerische Eigenschaften 
verbunden werden und die Persönlich¬ 
keit des Mannes prägen. «DieserTypus 
der Kriegers wird im Verlauf der 
Materialschlacht im "Trommelfeuer” 
immer reiner herausgebildet und 
letztlich als vollkommen gefühlloser und 
regungsloser Krieger präsentiert.» 

Die faschistische Männlichkeit grenz¬ 
te sich von bürgerlicher Rationalität ab 
und verbannte die Republik in die 
Sphäredes Weiblichen. Die sodefinierte 
Maskulinität des Faschismus definierte 
sich daher auch nicht über im Alltags¬ 
leben nutzbare Tugenden, sondern über 
Kampf und Opferbereitschaft, als 
Stahlgestalt, «die allein im Krieg und 
durch Gewalt seine ihm entsprechenden 
Existenzbedingungen findet.» Die 


bürgerliche Gesellschaft wurde daher 
als das männliche Individuum zerfa- 
semde“Massen und Fluten” (Thewcleit) 
dargestellt, die den “Körperpanzer” des 
faschistischen Mannes auflösen und 
eine Bedrohung der männlichen Ord¬ 
nung beinhalteten, der gegenüber sich 
nur die männliche Gemeinschaft als 
höchste kulturelle Instanz” behaupten 
könnte. 

Dennoch bleibt zu betonen, daß die 
faschistische Männlichkeit lediglich 
eineÜberhöhungdcrnormativen Männ¬ 
lichkeit darstellte und dieser einen 
aggressiveren und kompromißloseren 
Anstrich gab. Sie trieb diese auf Domi¬ 
nanz beruhende Variante der Männlich¬ 
keit lediglich auf die Spitze der Irratio¬ 
nalität. Mosse macht deutlich, daß «der 
Faschismus und insbesondere der 
Nationalsozialismus zeigten■ welch er¬ 
schreckende Möglichkeiten der mo¬ 
dernen Maskulinität ihnewohnten, wenn 
der kriegerische Aspekt die Oberhand 
gewann.» 


Neuer Militarismus, neue 
Männlichkeit? 

Nach dem 2. Weltkrieg war die 
militarisierte Männlichkeit des Fa¬ 
schismus in Deutschland diskreditiert. 


Durch die Niederlage des Faschismus 
wurde die Institutionalisierung einer he- 
gemonialen Männlichkeit, die gekenn¬ 
zeichnet war durch Irrationalität und 
persönliche Gewalt, unterbrochen. Sie 
war aber für den Wiederaufbau in der 
Nachkriegszeit auch nicht mehr funk¬ 
tional. Ähnliches gilt auch fürdic USA, 
wo nach dem Krieg eine Männlichkeit 
hegemonial wurde, die die Rolle des 
Mannes über Familie und Konsum 
definierte (der sogenannte organizatio- 
nal man). Andere Formen der Männ¬ 
lichkeit, die den Mann weder in Familie, 
noch in anonyme Büroberufeeinordnen 
wollten und Freiheit und Abenteuer 
predigten, dienten teilweise als “Pro¬ 
testmännlichkeiten“ oder wurden “ho- 
mosexualisiert” und somit abgewertet. 

Auch in der Bundesrepublik wurden 
Männlichkeiten betont, die sich betont 
lässig zunächst vom Militärischen ab¬ 
grenzten. Diese konnten aber besonders 
in der proletarischen Jugendszene 
durchaus rauh und aggressionsbereit 
sein, eine “Inszenierung physischer 
Kraft und dominanter Körperlichkeit” 
darstellen. Nach der Wiedereinführung 
der allgemeinen Wehrpflicht 1957 
zeigte sich, daß diese Männlichkeiten 
keinesfalls antimilitaristisch waren, 
sondern durchaus kompatibel mit der 
Ableistung der Wehrpflicht. 

Auf den ersten Blick erscheint das 
widersprüchlich, zumal die Ablehnung 


[ 40 ] SF 2/98 









der Remilitarisierung und der Wehr¬ 
pflicht groß war. Die Zahl der West¬ 
deutschen, die fürsich das Soldatwerden 
ablchnten, stieg von Juni 1949 bis 
November 1950 von 60 auf 73%. Drei 
Viertel der Bevölkerung sprachen sich 
gegen die Einführung der allgemeinen 
Wehrpflicht aus, und 40% wollten vom 
Recht auf KDV Gebrauch machen. 
Auch Ende 1952 lehnten noch über 
W% für sich das Soldatwerden ab. 
Dennoch verlief die Einführung der 
Wchr-pflichtzum 1.4.1957 problemlos, 
und nennenswerte Kriegsdienstverwei- 
ge-rungszahlen gab es zunächst nicht. 

Bei dieser Entwicklung sollte der 
Faktor Männlichkeit nicht unterschätzt 
werden. Die Angst vor dem Verlust der 
Egonen Männlichkeit kann trotz Ab¬ 
lehnung militärischer Umgangsformen 
und des Militärischen an sich ”Wehr¬ 
dien stbereitsehaft” erzeugen. Das gilt 
vor allem für Formen proletarischer 
Männlichkeit mit ihrer starken Be¬ 
tonung physischer Leistung und kör¬ 
perlicher Kraft, die sich leicht mili¬ 
tärisch nutzbar machen lassen. Gerade 
durch die Waffenausbildung im Militär 
wird «die im zivilen Leben fremde, nur 
symbolisch vorhandene Waffe ... für 
den Heranwachsenden Mann ... greifbar. 
D/e Waffe ist Begleiter in der Ent¬ 
wicklung vom Kind zum Manne. (...) 
Waffen werden zu Attributen der Macht 
ln Konflikten mit anderen Personen. 
•••» Das “Konstrukt der Männlichkeit”, 
daß durch den Militärdienst geschaffen 
werden soll, konzentriert sich auf die 
Organisation aggressiver Impulse und 
aggressiven Verhaltens und gipfelt 
schließlich im Ideal des Kriegers. 

Kriegsdienstverweigerung stellt zu¬ 
nächst einmal dieses Ideal des Kriegers 
ln Frage: «Kriegsdienstverweigerer und 
Wehrdienstwillige streiten sich u.U. 
unter dem Deckmantel töten, nein - 
töten zur Verteidigung Ja, gar nicht nur 
u m militärische Gewalt, sondern-ohne 
daß sie es wissen - um Männlichkeits- 
l deale.» Während es Forschungen zu 
diesem Aspekt für den Zeitraum von 
der Einführung der Wehrpflicht bis zu 
den 80er Jahren meines Wissens nicht 
ßjbt, so läßt sich zumindest auf em¬ 
pirische Arbeiten aus den 80er Jahren 
^urückgrcifen. Demnach ist eine trei- 
ende Kraft für die Ableistung des 
Wehrdienstes - trotz im ganzen ziviler 
rientierung-daßdortim zivilen Leben 
unterdrückte Wünsche scheinbar ver¬ 


wirklicht werden können, «wobei der 
Wunsch nach Ausprägung einer 
männlichen Identität eine heraus¬ 
ragende Bedeutung hat», so Hanne- 
Margret Birckenbach. « Würde man die 
Abscheu der Wehrdienstwilligen ge¬ 
genüber dem Zivildienst als mangelnde 
soziale Orientierung klassifizieren, so 
widerspräche dies ihrem Selbstbild. 
Auch die Wehrdienstbefürworter wol¬ 
len sozial gut sein und Verantwortung 
übernehmen und anerkannt werden. 
Aber sie wollen diese Anerkennung nicht 
über traditionell weiblich-helfende 
Tätigkeiten erhalten, sondern als Mann 
(Hervorhebung von mir, AS)». 
Kriegsdienstverweigerung wird daher 
als “unmännlich” angesehen und mit 
Weiblichkeit verbunden, das Militär 
verspricht dagegen die Unterstützung 
seiner Lebenslust und -kraft gegen die 
Angst vor den Gefahren des Alleinseins, 
des Todes und des Zusammenbruchs 
des sozialen Bezugsrahmen. Zum durch 
das Militär vermittelten bzw. un¬ 
terstützten Männlichkeitsideal gehört 
dabei, «sich seiner mannhaften Wehr¬ 
und Gewaltfähigkeit in der Phantasie, 
im Spiel und im Wehrdienst zu ver¬ 
gewissern.» 

Kriegsdienstverweigerung bedeutet 
somit eine Infragestellung eines auf 
“Gewalt-, Kampf- und Wehrfähigkeit” 
* basierenden Männlichkeitsbeweises. 
Genau daran schließt auch die im Anti¬ 
militarismus vorherrschende Kritik 
militarisierter Männlichkeit an, die sich 
am Krieger , an Rambo als Prototyp des 
Bildes des Mannes orientiert. Auch 
wenn dies'sicherlich eine Form mili¬ 
tarisierter Männlichkeit darstellt, so 
stellte Cynthia Enloe bereits 1988 fest: 
«Während die Auswertung der 
" Ramboisierung” eine politisch wich¬ 
tige Aifgäbe für Femnistinnen ist, be¬ 
deutet die Beschäftigung nur damit eine 
Beschränkung auf nur eine Form der 
militarisierten Männlichkeit, die des 
niederen kämpfenden Soldaten; obwohl 
in Wirklichkeit die heutigen mili¬ 
tärischen Systeme mindestens drei oder 
vier andere Konstruktionen von Männ¬ 
lichkeit benötigen, um sich selbst zu 
erhalten. Diese anderen Formen mögen 
nicht so zugänglich sein für Kassen¬ 
schlager, doch sie müssen ebenfalls 
beobachtet - und aus feministischer 
Perspektive kritisiert - werden.» 

Das traditionelle Bild der mili¬ 
tarisierten Männlichkeit ist für das 


Militär selbst nicht mehr funktional. 
Das klassischemilitärischeMännerbild 
mit seiner Konzentration auf Kämpfen 
und Töten spielt in hochtechnisierten 
und arbeitsteiligen Armeen nicht mehr 
die Hauptrolle. Die Kämpferideologie 
ist «für die militärische und militärisch¬ 
strategische Planung im Frieden und 
im Kriege unter den Bedingungen von 
heute und morgen kaum noch eine 
realitätsgerechte Orientierung». 

Die Entwicklung der Militärtech¬ 
nologie nach dem Zweiten Weltkrieg 
und parallele Entwicklungen in der 
Industrie führten ebenfalls zu Wand¬ 
lungen der Männlichkeit. Vor allem 
das technisch-organisatorische Ex- 
pertentum tritt dabei in der Vordergrund. 
«Das enorme Wachstum von Schul- und 
Universitätssystemen während des 20. 
Jahrhunderts, die vervielfachte Anzahl 
professioneller Berufe mit Ansprüchen 
auf spezialisiertes Exper-tentum, die 
steigende Bedeutung von Technologie 
und das Wachstum der 
Informationsindustrien sind Aspekte 
eines groß angelegten Wandels der 
Kultur unddes Produktionssystems, der 
eine weitere Aufsplitterung der hege- 
monialen Männlichkeit des 19. Jahr - 


w!W7T;>7 


‘II 


Feminismus 

Enthält einen ausführlichen Einstiegs¬ 
artikel zu den vielfältigen Beziehungen 
zwischen Feminismus und Anarchismus, 
ein Interview von Dorothea Schütze mit 
der Brasilianerin Maria da Cruz zu ihren 
Erfahrungen mit dem alltäglichen deut¬ 
schen Rassismus; einen Beitrag von 
Maria Mies zum Thema Subsistenz: | 

Frauen, Nahrung und globaler Handel; 
einen Artikel von jane Meyerding zu 
Gender: Die Welt wie sie gelebt wird 
und Rossella di Leos überarbeiteten j 
Beitrag zur Patriarchatskritik: Ort der 
Differenz; dazu als Reprint: L. Susan 
Browns Auseinandersetzung mit Naomi ! 
Wolfs Powerfeminismus aus anarcha- 
feministischer Sicht; Ariane Gransacs j 

Kongreß-Beitrag: Der Anarchafeminismus 
und die Gemeinschaftsküche Kropotkins. 
Rezensionen zu Bell Hooks und Martha 
Ackelsberg runden das langerwartete 
Heft ab. 

64 S., 8 - DM 

Postfach 11 59, 71117 Grafenau 
Tel: (070 33) 442 73 
Fax (070 33) 452 64 [ 

UMBäMW ■ e-Mail: TrotzdemuSF@t-online.de 












Foto: Jürgen Lichtenberger 


hunderts mit sich brachte». Eher auf Orientierung der Bundeswehr im 
Dominanz beruhende Formen der Rahmen von "out-of-arca" führt im 

Männlichkeit - und dazu gehört auch Einklang damit dazu, daß die tradi- 

das klassische Bild des Kriegers, aber tionelle Kämpferideologie wieder 

auch der Marlboro Man - gerieten in verstärkt benötigt wird, allerdings in 

Konflikt mit "Männlichkeit, die sich abgewandelter Form und auch nicht als 
um Expertentum und technisches alleinige Männlichkeit. Während 
Wissen gruppiert." Hanne-MargretBirckenbach 1986 noch 

Für die USA stellt Connel die These zu Recht einwenden konnte, daß die 
auf, daß "das emotionale Muster von Bundeswehr nicht über eine eigene 
Reagans Politik ...ein Revival der ersten Kampftradition verfüge und die Gefahr 

dieser Deklinationen von Männlichkeit eines Rriegseinsatzes gering sei - daß 

in Gang (setzte) und ... die zweite daher die "Zerstörung der zivilen 
(verwarf)", dominierende Männlich- Identität" in der Bundeswehr nicht so 

keiten erhielten gegebüber dem Ex- t0 &l sei wie z.B. bei den US-Soldaten 

pertentum verstärkt die Oberhand. Die in Vietnam, so ist fraglich, in wieweit 
Politik Reagans war dabei auch gekenn- dies für die neuen Elitetruppen der 

zeichnetdurcheineaggressivereAußen- Bundeswehr, die Krisenreaktionskräfte 

Politik vor allem in militärischer bzw. das Kommando Spezialkräfte 
Hinsicht. (KSK), noch gilt. 

Für Deutschland läßt sich vielleicht Gleichzeitig kann diese Form der 
dieHypotheseaufstellen.daßspätestens Männlichkeit eben nicht mehr gesamt- 

nach dem Zusammenbruch der DDR gesellschaftlicheGültigkeitbehaupten. 

ebenfalls ein Revival von auf Dominanz Die Werbung der Bundeswehr zielt 

beruhenden Formen der Männlichkeit daher verstärkt darauf, Formen der 

slattgefunden hat. Dazu paßt das An- Männ-lichkeit, die auf Expertentum 

wachsen des Rassismus und vor allem oder auf Technokratcntum beruhen 

rassistischer - aber auch schwulen- eben-falls anzusprechen, was auch der 

feindlicher - Gewalt in den letzten Struktur des Personalbedarfs eher 

Jahren. Die zunehmende Einsatz- entspricht. Werbespots, die nach dem 


Bundeswehreinsatz anläßlich des Oder- 
Hochwassers im Sommer 1997 Sand¬ 
säcke schleppende Soldaten zeigen, 
schielen nichtauf das Bild des Kriegers, 
aber immer noch auf ein Bild des 
Mannes, der sich gerade durch 
außergewöhnliche Leistungen in Not¬ 
situationen erweist. Diese Formen der 
Männlichkeit sind aber häufig mit einer 
stärker zivilen Orientierung verbunden, 
was mit einem "zivileren" Anstrich des 
Militärs unter dem Deckmantel 
"humanitärer Interventionen" und des 
"Peace Keeping" einhergeht. 


Männlicher 

Antimilitarismus? 


Erich Landrocker kritisiert die 
"Patriarchatsblindheit des Anarchis¬ 
mus", doch ließe sich diese "Blindheit" 
- an diesem Bild istproblematisch, daß 
es ein körperliches Merkmal als Mangel 
hervorhebt - wohl in noch stärkerem 
Maße für den Antimilitarismus konsta¬ 
tieren, und das gilt auch für die libertären 
Ausprägungen. 

Nicht nur Mosse weist darauf hin, 
daß sich auch der Antitypus zur hege- 
monialen Männlichkeit an eben diesen 
hegemonialen Maßstäben mißt. In "Das 
Bild des Mannes" zeigt er auf, wie 
jüdische Männer in Abwehrung des 
negativen Stereotyps sich bemühten, 
dem hegemonialen bürgerlichen Bild 
des Mannes zu entsprechen. Ähnliches 
gilt auch für die frühe Homosexuellen¬ 
bewegung der Weimarer Republik und 
kann ebenfalls für den Pazifismus und 
Antimilitarismus festgestellt werden. 
Auch wenn Pazifistlnnen das Ideal des 
Kriegers ablehnten, so entkamen sie 
dennoch der Männlichkeit nicht. Auch 
ihr Bild des Mannes zeichnete aus, daß 
Mann sich in den "Dienst einer höheren 
Sache" zu stellen hatte, die zwar "nicht 
mehr der Nationalismus (war), sondern 
eine menschliche Gesellschaft. Freilich 
war die unabdingbare Voraussetzung 
hierfür, daß er zuerst seinen eigenen 
Geist als freies moralisches Wesen 
schulte". Mit der traditionellen Männ¬ 
lichkeit des Kriegers teilten sie somit 
das Ideal der moralischen Reinheit", 
den Glauben, "daß allgemeingültige 
Verhaltensnormcn entscheidende 
Attribute der Maskulinität seien". 


[ 42 ] SF 2/9 8 






Während z.B. Erich Maria Remarque 
in seinem Antikriegsroman "Im Westen 
nichts Neues (1929)" die "allgemeine 
Entmenschlichung auf dem Schlacht¬ 
feld" kritisierte, so werden trotzdem - 
oder gerade dennoch - die Verhältnisse 
unter den Soldaten romantisiert und 
männliche Eigenschaften wie Durch¬ 
haltevermögen und Gelassenheit in der 
Schlacht zustimmend beschrieben. 

Für Bart de Ligt, einen der brillian- 
testen Vertreter des radikalen nieder¬ 
ländischen Antimilitarismus, stellte die 
einem Männlichkeitsideal huldigende 
Eoy Scouts-Bewegung in England ein 
Vor-bild für "eine gewaltfreie Armee 
üer Arbeit" dar. Für ihn sollte das 
"körperliche Training der neuen Jugend 
einen vom heutigen militärischen 
Training sehr verschiedenen Charakter 
haben; es wird für die Harmonie des 
gesamten Mannes arbeiten, welche nicht 
nur den Körper, sondern auch Gedanken 
und Geist beinhaltet." 

Auch Kurt Hiller wehrte sich ve¬ 
hement dagegen, daß der Pazifismus 
dem unmännlichen zugeordnet wurde. 
Den Vorwurf, Pazifismus bezeichne 
Friedfertigkeit oder eine Lammes- 
Besinnung wies er barsch zurück und 
betonte kämpferische Bewegung für 
e ine Idee. Hier zeigt sich wieder das 
Ideal des Kampfes für eine höhere Idee, 
in dem erst sich Männlichkeit beweist. 

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg 
war diese Sicht nicht grundsätzlich 
gebrochen. Obwohl teilweiseanerkannt 
wurde, daß Männlichkeit ein Faktor im 
Krieg ist - Theodor Michaltscheff 
schrieb z.B.: «Wir sindjavonHausaus, 
durch die Schule und durch die Tradition 
so erzogen , daß wir die Männlichkeit 
nur in dem Widerstand mit roher Gewalt 
Un d im Schwingen von Waffen sehen.» 

~~ so ging es doch gerade darum zu 
2e igen, daß «zum Handeln nach dem 
Gesetze der Liebe und der Gewalt- 
i°sigkeit eine weit größere Bean¬ 
spruchung der wahren Männlichkeit 
n ötig ist (Hervorhebung von mir, AS).» 
Damit verbunden war wiederum, 
Angriffe auf die Männlichkeit der Anti- 
^ilitaristen wegen fehlenden Mutes 
b *w. Feigheit zurückzuweisen. Der 
^ann bewies sich eben nicht mehr im 
Krieg, sondern durch den "Widerstand 
mii geistigen Mitteln” und durch das 
Erdulden von Unrecht. «Woraufes beim 
Erdulden ankommt, ist der Geist , in 
dem angetanes Unrecht erduldet wird. 


Wenn es aus Angst geschieht , daß durch 
den Widerstand einem eventuell 
Schlimmeres passieren könnte, ist es 
Feigheit; wenn es aber aus innerer Kraft 
und weiser Einsicht erfolgt , dann ist es 
Männlichkeit erstes Ranges , die bei 
weitem die Männlichkeit der Ge¬ 
walttäter übertrifft (Hervorhebung von 
mir, AS).» 

Erste Auseinandersetzungen mit 
Männlichkeit folgten erst ab Ende der 
60er Jahre als Folge der Frauen¬ 
bewegung. Sie waren daher eher Re¬ 
sultat eines äußeren Zwanges als innerer 
Einsicht, spiegelten aber mit Sicherheit 
auch die Wandlungen und Auf¬ 
splitterungen der hegemonialen Männ¬ 
lichkeit wieder (s.o.). Zumindest teil¬ 
weise positiv wurde registriert, daß die 
Hippie-Bewegung daran ginge «ein 
jahrhundertealtes, auf dem Boden des 
calvinis-tischen Kapitalismus ge¬ 
wachsenes Männlichkeits-Idol zu 
zerstören». Doch etwas zu optimistisch 
war wohl die Einschätzung, daß «die 
Hippies und Gammler (vor)leben, daß 
ein Mann auch anders sein kann. Und 
schon scheint die Gesellschaftsordnung 
einzustürzen.» Auch hier zeigt sich das 
bis heute anzutreffende Muster: die doch 
recht simple Abgrenzung vom Männ- 
lich-keitsideal des Kriegers, vom Mann, 
der «Kraft, Stärke f Durchsetzungs¬ 
willen, Rauhbeinigkeit 4 Leistungs¬ 
willen, Überlegenheit, Härte, .Kampf¬ 
bereitschaft, ausstrahlen» muß, der 
«ganz schön was einstecken und aus¬ 
teilen können» muß. Von diesem Bild 
des Mannes konnte Mann sich leicht 
ab-grenzen und einem anderen Ideal 
der Männlichkeit huldigen. 

Viel verbreitet war zeitweise (und 
ist?) im Antimilitarismus bzw. in der 
Friedensbewegung allgemein eine Sicht 

auf das soziale Geschlecht, die von der 
Tatsache, daß patriarchale Männerherr¬ 
schaft zu Krieg, Gewalt und Zerstörung 
der Umwelt geführt hat, für Frauen nun 
dieAufgabeableitet e y dieWeltzuretten. 
Darin liegt die Gefahr eines Bio¬ 
logismus, der Frauen von Natur aus für 
friedfertiger und Männer für aggressiv 
und kriegerisch erklärt. Zu Ende gedacht 
wäre dies eine Bankrotterklärung 
antimilitaristischer Politik. 

Aktuell problematischer und 
schwieriger zu überwinden ist ein 
alternativer Machismo der Aktions¬ 
formen , der den Grad des Engagements 
von Menschen an bestimmten Formen 


des Widerstandes oder der Anzahl und 
Dauer von Knastaufenthalten bemißt. 
Konfrontative Aktionsformen, aber 
auch heldenhafte individuelle Aktionen 
wie z.B. totale Kriegsdienstverwei¬ 
gerung - so sinnvoll sie auch sein mögen 
- bieten durchaus Anknüpfungspunkte 
für traditionelle Muster der Männlich¬ 
keit und können diese innerhalb der 
antimilitaristischen Bewegung repro¬ 
duzieren. 

Aus feministischer Perspektive viel 
kritisiert wurde ebenfalls die Betonung 
von Leidensbereitschaft im Rahmen der 
gewaltfreien Aktion, die zwar für 
Männer durchaus einen Ausbruch aus 
eher dominierenden Formen der Männ¬ 
lichkeitbedeuten kann (obwohl sie auch 
als Männlichkeit erstes Ranges um¬ 
interpretiert werden kann, s.o.), für 
Frauen aber die träditionelle Opferrolle 
reproduziert und somit gerade keinen 
Akt der Befreiung oder des Unge¬ 
horsams gegenüber gesellschaftlichen 
Rollenerwartungen darstellt. 

Während also von Frauen Kritik an 
männlichen Widerstandsformen geübt 
wurde (und wird), gab es von Männern 
nur vereinzeltForderungen, sich explizit 
mit Männlichkeit zu beschäftigen. In 
einem bezeichnenderweise aus dem 
Englischen übersetzten Artikel zu 
“Männlichkeit und Gewalt” aus dem 
Sommer 1977 heißt es z.B.: «Wenn das 
Leitbild der Männlichkeit den Milita¬ 
rismus unterstützt, was kann dann den 
Frieden fördern? Weiblichkeit? Nein, 
denn auch dieses Leitbild wurde vom 
Patriarchat geschaffen. (...) Wir sollten 
unserer Kreativität erlauben, Defini¬ 
tionen hinter uns zu lassen, die das 
Patriarchat uns gegeben hat.» Sie 
stellen fest, daß «Männlichkeit und 
Gewalt so eng miteinander verbunden 
(sind), daß eines alleine nicht besiegt 
werden kann.» 

Auch 12 Jahre später stellte Uli 
Wohland noch fest, daß durch das 
Thema «Militarismus und Männlichkeit 
... vielleicht sogar der Kernbereich 


C(]0/ AUSVERKAUF!!! 
JU /0 Ermäßigung auf alle Aufkleber 

(„gegen den Strom" von „Anarchie“ 
bis „Zukunft“). 115 verschied. Motive. 
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Wir drucken und entwerfen auch 
nach Euren Vorlagen und Ideen. 

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SF 2/9 8 [ 43 ] 











ß&.y * 


Foto: Manfred Linke/laif 

unseres Mann-Seins berührt wird », und 
somit «das übliche Desinteresse der 
Männer nur zu leicht in Verdrängung 
undTabuisierung» umschlägt. Erschloß 
mit der Forderung, «eine Reihe von 
Praktiken und Begriffen, wie sie in der 
antimilitaristischen Bewegung, aber 
auch in libertären Kreisen Bedeutung 
besitzen, neu zu betrachten.... Frieden , 
Macht, Herrschaft, Gewaltfreiheit und 
die Richtung antimilitaristischer Arbeit 
überhaupt. Erste Aufgabe wäre es 
freilich, sich den sexistischen Strukturen 


in der eigenen politischen Gruppe zu 
stellen und die Mittäterschaft auch anti- 
militaristischer, anarchistischer Män¬ 
ner an Patriarchat und Militarismus zu 
thematisieren.» 


Schluß 


Uli Wohlands Forderungen sind auch 
weitere 10 Jahre später noch unein¬ 


gelöst. Während natürlich sexistische 
Strukturen - meist auf Forderung von 
Frauen - heute stärker thematisiert wer¬ 
den als vielleicht vor 10 oder 20 Jahren, 
so begnügt sich auch heute noch der 
anti-militaristische Mann im wesent¬ 
lichen mit einer Abgrenzung vom Bild 
des Kriegers und ansonsten Nichtbe¬ 
schäftigung mit dem Thema Männlich¬ 
keit. Dabei dürfte deutlich sein, daß das 
Bild des Mannes einen wesentlichen 
Faktor bei der Aufrechterhaltung des 
Militarismus darstellt, und Nichtbe¬ 
schäftigung sich somit rächt. 

Die Zunahme der KDV-Zahlen seit 
den 70er Jahren kann durchaus auch 
mit einem Wandel der hegemonialen 
Männlichkeit in Verbindung gebracht 
werden, ohne dabei zu vergessen, daß 
auch diese neuen Formen der Männlich¬ 
keit weiterhin patriarchal sind. Die 
aktuelle Stagnation oder gar der 
Rückgang der Kriegsdienstverweige¬ 
rung könnte somit durchaus auch mit 
einem Revival aggressiverer, auf Domi¬ 
nanz beruhender Formen der Männlich¬ 
keit Zusammenhängen. 

Auch wenn in absehbarer Zeit mit 
einer Abschaffung der Wehrpflicht zu 
rechnen ist, so wird auch in Zukunft ge¬ 
rade der Wunsch, zum wahren Mann zu 
werden , eine Triebkraft für Zeit- und 
Berufssoldaten sein. Umgekehrt führen 
aggressive Männlichkeiten auch all¬ 
gemein-gesellschaftlich zu größerer 
Akzeptanz militärischer Konflikt¬ 
lösungen und stehen damit einer grund¬ 
sätzlichen Entmilitarisierung im Wege. 
Die Auflösung bestehender Vorstel¬ 
lungen von Männlichkeit (und Weib¬ 
lichkeit), das Verständnis des «Spiels 
der sozialen Kräfte, in dem soziales 
Geschlecht eine wesentliche Rolle 
spielt» (Connell), ist daher für den 
Antimilitarismus unabdingbar. 

Wenn Militarismus und Männlichkeit 
nur zwei Seiten der gleichen Medaille 
sind, wie in diesem Beitrag behauptet 
wird, so kann ein Antimilitarismus, der 
sich selbst ernst nimmt, nur antipatri¬ 
archal sein, muß den radikalen Bruch 
mit Männlichkeit zu einem Kembe- 
standteil seiner theoretischen Analyse 
und politischen Praxis machen. 

Andreas Speck ist Redakteur der 

Gras Wurzelrevolution. 










In seinem neuen Buch über die 
Anarchistische Presse im Nachkriegs¬ 
deutschland liefert Bernd Drücke auch 
eine ausgiebige A useinandersetzung mit 
unserer Zeitschrift von ihren Anfangs¬ 
jahren bis ins Jahr 1996. Wir drucken 
seine Sicht der Dinge hier ab, weil es 
ihm gelungen ist, unsere Arbeit und 
unsere Herangehensweise durchsic htig 
zu machen, sodaß auch neuere Leser¬ 
innen ein wenig Einblick in unser Innen¬ 
leben erhalten. Wir haben den Buchab¬ 
schnitt an vielen Stellen gekürzt, speziell 
auch die Namen weggelassen, diese 
tnag jedeR Interessierte im Buch selbst 
nachlesen. 

“Schwarzer Faden, die Vierteljah- 
rcsschrift für Lust und Freiheit hat die 
Zeichen derzeit verstanden: “Und Ber¬ 
lin? Berlin? Das dort, wo "wir" neuer- 
dingsSilvcsterfeiem. Also: Berlin wird 
kein soziales Netz nötig haben. Berlin 
wird Hauptstadt; Kreuzberg wird Re- 
gierungsvicrtel! Satt Kiezmiliz - BGS- 
Panzer und Bannmeile; statt 1. Mai- 
Randale - 9. November-Jubelparade 
durchs Brandenburger Tor.” 

die tageszeitung, 4.5.1990 A 

“Wie ein roter Faden zieht s|9D| 
gründliche Skepsis durch die Be^^^H 
die sich im Schwarzen Faden 
Thema “multikulturelle 

Neue Züricher Zeitung^^^^^^M 


“Wer nicht an denj 
ten glaubt und nichj 
traditioneller Poiffl 
SCHWÄRZERE® 
S elbsta^^^^^^ 


Waden 


f *igel Luzifer i 
er> der im Dunkt 



IgmlsSß bundesweite 
yggjMka, wie z.B. der 
per Schwarze Gock¬ 
eln kräht nur unregel- 
(Hbracht wurden und es 


neben Gruppenorganen, wie der von 
der Föderation Gewaltfreier Aktions¬ 
gruppen (FöGA) verantworteten ge¬ 
waltfrei-anarchistischen Graswurzel¬ 
revolution und der anarchosyndika- 
listischen direkten aktion kaum noch 
überregionale und vom Anspruch her 
übergreifende, anarchistische. Zeit¬ 
schriften gab, diskutierten Anarchist¬ 
innen auf der Frankfurter Gegenbuch¬ 
messe 1979 die Gründung einer neuen 
bundesweiten Zeitschrift. 

Als Anschubfinanzierung für das 
Projekt diente eine Einlage von jeweils 
einigen hundert Mark, die von sieben, 
aus unterschiedlichen Teilen der Bun¬ 
desrepublik kommenden Gründungs¬ 
mitgliedern in die gemeinsame Kasse 
eingezahlt worden waren. Im Mai 1980 
brachte das überwiegend aus Mitar¬ 
beiterinnen deranarchistischen Verlagei 
“Büchse der Pandora” und “Trotzdenjflj 
bestehende GründungskollektivfflEB 
Reutlingen rund 500 Exemplag|E3| 
Nullnummer des Schwarzen 

“Der Faden sollte sich 
nen und den BeteiligtendS8yB3fflE^P 
sen, sich mitzueht wi^^^^^^ P^ 


Dennoch waren 
daß unsere Nu lLjffl 


: lv.^Sch war 
jjjfjmnwe wegen 
MrStaatskritik 
% gefangener 


■ bene Schwärze 
libertäre Ten- 
stellt radikale 
Sätze für eine 
die Gegenbe- 
Enthalten sollte 
immer “ca. 1/3 
aKtueue i uc...«. u,.u ^.skussion, ca 1/ 
3 Theorie oder Hintergrundinformatio¬ 
nen und ca 1/3 Kultur und/oder Ge¬ 
schichte und/oder “Unterhaltsames”, so 
ein Anspruch der Redaktion. Anders 
als der ebenfalls 1980 gegründete und 
bundesweit verbreitete Galgenvogel, 
der ausschließlich übersetzte Artikel, 

u.a. aus US-amerikanischen, britischen, 

italienischen, spanischen und franzö¬ 
sischen anarchistischen Zeitschriften 
veröffentlichte, erschien der noch auf 
Umweltschutzpapier gedruckte SF an¬ 


fangs ohne gesetztes Schriftbild und 
mit niedriger Auflage. jm 

Um nicht als Konkurrenzblatt afflj 
Galgenvogel zu erscheinen, publLäffla 
die Redaktion zunächst nur 

“Doch der Galgenvoge^gSgraOfl 
zwei Nummern, dann jwBgtaW- gijjCf 
ökonomischen 

an”. Seitdem wurttemBtag^Sg^^f 
Faden häufig au cb@^^^S Sffl&cl 
aus der internatijgffijBiEmffluBJEchen 
Presse abgedrv^H jUj 
Durch düjjjj^^^mffl^^Ki.a. von 
Computtut^^SB^H^Bmlruckem 
verbesjffl^^^^^^ytechnischen 
Mög^^^^ffiH^Baufe der Jahre 
nnen setzen, das 

K ÄW ^**^ n ^^chtliche, mit vielen 
ertigen und schönen 
te Layout wurde zu- 
ioneller, die Druck- 
t und die Seitenzahl 
i peu ä peu von 40 auf 

var groß und so stieg 
läge schrittweise von 
f 1.500 und seit Mitte 
der achtziger Jahre schwankt sie zwi¬ 
schen 2.000 und 3.300. 

Im Anschluß an eine Organisalions- 
diskussion gründete die Redaktion 1983 
das FLI (Forum für libertäre Informa¬ 
tionen). Das FLI sollte die Lehre aus 
diversen anarchistischen Organisa¬ 
tionsversuchen ziehen, welche “alle- 



gemacht würden, sollten Positionen mit 
dem Forum für libertäre Informationen 
diskutiert werden. Dort sollte eine theo¬ 
retische Basis erarbeitet und die Inhalte 
verstärkt in die Diskussion getragen 
werden. Das FLI sollte sich zu einem 
Zusammenhang entwickeln, der sich 
gesamtgesellschaftlich einmischt. 

Neben dem internen FLI-Rundbrief 
entstanden einige zum Teil langlebige 
Arbeitsgruppen zu Themen, wie 
Anarchafeminismus/Patriarchatskrilik, 
Antipädagogik, Arbeit/Zerfall der 
Arbeit, Sowjetunion, Neoliberälismus, 
Sozialtechnologie u.a. (...). 

Im Lauf der Jahre wurde das Kollektiv 
recht häufig in Konflikte verwickelt, 
“sei es aus eigener “Schuld” durch die 
Publikation eines Artikels, sei es aus 
der Weigerung einen Artikel abzu- 



SF 2/9 8 [ 45 ] 

















1 


ken, oder auch nur, weil wir an 
persönlichen Grenzen stoßen von 
|j||üten angesprochen werden und 
mehr alles - auch nicht 
||EH9jten Ansprüche - einlösen 


J uni 1985 herausge- 
18 - 2 / 

85) Anarchistische 

V ier tel^OT ^flaQKK^ibe h al ten. 

Nachd^^ffl HfflWgr 1985 eine 
Nostalgienü^^Hgj)']? jmte gewählten 
Beiträgen atHBraT^^^^^^reizehn, 
vergriffenen A o BBW r ^ pBWbe brach t 
worden war » ersc fl®^^^^^^tdie 
Nr. 19 - 3/85 mit 

rteljahresschrift fürTmf ^^W^Mh - 
tarische Opposition” 

1985 die mit ^fachzeitscB S^^^^ B 
chie und luxus” untertiteH^^^^H 
nummer “Verfall und 

Schließlich entschlossen sicSffp 
Macherinnen zurWiederbelebunge^S 
Transparentparole, mit der sie in d3| 
70er Jahren gegen NPD-Parteitage 
losgezogen waren: “Lust und Freiheit 
wollen wir, doch nicht diese Nazis hier!" 

Bis auf wenige Ausnahmen wurde 
der Untertiel “Vierteljaresschrift für 
Lust und Freiheit” von Januar 1986 
(Nr.20-1/86) bis heute beibehalten. So 


Text, sondern bezog Grafiken, Photos 
und das Layout mit ein. Was den Text 
betreffe, so wünsche sich das Kollektiv 
durchaus mehr Spaßguerilla und lehne 
satirische Beiträge auch nichtgrundweg 
ab. 

“Leider ist aber kein Redaktionsmit¬ 
glied mit satirischem Talent gesegnet.” 

Oft kritisierten Leserinnen, daß die 
“Vierteljahresschrift für Lust und Frei¬ 
heit” seiten lustvoll sei, dafür manchmal 
“übermäßig aufgeschwemmte Diskus¬ 
sionen über inneranarchistische Frak¬ 
tion squerelen” enthalte und die inhalt¬ 
liche Gewichtung und intellektuelle 
Sprache die Publikation “zum Kummer 
einiger als eine Art Anarcha/o-”Intelli- 
genzblatt” erscheinen” lasse. 

Im Mai 1988 erschien eine vom 
Trotzdem-Verlag, dem FLI und einer 
erweiterten Redaktion herausgegebene 
“Sondernummer Feminismus-Anar¬ 
chismus.” 


Wie die Geschichte des Anarchismus 
sei erst recht die der anarchistischen 
Frauen eine “untergegangene” Ge¬ 
schichte, so die Macherinnen. 

Der Anarchafeminismus aber sei in 
aller Munde und stoße auf großes 
Interesse. Zum Teil artikuliere sich hier 
das “Bedürfnis von Frauen aus anar¬ 
chistisch/autonomen Kreisen, ihr 
Unbehagen in die Bewegung, ihre 
Beziehungen zu den Männern in der 
Bewegung zu reflektieren.” 

Ein breites Spektrum von Frauen und 
Männern diskutiere unter dem neuen 
Schlagwort “Patriarchatskritik”, wobei 
die unterschiedlichsten Begriffe ver¬ 
wandt würden. 

“Alle meinen sich zu verstehn - doch 

■ ören meint jede/r 

ismus lege Wert 
om “Patriarchat” 
s das Schlagwort 
der Männer über 
te. Männer seien 
im Denken und 
is subjektiv nicht 
drückung” erlebt 
aktiv bekämpft 


wem pfÜT 
wedeflRl 
Anarii 
schaft-in 


E iife Herr- 
das Prob- 
halischen 


Frauen äußere sich 
u.a. im Fehlen einer 
Utopie, einer gemeinsam 
Zwar würden vom Femini^^Wjf^ 
patriarchalische Haltungen 
tutionen als Problem erkannt. 
existiere bislang keine gemeinsl®| 
Definition davon, was das “PatriarchalB 
sei und wie es bekämpft werden könnet 
In der Sondernummer konzentrierten 
sich die Beteiligten auf den thema¬ 
tischen Schwerpunkt inhaltlicher Kritik 
an feministischen Positionen. 

So sollte zu einer Radikalisierung der 
feministischen Gesellschaftskritik bei¬ 
getagen werden - die bei vielen femi¬ 
nistischen Strömungen lediglich in einer 
“positiven Diskriminierung” bestehe. 

In dieser Ausgabe sollte versucht 
werden zu zeigen, wie sich Anarchismus 
und Feminismus komplementieren 
könnten. Obwohl sich nur wenige 
Frauen ausdrücklich als Anarchafemi- 


nistinnen begreifen würden, sei der 
anarchafeministische Impuls in vielen 
Diskussionen unterschwellig vorhan¬ 
den. Er trete überall in Erscheinung, wo 
Feministinnen/Anarchistinnen gegen 
staatliche Macht - oder patriarchale 
Unterdrückungsstrukturen rebellieren. 

Die erste Auflage von 3.000 dieser 
herausragenden, 68seitigen Sonder¬ 
nummer, war ebenso schnell vergriffen, 
wie die im Sommer 1989 gedruckte 
zweite, überarbeitete und um einen 
Artikel von Roselia Di Leo erweiterte 
Neuauflage von 1,400. Seit Mitte der 
achtziger Jahre öffnete sich die Re¬ 
daktion zunehmend auch anderen 
linksradikalen Strömungen. Dies gefiel 
nicht allen Libertären und führte nicht 
selten zu kontroversen Diskussionen 
außer- und innerhalb des SF. 

Sokritisierte im Frühjahr 1990Eduard 
Kaesling in einem Leserbrief die Öff¬ 
nung und die Arbeit der Redaktion. 

Über wiederholte oberlehrerhafte 
Hinweise, wie der jeweilige nachste¬ 
hende Text zu lesen” sei über das “häu¬ 
fige Weglassen von ganzen Text¬ 
passagen” oder die “inhaltsleere und 
unsolidarische Anmache anderer li¬ 
bertärer Richtungen (z.B. die Li- 
bertarians) oder Zeitungen (z.B. die 
Frühstückstischpolemik gegenüber der 
Gras Wurzelrevolution in SF 32)” könne 
nicht immer “ohne Magenschmerzen” 
hinweggesehen werden. Da sich die 
SF-Redaktion in der Auswahl ihrer 
Artikel “anscheinend dem autonomen, 
nicht-anarchistischen Spektrum” öffne, 

^ sei vor einer weiteren Entwicklung in 
J&ese Richtung zu warnen, so Kaesling. 
sich auch eine autonom gefärbte 
Zeitschrift besser verkaufen”, 
^^^^ e^doch “dieser Mentalität nur 

angehen, “daß in den 
Inhalte angeboten 
einem nicht unerheb- 
ka ^^^^^^^de r autonom-marxi- 

zen Fadens reM^^^^^daktion 

Redaktionelle^^«x|j^^^ngcn 
werde es auch in ZuB Ml|^^^^da - 

verdeutlichen oder 


[ 46 ] SF 2/9 8 



nen zu geben. 

Damit sei aber keine Bevormundung 
der Verfasserinnen oder Leserinnen 
beabsichtigt. Auslassungen seien nach 
Ansicht der Redakteurinnen häufig 
notwendig, weil die Artikel sich ent¬ 
weder selbst wiederholen oder zu lang 
seien. 

Der SF verstehe sich seit seiner 
Gründung “im Gegensatz z.B. zur 
Interim” als eine Zeitschrift, die nicht 
grundsätzlich alles abdrucke, was ihr 
Angeboten werde. 

“Würden wir es machen, wäre der SF 
unserer Meinung nach wirklich nicht 
wiederzuerkennen und voll mit "mar¬ 
xistischen, grünen usw. Inhalten, da 
diese Menschen nach wie vor häufig 
intensiverarbeiten als Anarchistinnen.” 

Auf Kaeslings Kritik am Umgang 
m it anderen libertären Richtungen, 
räumte die Redaktion ein, daß ihr 
bisweilen “die Pferde durchgehen”, 
andererseits fehle ihr das Verständnis 
dafür,daß eine Kritik meist schlimmer 
gefunden werde als das, was die Re¬ 
daktion kritisiere. 

“Gibt’s nichts zu kritisieren an der 
Libertarian Party, am (neuerlichen) 
Silvio Gesell-Boom? Sind solche Strö¬ 
mungen - um Öl ins Feuer zu gießen - 
überhaupt anarchistisch”? Weshalb war 
unsere Kritik politisch inhaltsleer? Oder 
lst gs nicht vielmehr so, daß wir gerade 
einen poliüschen Standpunkt vertreten, 
der von manchen Anarchistinnen nicht 
geteilt wird, aber dennoch ebenfalls 

“anarchistisch” ist?” 

“Zunächst halten wir die Autonomen 
meht ausschließlich für Marxisten, 
sondern gehen davon aus, daß sich sehr 
Vl e!e anarchistischgesinnte Menschen 
Un ter ihnen befinden. Anders ausge¬ 
drückt: die Autonomen sind unserer 
Meinung nach für verschiedene Theo- 
riea nsätze offen, darunter auch für den 
^archisüschen. Als Anarchisten haben 
Wlr deshalb ein natürliches Interesse in 
die Diskussion mit Autonomen und über 
lhre Inhalte zu kommen.” 

Es gehe der Redaktion darum, 
a uthentisch zu berichten und deshalb 
Sei es ihr lieber, wenn Autonome im SF 
u berein Autonomes Zentrum schreiben, 
als Wen n dies Außenstehende tun. 

Der S chwarze Faden wolle seit seiner 
Endung ein Diskussionsforum aller 

an tiautoritären Strömungen sein und 
^evorzugt die zu Wort kommen lassen, 
le sich sozial, künstlerisch und 


gesellschaftspolitisch engagieren. 

Die aus aktiven, politischen Zusam¬ 
menhängen kommende Redaktion 
wolle den Bezug zu einer aktiven, 
“lebendigen” Basis nicht zugunsten 
“reiner” Theorie verlieren. 

“Was wiederum nicht heißt, daß wir 
uns nicht weiterhin um die Aktuali¬ 
sierung anarchistischer Theorie küm¬ 
mern bzw. anarchistische Klassiker (im 
Trotzdem Verlag) neu auflegen Viel¬ 
leicht sollten vorschnelle Kritikerinnen 
auch mal Verlagsproduktion und SF 
zusammen betrachten, denn beides wird 
von denselben Leuten gemacht!” 

Fünfzehn Jahre nach Erscheinen der 
ersten Ausgabe äußerte sich die Redak¬ 
tion erfreut über das kontinuierlich ge¬ 
steigerte Interesse der Leserinnen, der 
Abonnentinnen und Autorinnen, die ihr 


die Redaktion jedoch maximal zwei 
überlange Artikel pro Ausgabe zumu¬ 
ten. 

Ihrem Anspruch eineZeitschrift“gut” 
machen zu wollen, konnte die Redaktion 
des Schwarzen Fadens meist gerecht 
werden. 

Und so hat das seit 1985 in Grafenau 
herausgegebene Magazin nicht nur in 
der libertären Szene der Bundesrepublik 
den Ruf, “Pflichtlektüre”, ein “anar¬ 
chistisch-intellektuelles Exklusivblatt” 
und eines der wenigen ‘Theoriemaga¬ 
zine mit umfangreichem Kulturteil aus 
den sozialen Bewegungen”, mit “gut 
layouteten Seiten voller Grafiken und 
Fotos” sowie mit z.T. interessanten und 
kompetenten Artikeln zu sein. 

Der Verfassungsschutz bescheinigte 
ihm “überregionale Bedeutung als Dis¬ 



vermehrt und aus eigenem Entschluß 
ihr Artikel zum Abdruck zusenden.(...) 

Die im SF veröffenlichten Beiträge 
wurden von der Redaktion bisher immer 
u.a. nach inhaltlichen und qualitativen 
kriterien ausgewählt. Häufig wurden 
aus zugeschickten Flugblättern Kurz¬ 
meldungen fabriziert und versucht, ge¬ 
gen die “eigenen Szene-Mythen” anzu¬ 
schreiben. 

Grundsätzlich gelte, “daß wir keine 
Texte veröffentlichen, die vorher wo¬ 
anders abgedruckt wurden... Woanders 
bezieht sich dabei auf die A-Scene und 
Autonome sowie Überregionales wie 
taz und Konkret. Weniger auf Zeit¬ 
schriften, die nur ein eingeschränkter 
Kreis interessiert und wo wenige Über¬ 
schneidungen zu befürchten sind.” 

Nichts sei so schnell “überflüssig” 
wie eine Nummer, die einige Beiträge 
enthalte, “die schon da waren.” 

Problematisch sei, daß die Redaktion 
sehr viele überlange Artikel erreichen, 
wärend das Gros der Leserinnen lieber 
kürzere lese. Es sei schon passiert, daß 
sie aufgrund der länge einen Beitrag 
verschieben mußten, der dann woanders 
erschienen ist. Den Leserinnen wolle 


kussions-und Informationsforum liber¬ 
tärer und autonomeGruppen,” und Her¬ 
mann Kurzke rief sogar in der nicht 
gerade als staatsfeindlich geltenden 
Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf: 
“Lieber gleich den Schwarzen Faden 
abonnieren, den Knast enttabuisieren, 
die Volkszählung boykottieren, den 
Terror kritisieren (...)” 

Bisher brachte der Schwarze Faden 
Beiträge von mehr als 500 verschiede¬ 
nen Menschen und Gruppen aus der 
libertären, undogmaüsch linksradikalen 
und autonomen Szene. 

Zusammenfassend läßt sich feststel¬ 
len, daß die “wichügste anarchistische 
Zeitschrift der achtziger Jahre” ihre 
herausragende Position auch in den 
neunziger Jahren behaupten konnte und 
der Schwarze Faden bis heute - trotz 
eines Verkaufspreises von mittlerweile 
8.- DM - die angesehenste anarchi¬ 
stische Zeitschrift in der B undesrepublik 
geblieben ist. 

Bernd Drücke: Zwischen Schreibtisch und 
Straßenschlacht? 

Anarchismus und libertäre Presse in 
Ost und Westdeutschland 1985-1996, 
ca.700S., DM 49,90, Verlag Klemm & 
Oelschläger, Ulm 


SF 2/98 [47] 





Am 12. Jänner 1998 verstarb in Graz 
einen Monat vor seinem 90. Geburtstag 
einer der letzten aus der ,alten Garde* 
der anarchistischen Bewegung in 
Österreich. Manchem wird er durch 
seine zweiundzwanzig Jahre' hindurch 
erschienene Zeitschrift „Befreiung“ 
bekannt sein, manchem auch durch 
Begegnungen im privaten Rahmen oder 
bei Anarchistentreffen. Und wohl 
keiner, der ihn persönlich kannte, wird 
seine außergewöhnliche Energie und 
seine ständige Bereitschaft zur Über¬ 
zeugungsarbeitvergessen. Wie unwich¬ 
tig ihm dabei die Geschichte seines 
eigenen Lebens war, fiel mir erst auf, 
als ich diesen Nachruf schreiben wollte. 
Ich konnte mich wohl stundenlanger 
Gespräche zu aktuellen Problemen oder 
zum Anarchismus im allgemeinen 
entsinnen, aber Näheres über sein 
Leben, an dessen beispiel- und vorbild¬ 
hafter Führung ihm so sehr gelegen 
war, mußte ich erst anhand zahlreicher 
Notizen, die ich mir während unzähliger 
Gespräche machte, sowie aus alten 
Tonbandabschriften aus den Jahren 
1986 und 1989 wieder zusammen bauen. 

Ferdinand Karl Gross so die amtliche 
Schreibung seines Namens wurde am 
11. Februar 1908 als Kind des Hutma¬ 
chers Wenzel Gross und der Hausfrau 
Maria Gross, geborene Kreusel, in Wien 
geboren. Er war noch keine elf Jahre 
alt, als der Erste Weltkrieg endete, in 
dessen Folge eine verheerende Hun¬ 
gersnot über Wien hereinbrach. Der 
tränenreiche Abschied vom Vater, als 


er zum Kriegsdienst einrücken mußte, 
gehörte zu seinen frühesten Erinnerun¬ 
gen. Auch der Zusammenbruch der 
k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn 
und die Errichtung der Republik Öster¬ 
reich blieben in seinem Gedächtnis. 
Doch der Hunger, erzählte er mir 1986, 
ist das , an was ich mich wirklich 
erinnere. Das andere , der politische 
Systemwechsel , war nur dumpfes Hin¬ 
tergrundgrollen . Aber daß. der Krieg 
an der ganzen Misere Schuldwar, wußte 
ich schon damals. Bedrückend wirkte 
auch der frühe Tod seiner Mutter. Nach 
dem Abschluß der Grundschule in Wien 
zog Ferdinand Gross mit seinem Vater 
und den Geschwistern zur Stiefmutter 
nach Graz, wo er 1922 bis 1925 eine 
Schlosser- und Dreherlehre bei den 
Puch-Werken absolvierte. 

1925/26 nahm Ferdinand Gross erste 
Kontakte zu sozialdemokratischen und 
kommunistischen Kreisen auf, besuchte 
deren Veranstaltungen und machte sich 
ein wenig mit der einschlägigen Litera¬ 
tur vertraut. Wenn wir ihm glauben 
dürfen, konnte er schon damals seinen 
Mund nicht halten. Jedenfalls endete 
sein immer stärker nach außen getra¬ 
genes politisches Engagement für die 
»linke* Arbeiterbewegung mit dem Ver¬ 
lust seines Arbeitsplatzes. Als offizieller 
Grund mußte ein Krankenstand her¬ 
halten; er hatte eine Blutvergiftung und 
mußte operiert werden. Schon länger 

hegteerden Plan,gemeinsam miteinem 

Freund nach Brasilien auszuwandem. 
Die beiden Freunde begaben sich 1926 


auf die Walz und marschierten bis 
Hamburg, von wo aus sie sich nach 
Übersee einschiffen wollten. Als die 
Firma, welche die geplante Auswan¬ 
derungorganisieren sollte, pleitemach¬ 
te, standen die beiden mittellos und 
ohne Arbeit da. Also marschierten sie 
weiter nach Luxemburg, wo sie sich in 
der Hauptstadt niederlassen wollten. 
Das Arbeitsamt verwies sie jedoch aufs 
Land, wo sie als Hilfsarbeiter beim 
Gleisbau Arbeit fanden. Dadurch er¬ 
hielten sie auch eine Aufenthaltsge¬ 
nehmigung, und so konnten sie nun 
eine berufliche Verbesserung anstreben: 
Sie wurden Hilfsarbeiter in einem Hüt¬ 
tenwerk. Bald danach trennten sich die 
Wege der Freunde: Der eine zog weiter 
nach Frankreich, Ferdinand Gross blieb 
in Luxemburg, wo er in einer Schlacken¬ 
mühle zur Kunstdüngerproduktion, 
später in einem Walzwerk als Walzer, 
zuletzt zwei Jahre im Erzabbau unter 
Tag arbeitete. Wegen seines schroffen 
Verhaltens gegenüber dem Direktor 
anläßlich einer ungerechten Beschul¬ 
digung entlassen, konnte er in Luxem¬ 
burg keine Arbeit mehr finden und 
kehrte nach fünfeinhalb Jahren im 
Ausland Anfang 1932nach Graz zurück. 
Diese Luxemburger Jahre äußerster 
materieller Not und existentieller Un¬ 
sicherheit, so betonte Ferdinand Gross 
später öfters, waren ihm eine soziale 
Schule. Eine Schule, die ihm die Angst 
vor dem Leben nahm und die ihm die 
Gewißheit gab, in jeder Lage den auf¬ 
rechten Gang gehen zu können. Das 


[ 48 ] SF 2/9 8 













Foto: Nachlaß Ferdinand Gross 


war eine wichtige Erkenntnis: Die Not 
kann gar nicht so groß sein, daß man 
nicht trotzdem zu seiner Gesinnung 
offen und freien Herzens stehen kann. 
Irgendwie fand ich immer mein Brot, 
auch wenn ich den Ausbeutern und 
Unterdrückern nicht nach dem Maul 
redete. Ich weiß eigentlich nicht mehr, 
was ich damals wirklich war: Sozialist? 
Kommunist? Ich glaube, innerlich war 
ich damals schon Anarchist, aber halt 
noch mehr ein Anarchist des Herzens. 
Es war jedenfalls damals, daß ich von 
den marxistischen Parolen genug hatte 
und erstmals anarchistische Ideen ken- 
nenlemte. 

Doch auch in Graz erwartete ihn das 
Schicksal der Arbeitslosigkeit. Zunächst 
lebte er von der Arbeitslosenunter¬ 
stützung. In diesen Jahren engagierte er 
sich in der sogenannten „Friedland¬ 
siedlung“ in Unterwald bei Tregist, 
einem Ort in dem nahe Graz gelegenen 
Kohlenrevier. Ein Tiroler plante hier 
die Errichtung einer Arbeitslosen-Sied- 
lung und hatte dafür ein etwa 40 ha 
großes Grundstück gekauft. Als das 
Projekt scheiterte, kehrte er nach Graz 
zurück, wo er allerdings erst nach 
beinahe sechs Jahren Arbeitslosigkeit 
1937 als Dreher wieder in den Puch- 
Werken Arbeit fand. 

Doch wichtiger war ihm wohl, was er 
hier in Graz erlebte. Bald nach seiner 
K uckkehr aus Luxemburg versuchte der 
begeisterte Sänger, der bis wenige 
Wochen vor seinem Tod jeden Tag mit 
Uesangsübungen begann, einem 


Arbeiterchor beizutreten, und stieß auf 
die „Sängerrunde',Freiheit‘“.Der Warne 
sagte mir zwar nichts, aber „Freiheit 
klang schon einmal gut , erzählte er mit 
ironischem Lächeln. Er ließ nun seine 
Stimme schulen (Tenor, doch die Fal¬ 
sett-Technik ermöglichte es ihm, auch 
Sopran zu singen), teils in einer Grazer 
privaten Gesangsschule, teils am Kon¬ 
servatorium der Stadt Graz. Bald er¬ 
reichte er jenes professionelle Niveau, 
daß es ihm noch in den 1960er Jahren 
ermöglichte, im Gemischten Chor des 
Grazer Opernhauses mitzusingen. Je¬ 
denfalls wurde Ferdinand Gross in der 
„Sängerrunde »Freiheit“* willkommen 
geheißen. 1933 trat dieser Chor anlä߬ 
lich einer Rede des österreichischen 
Anarchisten Pierre Ramus (d.i. Rudolf 
Großmann) in Graz auf, und Ferdinand 
Gross traf zum erstenmal sein großes 
Vorbild persönlich bis 1934 sollte es 
noch zu mehreren solchen Begegnungen 
kommen. Ferdinand Gross, der den 
Namen,Ramus* zuvor nur gehört hatte, 
war nun vom Menschen Ramus be¬ 
geistert und verschaffte sich alle nur 
erreichbaren Schriften dieses zwischen 
syndikalistischem und kommunisti¬ 
schem Anarchismus angesiedelten 
Denkers, der Antimilitarismus und Pa¬ 
zifismus ins Zentrum seiner Weltan¬ 
schauung rückte. Die Bücher und Bro¬ 
schüren wurden dann in mühevoller 
Kleinarbeitstudiert, denn das Lesen ging 
damals noch nicht so gut. Die Person 
Pierre Ramus* und die weltanschauliche 
Ausrichtung seiner Schriften, unter 


denen mir „Das anarchistische Ma¬ 
nifest“, „Die Neuschöpfung der Ge¬ 
sellschaft durch den kommunistischen 
Anarchismus " und „Die Irrlehre und 
Wissenschaftslosigkeit des Marxismus 
im Bereich des Sozialismus“ als die 
wichtigsten erscheinen, sind so etwas 
wie eine Meßlatte, mit der man seinen 
eigenen Standort bestimmen kann. Doch 
die eigentliche Herausforderung .war 
nun, die Überzeugungen, zu denen mich 
Ramus, aber auch Kropotkin, gebracht 
hatten, auf meinen eigenen Alltag an¬ 
zuwenden, auf mein ganz persönliches 
Leben wie auf mein Leben innerhalb 
derBewegung, deren Richtung ich zwar 
durch Ramus vor gezeichnet fand, aber 
deren konkrete Gestaltung erst im 
Kampf mit den jeweiligen Problemen 
erfolgte. Ferdinand Gross wurde nun 
zum Genossen Ferdinand, von vielen 
liebevoll ,Ferdl* genannt. 

Ferdinand schloß sich dem „Bund 
herrschaftsloser Sozialisten“ (B.h.S.) 
an, eine von Pierre Ramus nach dem 
Ersten Weltkrieg gegründete „födera¬ 
tive Vereinigung örtlicher Gruppierun¬ 
gen , die in freier Autonomie miteinander 
verbündet sind,“ wie es in den 1922 
beschlossenen Leitsätzen und Richt¬ 
linien hieß. Die Grazer Gruppe des nie 
als Verein begründeten „Bundes herr¬ 
schaftsloser Sozialisten** organisierte 
sich in dem 1893 von Anarchisten 
gegründeten „Arbeiter-Bildungs- und 
Unterstützungs-Verein**, der durch die 
Anhänger Pierre Ramus* nach dem 
Ersten Weltkrieg wiederbelebt wurde 

SF 2/98 [ 49 ] 








und im Verhältnis zur Einwohnerzahl 
die größte Ortsgruppe des „Bundes 
herrschaftsloser Sozialisten“ bildete. 

Nachdem »Anschluß* Österreichs ans 
Deutsche Reich im März 1938 spitzte 
sich die Lage der Anarchistinnen und 
Anarchisten in Graz zu. Fast alle über¬ 
lebten den Nationalsozialismus durch 
Still- und Ruhighalten. Nur Ferdinand 
setzte seine Agitation zunächst durch 
Verteilen alter Nummern von Pierre 
Ramus* Zeitschrift „Erkenntnis und 
Befreiung** in den Puch-Werken fort; er 
hinterlegte die Zeitschriften einfach in 
den Gemeinschafts- und Umkleideräu¬ 
men. Noch ehe man ihn als Urheber 
dieser Aktion ausforschen konnte» 
wurde er aus anderen Gründen verfolgt. 
Am 1. März 1939 wurde er von der 
GeStaPo festgenommen und verhört. 
Dabei bekannte er sich und wer 
Ferdinand kannte, weiß, mit welcher 
Inbrunst er dies vorgebracht haben wird 
offen als herrschaftsloser Sozialist, 
Anarchist und bezeichnete sich als 
Kriegsgegner. Mit der Drohung, daß er 
bei der kleinsten Auffälligkeit »nach 
Dachau* kommen werde, wurde er 
entlassen. Doch er sollte sich seiner 
Freiheit nur kurz freuen. Beim Abschluß 
einer von Nationalsozialisten in den 
Puch-Werken veranstalteten Feier an¬ 
läßlich der Okkupation der Tschecho¬ 
slowakei im März 1939 verweigerte er 
den »obligaten* Deutschen Gruß. Des¬ 
wegen denunziert, wurde er „wegen 
politischer Unzuverlässigkeit“ entlas¬ 
sen. Kurz danach erhielt er eine Vor¬ 
ladung der GeStaPo. Nichtsahnend und 
offensichtlich voller Zuversicht fuhr er 
mit dem Fahrrad zur Grazer Polizei¬ 
direktion, wo er sofort inhaftiert wurde. 
Nach drei Monaten Untersuchungshaft 
wurde er als »Schutzhäftling* „auf 
unbestimmte Zeit“ nach Dachau tran¬ 
sportiert: Zunächst kam er in die soge¬ 
nannte »Liesl*, ein Sammelgefängnis in 
Wien, dann in einem der berüchtigten 
Bahntransporte nach Dachau. Kahlge¬ 
schoren, im »Zebra*, der bekannten 
Häftlingskleidung, und mit aufgenäh¬ 
tem roten Winkel, der ihn als politischen 
Häftling auswies, bezog er im Konzen¬ 
trationslager Dachau den Block 1. Aber 
schon Anfang Herbst 1939 wurde er ins 
Konzentrationslager Flossenbürg (Bay¬ 
ern) verlegt, wo er im berüchtigten 
Steinbruch geschunden wurde. Im Früh¬ 
jahr 1940 wurde^er wieder ins Kon¬ 
zentrationslager Dachau rückverlegt. 


wo er Stubenältester bei inhaftierten 
polnischen Geistlichen wurde, später 
bei russischen Kriegsgefangenen tätig 
war. Im Sommer 1944 wurde er zum 
Straftransport abkommandiert, was 
einem Todesurteil gleichkam. Im Vieh¬ 
waggon wurde er ins »Arbeitslager* 
Neckarelz bei Mosbach (Baden-Würt¬ 
temberg) gebracht, wo er in einem auf¬ 
gelassenen Gipswerk für die .Fort¬ 
führung der Rüstungsindustrie arbeiten 
mußte. Zunächst wieder Stubenältester, 
meldete er sich dann zum Arbeiten und 
war zunächst für die Wartung des 
Werkzeugs zuständig, dann als Kanti¬ 
neur tätig. Nach der Bombardierung 
des nahegelegen Dorfes wurde er zum 
Rücktransport nach Dachau abkom¬ 
mandiert. Auf dem Weg zum Bahnhof 
gelang ihm gemeinsam mit einem 
Freund, einem Fleischer, Kommunisten 
und Spanien-Kämpfer, im März 1945 
die Flucht. Beide fanden in einem 
nahegelegenen Ort bei einer Bahn¬ 
wärterin Zuflucht, und als sie am 1. 
April 1945, es war der Ostersonntag, 
aus dem Radio hörten, daß sie sich in 
der amerikanischen Zone befänden, 
wußte Ferdinand» daß er endlich frei 
war, auch wenn an eine Rückkehr in die 
Heimat zu diesem Zeitpunkt wegen der 
dort währenden Kämpfe noch nicht zu 
denken war. Doch so seltsam das auch 
klingen mag, nach all dem , was man 
mir daheim angetan hatte, ich wollte 
weg ausDeutschland, möglichst schnell 
zurück nach Graz, wo ja meine liebe 
Frau war. Ferdinand erzählte oft die 
Geschichte, wie er und sein Lager¬ 
genosse erstmals seit vielen Jahren 
anständige und ausreichend Nahrung 
erhielten, vor allem aber, wie ihnen 
mitleidsvolle Menschen Bekleidung 
schenkten, darunter ein Sakko, in dem 
100 US-Dollar eingenäht waren. Mit 
dem Geld konnten sie ein Auto kaufen 
und — versehen mit einem ameri¬ 
kanischen Passierschein—im Mai 1945 
endlich Richtung Österreich aufbre¬ 
chen. Die Strecke von Salzburg nach 
dem in der sowjetischen Zone liegenden 
Graz mußte er allein und als Anhalter 
zurücklegen, wobei ihm schon mulmig 
zumute war, denn er wußte, was mit 
Anarchisten in der Sowjetunion pas¬ 
sierte. 

Mit einem kleinen Packen, der vor 
allem Decken enthielt, kehrte er nach 
Graz zurück, wo er seine Frau und deren 
Sohn, der später in noch jungen Man¬ 


nesjahren bei einem Flugzeugunglück 
starb, wohlbehalten in ihrem Heim in 
der sogenannten Klusemannsiedlung in 
Graz-Neuhart, Heimweg 35, vorfand. 
, Getroffen hatte ihn aber, daß die anar¬ 
chistischen Propagandaschriften, die er 
vor seiner Verhaftung in einer Aschen¬ 
grube vergraben hatte, darunter die von 
ihm so geschätzten Bücher und Bro¬ 
schüren Pierre Ramus*, nur noch ver¬ 
schimmelt vorfand. Dann begann die 
Arbeitsuche: 1946 konnte er wieder als 
Dreher, später als Lehrlingsausbildner, 
in den Puch-Werken Arbeit finden. 
Auch konnte er bald die Zimmer-Küche- 
Wohnung in der fabrikseigenen Werk¬ 
siedlung in der Bozenerstraße 6 be¬ 
ziehen. Auch politisch besserte sich die 
Situation. Am 24. Juli 1945 kam gemäß 
dem Zonen vertrag die gesamte Steier¬ 
mark unter britische Kontrolle. Ferdi¬ 
nand suchte nun wiederden Kontakt zu 
den anarchistischen Genossinnen und 
Genossen in Graz und überhaupt in der 
Steiermark. Es entstand tatsächlich eine 
kleine Gruppe, die sich „Bund Herr¬ 
schaftsloser Sozialisten Österreichs 
(Anarcho-Syndikalisten) Gruppe Graz** 
nannte und die nach einer Konferenz 
mitGenossinen und Genossen aus Wien 
im August 1947 seit September 1947 
eine eigene Zeitschrift herausgab: „Die 
Freie Generation“. Bald gab es zwischen 
den Anarchisten in Graz und Wien, wo 
sich die „Gruppe Krapotkin“ und die 
„Gruppe Tolstoi** konstituiert hatten, 
heftige Reibereien. Aus der zeitlichen 
Distanz zeigen sich die behaupteten 
inhaltlichen Differenzen (Verhältnis zu 
den Pfadfindern) eher als eine Sache 
von Sympathie und Antipathie der Be¬ 
teiligten. 

Erst Mitte der 1950er Jahre fand 
Ferdinand eine Gruppierung, in der er 
sich voll engagieren konnte. Es waren 
die radikalen Pazifistinnen und Pazi¬ 
fisten um die Publizistin Luise Eisen- 
menger-Micko und deren Zeitschrift 
„Der Anümilitarist“. Die Zeitschrift war 
das Organ der am 4. September 1954 
konstituierten „Pazifistischen Union**; 
in ihren Statuten bestimmte sie sich „als 
Dachorganisation für Gesellschaften, 
die für absolute Gewaltlosigkeit (non- 
violence) und Kriegsdienstverweiger¬ 
ung bei jeder Art von Krieg eintreten“. 
Bald danach ging die „Pazifistische 
Union** in der 1952 gegründeten „Sek¬ 
tion Österreich der Internationale der 
Kriegsdienstgegner** auf, deren Präsi- 


[ 50 ] SF 2/9 8 







Foto: Nachlaß Ferdinand Gross 


dentin 1952 bis 1963 Luise Eisen- 
menger-Micko war. Diesen beiden 
Gruppierungen kam 1955 eine beson¬ 
dere Bedeutung zu, weil 1955 nach der 
Wiedererlangung der Unabhängigkeit 
durch den Staatsvertrag die Wiederauf¬ 
rüstungösterreichs durch die Schaffung 
e ines Heeres diskutiert wurde. Zwar 
konnte dies nicht verhindert werden, 
aber es entstand ein eindeutig antimili- 
teristisches und pazifistisches Lager in 
Österreich. Ferdinand wurde übrigens 
er st 1956 Mitglied der „Sektion Öster¬ 
lich der Internationale der Kriegs¬ 
dienstgegner“; dies ging auf sein Mi߬ 
trauen gegen Vereine zurück. Tat¬ 
sächlich gehörte er sonst nur noch dem 
»KZ-Verband“ als Mitglied und der 
»Pierre Ramus-Gesellschaft“ als 
Ehrenmitglied an. 

Ferdinands wichtigstes Anliegen 
Wurde es aber in den 1960er Jahren, in 
Österreich eine eigene anarchistische 
Zeitschrift zu gründen, in der er den 
Anarchismus ganz im Sinne Pierre 
Pamus* propagieren konnte. Gewalt¬ 
freiheit und Anarchismus sind 
au stauschbare f sind völlig identische 
Begriffe, pflegte er stets zu sagen, und 
er überlegte, diese Vorstellung auch 
2um Titel oder wenigstens zum Motto 
für die zu schaffende Zeitschrift zu 
Rachen. Da das Wort ,anarchistisch 4 
ängst in Mißkredit geraten und in der 
AHtagssprache zum Synonym für »ge¬ 
walttätig* und »chaotisch 4 geworden 


war, beschloß er, an die Tradition Pierre 
Ramus 4 anzuschließen und vom »herr¬ 
schaftslosen Sozialismus 4 zu sprechen. 

(...) 

Dann kam das Jahr 1968: Für Fer¬ 
dinand war es in zweifacher Hinsicht 
ein einschneidendes Datum. Zum einen 
ging er in diesem Jahr in Rente, zum 
anderen wurde er erstmals unmittelbar 
mit Anarchos konfrontiert Oft erzählte 
er, welch ein Schock es für ihn war, als 
er vom 30. August bis 4. September als 
einer von drei österreichischen Beob¬ 
achtern (die Grazer Ferdinand Groß 
und Petko Petroff sowie der Wiener 
Johann Lahner) am legendär gewor¬ 
denen Anarchisten-Kongreß in Carrara 
erstmals persönlich die neue Anar¬ 
chistengeneration kennenlemte. Auf¬ 
treten und Inhalte der Jungen waren 
ihm fremd, und doch begeisterte ihn der 
Aktivismus, der von ihnen ausging. 
Diese Bewunderung war es auch, die 
ihn veranlaßte, auch für die Übernahme 
marxistischer Ideen durch die Anarchos 
Verständnis zu finden, wenngleich er 
solches für sich selbst zutiefst ablehnte. 
Für einen eingefleischten Anti-Mar¬ 
xisten und alten Kämpfer des Anar¬ 
chismus, dem die Opfer vom im Namen 
des Marxismus verfolgten, gequälten 
und zum Teil auch ermordeten Ge¬ 
nossinnen und Genossen bekannt waren, 
bedeutete dies einen wichtigen Schritt, 
dessen Radikalität vielen von uns Jun¬ 
gen damals wohl nicht bewußt war. 


Und noch was habe ich damals gelernt , 
erzählte er mir 1986. Carrara hat mir 
gezeigt , daß wir Alten unsere Strei¬ 
tereien begraben müssen und daß wir 
junge Menschen für die Idee gewinnen 
müssen, die dem Anarchismus neues 
Leben geben können . Solche jungen 
Menschen lernte Ferdinand 1970 ken¬ 
nen, als er sich als rühriger Propagandist 
für das — nicht zustandegekommene 
— Volksbegehren gegen das Bundes¬ 
heer einsetzte, welches der damalige 
Sozialdemokrat (heute Grüne) und Prä¬ 
siden t der Österreichischen Journa¬ 
listengewerkschaft Günther Nenning 
und seine Zeitschrift „Neues Forum“ 
initiiert hatten. Der nunmehr 62jährige 
Ferdinand ging auf die Straße und 
erlebte das beglückende Gefühl mit so 
vielen Gleichgesinnten für den Frieden 
zu demonstrieren , erzählte er mir über 
seine Teilnahme an der Großdemons¬ 
tration anläßlich des Internationalen 
Vietnam-Tages am 15. April 1970 in 
Wien. Das war etwas ganz anderes als 
damals beim Ostermarsch , meinte 
Ferdinand 1986, und er bezog sich dabei 
auf seine Teilnahme am ersten Oster¬ 
marsch in Österreich am 21. April 1963. 
Bald fand Ferdinand in Reinhard Umek 
einen jungen Kampfgefährten, mildem 
er wieder Flugschriften herstellen 
konnte. Zwischen 1972 und 1973 legten 
sie den von ihnen in Österreich vertrie¬ 
benen Exemplaren der „befreiung“ 
(Köln) insgesamt fünf verschiedene 


SF 2/98 [51] 










I; Publikationen bei. 

i Im Februar 1976 war es soweit: Die 

erste Nummer der Grazer „Befreiung“ 
erschien. Der Titel sollte die Tradition 
kennzeichnen, in der das Organ gesehen 
wurde. Es sollte an Pierre Ramus 4 
j Zeitschrift „Erkenntnis und Befreiung“ 

J (1918-1933) ebenso erinnern wie an 

' [ die „befreiung“ (1948-1970) von Willy 

l\ Huppertz. Die Übernahme der „be- 

\ | | freiung“ durch Anarchos im Oktober 

I 1970 hatte für Ferdinand das eigentliche 

« ! I Ende dieser Zeitschrift bedeutet, auch 

] | wenn er die neue „befreiung“ noch bis 

M I 1973 eifrig in Österreich vertrieb. Als 


i 


! j 
! ; 




er dann 1976 seine eigene „Befreiung“ 
begründete, sah Ferdinand darin den 
berechtigten Nachfolger der gleich¬ 
namigen Zeitung seines Genossen und 
! Freundes Willy Huppertz, dessen Tod 

am 12. März 1978 ihn tief traf. (...) 

I Ich weiß, daß vielen und gerade 

jüngeren Genossinnen und Genossen 
die Zeitschrift .antiquiert“ erschien, 
enthielt sie doch vornehmlich Wieder¬ 
abdrucke von Arbeiten Pierre Ramus“ 
aus der Zeit vor dem Nationalsozia¬ 
lismus. Darüber haben wohl manche 
übersehen, daß Ferdinand über die 
1 Propagierung der an Ramus orientierten 

Spielart des Anarchismus hinaus stets 
aktuelle Themen aufgriff. Es waren 

unzählige Aktionen, an denen Ferdinand 
mitwirkte, weshalb nur zentrale heraus- 
j gegriffen seien. Seit Mitte der 1970er 

j 

| 

! [ 52 ] SF 2/98 



Jahre engagierte er sich gegen die soge¬ 
nannte »friedliche* Nutzung der Atom¬ 
energie, gipfelnd in der erfolgreichen 
Volksabstimmung vom November 1978 
gegen die Inbetriebnahme des Atom¬ 
kraftwerks Zwentendorf. 1981 war er 
für die „Initiative zur Abschaffung des 
Bundesheeres“ tätig, für die er auch 
eigene Flugblätter druckte und Unter¬ 
schriften sammelte. In den Jahren 1984 
und 1985 kämpfte er gegen den Ankauf 
von Abfangjägern vom Typ Draken für 
das österreichische Bundesheers, was 
im Dezember 1985 im gesamtöster¬ 
reichischen „Anti-Draken-Volksbegeh¬ 
ren“ und im März 1986 im steirischen 
„Anti-Draken-Volksbegehren“ kul¬ 
minierte. Natürlich fehlte Ferdinand 
auch nicht bei den großen Demon¬ 
strationen gegen die Stationierung der 
dann doch angekauften Abfangjäger in 
Graz-Thalerhof und im obersteirischen 
Zeltweg 1987. Besonders hervorge¬ 
hoben sei sein Kampf gegen Kurt Wald¬ 
heim als Bundespräsident im Jahr 1988. 
Vor allem in den Jahren 1990 und 1991 
führte er seinen Kampf gegen den 
Beitritt Österreichs zum „Europäischen 
Wirtschaftsraum“. Dieser Kampf gegen 
die „Europäische Union“, in der er den 
Sieg des Kapitals und des politischen 
Zentralismus sah, setzte er bis zur 
Volksabstimmung im Juni 1994 und 
zum Beitritt Österreichs mit Anfang 
1995 fort. 1990 bis 1992 engagierte er 
sich in der Initiative „Österreich ohne 
Heer“. 1991 und 1992 setzte er sich für 
die Abschaffung der Gewissensprüf ung 
für Zivildiener ein; dies verstand er 
aber nur als eine weniger bedeutsame 
Variante, wie er meinte, seines grund¬ 
sätzlichen Antimilitarismus. Diesen 
propagierte er während der beiden 
letzten Jahrzehnte auch im Rahmen der 
Grazer „Friedenswerkstatt“ und der 
1976 gegründeten „ARGE für Kriegs¬ 
dienstverweigerung und Gewaltfrei¬ 
heit“, deren Organ „friedolin. Zeitschrift 
für Kriegsdienstverweigerung und 
Gewaltfreiheit“ übrigens in den Jahren 
1992 bis 1994 mit der Druckmaschine 
von Ferdinand hergestellt wurde. Noch 
im Sommer 1997, als er sich entschloß, 
seine „Befreiung“ mit Jahresende ein¬ 
zustellen, entwarf erden neuen Titelkopf 
des „friedolin“, in welchem seine eigene 
Zeitschrift weiterlebcn sollte: Friedolin 
und Befreiung. Organ des herrschafts¬ 
losen Sozialismus, für Kriegsdienst¬ 
verweigerung und Gewaltlosigkeit, für 


soziale und geistige Neukultur im Sinne 
des Friedens, der individuellen Selbst¬ 
bestimmung; für freie Menschen und 
solche , die es werden wollen. Die Um¬ 
setzung dieses Planes legte er in die 
Hände des friedolin-Redakteurs Paul 
Friedrich,denerum 1988kennengelemt 
und mit dem er sich in den letzten 
Jahren angefreundet hatte. Wie wenig 
Ferdinand kampfesmüde war, zeigtauch 
seine Teilnahme an der großen Demon¬ 
stration gegen die Militärparade anlä߬ 
lich des Nationalfeiertags in Wien im 
Oktober 1995 undan der „Peace Parade“ 
in Graz im Oktober 1996. Selbst 1997 
focht der fast 90jährige noch im Rahmen 
des gleichnamigen Volksbegehrens 
gegen die Gentechnik und engagierte 
sich für das Zustandekommen der so¬ 
genannten Wehrmachtsausstellung, 
„Vernichtungskrieg, Verbrechen der 
Wehrmacht 1941-1944“, in Graz, die 
dann vom 1. Dezember 1997 bis 11. 
Jänner 1998 auch stattfand. Schließlich 
sei noch daraufhingewiesen, daß es seit 
Ende der 1950er Jahre wohl kaum eine 
Wahl auf Gemeinde-, Landes- wie 
Bundesebene in Graz gab, bei der er 
nicht heftig gegen Wahlschwindel und 
Stimmenfang zu Felde gezogen ist. In 
den letzten Jahren verstärkte sich auch 
sein Interesse an der libertären Pädago¬ 
gik und Psychologie; der wiederholte 
Abdruck neuerer Schriften von Gerda 
Fellay, die er 1993 kennenlemte und 
mit der er sich geistig eng verbunden 
fühlte, legen davon beredtes Zeugnis 
ab. Aber im Zentrum seiner.Zeitschrift 
stand das Werk Pierre Ramus*, um 
dessen Wiederabdruck er sich — und 
die Zeitschrift hatte immerhin eine 
Auflage zwischen 1.200 und 1.500 
Stück — unablässig bemühte. 







»Wenn Ihr für den 
libertären Geist seid, dann] 
beseitigt die Angst« 

I 

von Roland Kauf hold 


Gelegentlich müssen 60 Jahre vergehen, 
bis eine bemerkenswerte Schrift in 
ihrem “Ursprungsland” erstmals zu¬ 
gänglich wird. Bei diesem schönen, 
reich bebilderten Büchlein ist dies so. 
Die Ursache hierfür ist, wie so häufig, 
in unserer gewalttätigen Vergangenheit 
zu suchen. Was von den Nazis entwur¬ 
zelt, vertrieben, ausgelöscht wurde, wird 
zwei Generationen später von einer 
engagierten “Nachgeborenen” (Brecht) 
ausgegraben, übersetzt und als Buch 
vorgelegt. Hierzu nun Näheres: 

Etta Federn, 1883 ais jüngste Tochter 
eines Arztes und einer Frauenrechtlerin 
in Wien geboren, gehörte zum assimi¬ 
lierten jüdischen Bürgertum Öster¬ 
reichs. Einer ihrer fünf Geschwister war 
derengeFreud-MitarbeiterPaulFedem, 
Vater des Psychoanalytikers und mu¬ 
tigen Antifaschisten Ernst Federn. Etta 
Federn verließ früh ihre Familie, ging 
22jährig nach Berlin, veröffentlichte ab 
1906Biographien, Essays,Gedichteund g 
Übersetzungen und verkehrte im anar- >>’ 
chistisch-libertären Milieu um Rudolf / 
Rocker. Ihre Biographien über Goethes i 
Frau Christiane sowie über den liifesg 

ralen.demokratischenPolitikerWalther | 
Rathenau, 1927 veröffentlicht, waren j 
literarische Erfolge. Sie brachten ihr 
Ansehen, aber auch antisemitische » 
Einschüchterungen ein, die bis hin zu 
konkreten Morddrohungen reichten. 
1932mußte sie nach Spanien emigrieren v 
und engagierte sich sogleich bei der 
anarchosyndikalistischen Frauenorga¬ 
nisation Mujeres Libres als Pädagogin 
und Literatin. Diese akti vistische Orga¬ 
nisation hatte 1939 20.000 Mitglieder. 
Ihre Bedeutung muß im Kontext der 
breiten anarchosyndikalistischen Be¬ 
wegung gelesen werden, die, wie 

Marianne Kröger in ihrem Nachwort in 

komprimierter Form nachzeichnet, tief 
in der demokratischen, antifaschisti 
sehen Bewegung Spaniens v 
war. Sie gilt für viele bis 
Modell für die enge Verschränkung 
zwischen individuellen und 
schaftlichen Emi 
bungen. 

1938, während des § 


Bürgerkrieges, veröffentlichte Etta 
Federn im Verlag der Frauenbewegung 
die Broschüre “Mujeres de las revo- 
Tueiones”. Diese Schrift, die Marianne 
Kröger im vorliegenden Buch erstmals 
übersetzt undkommentiert hat, richtete 
sich vorwiegend an die spannischen 
Frauen, denen der Zugang zur Allge¬ 
meinbildung weitgehend versperrt 
geblieben war. Ihre Broschüre; inten¬ 
dierte in Form eines historischen Rück¬ 
blickes auf 12 couragierte, unabhängige 
Frauen eine Frauengeschichtsschrei¬ 
bung. Diese 12 Frauen (u.a. Ellen Key, 
RosaLuxemburg, AngelicaBalabanoff, 
Alexandra Kollontai und IsadoraDun- 
can), exemplarisch als Leitfiguren einer 
libertären Gesinnung zu lesen, werden 
in persönlich gehaltenen Kurzbiogra¬ 
phien porträtiert. Diese knappen Skiz¬ 
zen, mit insgesam 148 Photos großzügig 
bebildert, sind auch heute noch mit 
Genuß zu lesen. Zur Vertiefung werden 
irt einem Anhang ausführliche Litera¬ 
turhinweise zu den porträtierten Frauen 
sowie zu Etta Fedems Leben und Werk 
dargeboten. Weiterhin werden zwei 
pädagogische Texte sowie ein Gedicht 
von Etta Federn erstmals veröffen tlicht, 
die diese 1937 und 1938 in der Zeit- 

schrift“MujeresLibres”publiziert hatte: 

“Beseitigt die Angst”, “Neues Leben” 


rendit^I^ 

^r^^zu^e^lefenden.his'torischdjio- 

rife knlturrevolutionären, 
^ ^B^| tati)rischen Bemühungen Etta 
folgende Passage aus 
.“Beseitigt die Angst” stehen, in der sie 

neuen Lebenssituation im spanischen 
Exil unmittelbar verknüpft: 

“Walther Räthenau, der von den 
früheren “Nazis” ermordete deutsche 
Minister - “frühere Nazis”, weil das 
noch zu einen» Zeitpunkt war* bevor 
Hitler seine berüchtigte Antithese des 
“Natioalsozialisrhus” erfunden hatte -, 
sagteinmal: “wirseine Kinderin Furcht 
erzieht, und sei es in der Furcht vor 
Gott, begehteine unverzeihliche Sünde 


Freiheit, weshalb er dann auch von den 
Faschisten umgebracht wurde. ... Die 
echte Demokratie, die wir auf sozialem 
Gebiet anstreben, müssen wir vorher 
bereits im Familienleben verwirklichen. 
Ein Kind, das daran gewöhnt ist zu 
überzeugen und sich von anderen über¬ 
zeugen lassen, wird später im sozialen 
Bereich nie danach trachten, anderen 
zu befehlen oder ihnen etwas aufzu¬ 
zwingen. Aus diesem Grund wiederhole 
ich Rathenaus Gedanken, nur mit 
anderen Worten: Liebe Eltern, wenn 
ihr für die Revolution seid und für den 
libertären Geist, dann beseitigt die 
Angst, die Strafe und die Drohung aus 
euren Häusern, aus euren Familien und 
aus der Erziehung eurer Kinder. Macht 
aus ihnen wertvolle Menschen, Men¬ 
schen ohne Angst, freie Menschen.” 
(S.102) 

Einige kurze biographische Daten zu 
Etta Federn seien erwähnt: 1938 floh 
die 55jährige aufgrund der massiven 
Bombardierung Barcelonas nach Paris. 
Gemeinsam mit ihren beiden Söhnen 
schloß sie sich der Resistance an und 
überlebtein einem Versteck.Einerihrer 
Söhne kam 1944 bei einem Gefecht 
ums Leben., 1951 verstarb sie in Paris, 
nachdem siezuvor noch alsMutter eines 
verstorbenen Resistancekämpfers vom 
französischen Staatgeehrt worden war. 

Der heute 83jährigeEmstFedem be¬ 
merkt in seinem Vorwort zu “Etta Fe¬ 
dern; Revolutionär auf ihre Art": 

“Etta Federn entsprang einer an die 
bürgerliche Gesellschaft angepaßten 
jüdischen Familie, die versuch t hat, sich 
völlig zu assimilieren; teils durch Taufe, 
teils durch Aufgeben alles jüdischen 
Verhaltens. (...) Diese Assimilations¬ 
bewegung war in Berlin und Wien um 
die Jahrhundertwende und nach dem 
l.Weltkrieg sehr stark, verloraberdurch 
Hitlers Machtergreifung ihre historische 
Bedeutung. Etta Federn lebte diese 
Assimilierung, hatte nie Geld und wurde 
von reichen Verwandten in den Verei¬ 
nigten Staaten zeit ihres Lebens unter¬ 
stützt. Als ihr jüngster Neffe freue ich 
mich sehr, daß ihr Name heute der Ver¬ 
gangenheit wieder entrissen wird.” (S. 












1. Die 200 weltgrößten Konzerne pro¬ 

duzieren ein Viertel desWeltbrutto¬ 
sozialprodukts; in den USA produ¬ 
zieren die Fortune500, die 500 grö¬ 
ßten US-amerikanischen Konzerne 
knapp zwei Drittel des BSP. Der 
größte bundesdeutsche Konzern, 
Daimler-Benz, hat ganz alleine ei¬ 
nen Anteil von 3 Prozent an der 
deutschen Produktion. Es sind Zah¬ 
len wie diese, die inForrestersBuch 
zwar nicht explizit genannt werden, 
sehr wohl aber im Hintergrund ste¬ 
hen. 

2. Diese Konzerne mit ihrer zuneh¬ 
mend zentralisierten Monopolisie¬ 
rung der Weltwirtschaft, nicht die 
nationalen Regierungen selbst gro¬ 
ßer Staaten sind heute die wahren 
Machthaber, die auch die Inhalte 
der Politik bestimmen. Unabhängig 
von der scharfen Konkurrenz, in der 
sie zueinander stehen, haben sie 
längst ihre internationalen Organi¬ 
sationen wie Weltbank, den Inter¬ 
nationalen Währungsfonds (IWF), 
die Welthandelsorganisation WTO 
(früher GATT), die Treffen der 
mächtigsten Industrieländer G7 
usw. Die gegenwärtige weltweite 
Offensive für die „Verbesserung des 
Investitionsklimas“, die sich Neo¬ 
liberalismus nennt, ist das Ergebnis 
eines hochgradig bewußten Klas¬ 
senkampfs, der von diesen Konzer¬ 
nen, ihren Managern und Sprechern 
in der Wissenschaft, nicht zuletzt 
auch von den Politikern von rechts 
bis „links“ geführt wird. 

3. Forrester geht, meines Erachtens zu 
Recht, davon aus, daß diese Situa¬ 
tion, zusammen mit der enorm 
gestiegenen Produküvitätder Arbeit 
durch die moderne Herstellungs¬ 
und Kommunikationstechnologie 
international zu einem unwider¬ 
ruflichen Verschwinden der Er¬ 
werbsarbeit führt. In den auf der 
politischen Ebene geführten Debat¬ 
ten um Programme zur Senkung der 
Arbeitslosigkeit (Steuerreformen, 


staatliche Subventionen etc.) sieht 
sie wenig mehr als propagandi¬ 
stische Manöver, die von dieser 
einen wesentliche Tatsache ablen¬ 
ken sollen. 

4. Aber das weltumspannende kapita¬ 
listische Wirtschaftssystem, das die 
ArbeitderMenschen und damitauch 
die Menschen in wachsendem Maß 
als überflüssig ausspuckt, ist zu¬ 
gleich auch das einzige System, das 
alle anderen Systeme neben sich 
aufgesaugt hat. Es sitzt derzeit so 
fest im Sattel, daß auch seine kul¬ 
turellen, moralischen und sozialen 
Werte die unangefochten vorherr¬ 
schenden Werte sind. (Keine ganz 
neue Idee: „Die Gedanken der herr¬ 
schenden Klasse sind zugleich auch 
die herrschenden Gedanken.“ 
[Marx]). 

5. IndieserSituation,inderdasSystem 
und seine Nutznießer die Menschen 
nicht mehr brauchen, bei einer welt¬ 
weiten Arbeitslosigkeit von (je nach 
Meßkriterien) 20 - 30% und einer 
europaweiten Arbeitslosigkeit (wie¬ 
derum je nach Meßkriterien) von 8 
- 15%, die beide zudem immer 
weiter ansteigen, wird aber dennoch 
an einem Wert eisern festgehalten. 
Und dabei handelt es sich letztlich 
um die alte Maxime: „Wer nicht 
arbeitet, soll auch nicht essen.“ Es 
ist dieser Widerspruch, auf den 
Forrester mit ihren Kommentaren 
und Analysen durch das ganze Buch 
hindurch immer wieder ein grelles 
Licht wirft. 

6. Vor diesem Hintergrund ist der hef¬ 
tige und konzentrierte Angriff auf 
die Sozialleistungen für die vom 
System Ausgestoßenen zu sehen. 
Wie auch Noam Chomsky in seinen 
letzten Büchern hervorhebt, geht es 
hierbei letztlich um das Recht auf 
Leben; die Menschen, die das Sy¬ 
stem nicht mehr braucht, werden 
dann aus diesem Grund als wertlos 
definiert. Sozialleistungen, Arbeits¬ 
losengeld etc. werden als Peitsche 


gebraucht, um sie in einen Arbeits¬ 
prozeß wieder hineinzustoßen, der 
sie soeben ausgespuckt hat und in 
den sie sich nur um den Preis, 
wirkliche Proletarier zu werden, 
wieder integrieren können. Nicht 
umsonst wird jetzt allenthalben das 
amerikanische Modell zur „Be¬ 
seitigung“ der Arbeitslosigkeit ge¬ 
priesen; indenUS Aist der Anspruch 
auf Sozialhilfe inzwischen auf 5 
Jahre im ganzen Leben des Empfän¬ 
gers gesenkt worden. 

7. Parallel dazu werden die Institutio¬ 
nen für die ausgebaut, die endgültig 
das sind, was Forrester als „die Aus¬ 
gestoßenen der Vorstädte“ (in den 
USA sind es die Ausgestoßenen der 
Inner Cities) bezeichnet. Die Krimi¬ 
nalität wird zum Staatsfeind Num¬ 
mer eins aufgebaut, das Gefängnis 
wird zum Ort für die, denen Kon¬ 
zemmanager und Politiker keine 
Perspektive mehr anbieten können 
und mit denen sie nichts mehr zu tun 
haben wollen. Daher Kanthers 
Bestrebungen, etwa das Jugendstraf¬ 
recht zu durchlöchem und abzu¬ 
schaffen, daher der Import ameri¬ 
kanischer Polizeistaatsmodelle, 
daher die Kommentare in der Bild- 
Zeitung wie „Dreck bleibt eben 
Dreck. Verbrecher bleibt Verbre¬ 
cher.“, die in dieser Offenheit selbst 
an dieser Stelle schon lange nicht 
mehr gefallen waren. 

Zu den Konsequenzen dieser als 
Verbrechensbekämpfung ausgege¬ 
benen Repression gehören Phäno¬ 
mene wie die Verdreifachung der 
Gefängnisbevölkerrungin den USA 
in den letzten 15 Jahren; dort sitzen 
jetzt 1,5 Millionen Menschen in 
Gefängnissen, ein höherer Prozent¬ 
satz der Bevölkerung als im sow¬ 
jetischen Gulag unter Breschnjew. 

I. Zentrales Anliegen des Buchs von 
Forrester scheint mir der Versuch, 
auf diese moderne Form des Klas¬ 
senwiderspruchs aufmerksam zu 
machen: die Herrschenden führen 
nicht nur einen systematischen An¬ 
griff auf das Lebensniveau derer, 
die in Abhängigkeit von ihnen ar¬ 
beiten, sondern es wird mehr und 
mehr zum Luxus, überhaupt noch in 
dieser Abhängigkeit arbeiten zu 
dürfen . 

Auch wenn ihre Parteinahme klar 
ist, eine Lösung schlägt Forrester 


[ 54 ] SF 2/9 8 










nicht vor. Ihr Buch ist zunächst ein¬ 
mal eine empörte Feststellung der 
Fakten; sie will zeigen, worauf sich 
der Blick der Opfer der neoliberalen 
Offensive richten muß, was sie ge¬ 
schrieben hat, kann als ein Aufschrei 
der Wut gegen die Propaganda der 
modernen Version der kapitalisti¬ 
schen Werte durch Politik und Me¬ 
dien gelesen werden. 

. Offensichtlich ein Aufschrei, auf 
den viele Menschen gewartet haben. 
In Frankreich verkaufte sich das 
Buch innerhalb eines Jahres in 
350.000 Exemplaren und wird auf 
Gewerkschaftsdemonstrationen in 
die Kameras geschwenkt; es ist, 
glaube ich, in neun Sprachen über¬ 
setzt worden, während in Deutsch¬ 
land das Buch von Hans-Peter Mar¬ 
tin und Harald Schumann Die Glo¬ 
balisierungsfalle. Der Angriff auf 
Demokratie und Wohlstand zum 
Bestseller geworden ist. 

Ich denke, daß die Leute in diesen 
Büchern das suchen, was sie in den 
Zeitungen und sonstigen Medien 
nicht odernur selten finden (letztere 
Einschränkung ist wichtig; es gibt 
sehr wohl die entsprechenden Arti¬ 
kel im S/^ge/oderanandererStelle; 
es gibt aber kein einziges Massen¬ 
medium, das konsistent und zusam¬ 
menhängend Standpunkte vertritt, 
die an die diagnostische Radikalität 
etwa von Forresters Buch herankä¬ 
men). 

Der Erfolg von B üchem wie den ge¬ 
nannten zeigt m.E., daß es sehr wohl 
ein starkes Bedürfnis gibt, ein zu¬ 
treffendes Bild der gesellschaftli¬ 
chen Realität und der sozialen 
Mechanismen, die diese Realität er¬ 
zeugen, zu gewinnen. 

10. Die Leute reden vom Staat, von der 
Raffgier der Beamten, der Steuer¬ 
reform und der Kriminalität, aber 
von einem reden sienicht: der Macht 
der Banken, Konzerne und Gro߬ 
unternehmen, dieesanzugreifen und 
zu beseitigen gilt, wenn man die 
Rechte der Menschen schützen, 
wiederherstellen und erweitern will. 
Mit den Angriffen auf korrupte, 
lügenhafte und angeblich ohnmäch¬ 
tige Politiker, mit der Geißelung 
von Beamtenprivilegien und des un¬ 
fähigen und inkompetenten Agie- 
f ens des Staatsapparats können die 
Fortune 500 , von denen ich oben 


sprach, hervorragend leben, auch 
und obwohl eben dieser Staats¬ 
apparat letztlich in erster Linie von 
ihnen dirigiert wird. Hauptsache für 
sie ist, daß ihre Kontrolle über Res¬ 
sourcen, Kapitalströme, Produk¬ 
tionszentren, Ländereien sowie das 
Profitprinzip, nach dem sie wirt¬ 
schaften, nicht in Frage gestellt 
werden. 

1L Es ist aber genau dieser Punkt, an 
dem meines Erachtens heute die 
Hauptaufgabe von Anarchisten und 
libertär gesinnten Menschen aller 
Schattierungen liegt. Libertäre soll¬ 
ten es als ihre Aufgabe verstehen, 


und was sie im Leben der Menschen 
anrichten, und sie müssen an dem 
Punkt weitergehen, wo Forrester in 
ihrem Buch haltmacht. Sie müssen 
zeigen, daß diese Institutionen nicht 
nur schädlich, sondern überflüssig 
sind, daß und wie andere, demo¬ 
kratische Institutionen an ihre S teile 
treten können. Sie müssen zeigen, 
daß und wie die moderne Techno¬ 
logie, die alle Menschen von Mühsal 
undPIackerei befreien könnte, durch 
die Mechanismen der Profitwirt¬ 
schaft und den systematischen Ge¬ 
brauch, den dieprivaten Machtkon¬ 
zentrationen von ihrer gigantischen 



Foto: Jean Marc Dellac 

für die Beseitigung illegitimer 
Macht in allen ihren Formen einzu¬ 
treten. Und die „tyrannischen 
Machtkonzentrationen“ des Privat¬ 
kapitals, die trotz ihrer heftigen 
Rivalität untereinander in extremer 
Uniformität handeln, wenn es darum 
geht, den Rest der Welt ihren Zwe¬ 
cken zu unterwerfen, sind wich¬ 
tigsten und bedeutsamsten illegiti¬ 
men Machtinstitutionen in der Welt 
von heute. 

Anarchisten und Libertäre müssen 
gegenwärtig genau das tun, was 
Politiker und Medien systematisch 
nicht tun. Sie müssen zeigen, wie 
diese Institutionen konkret agieren 


Machtmachen, für die Mehrheit der 
Menschen zum Fluch wird. 

12. Wenn Anarchisten heute für ihr Ziel 
der Erweiterung individueller und 
sozialer Freiheit eintreten wollen, 
müssen sie das in erster Linie tun, 
indem sie der Propaganda kapita¬ 
listischer Werte durch die Konzerne, 
die offizielle Politik und die Medien 
entgegentreten. Ich denke daher 
auch, daß die manchmal gestellte 
Frage „Sollen Anarchisten den 
Sozialstaat verteidigen?“ sich von 
selbst beantwortet. Fraglos müssen 
sie es, wenn sich die zwischen der 
abstrakten Idee des Anarchismus 
und der sozialen Realität der Men¬ 
schen bisher ohnehin noch beste- 




SF 2/98 [ 55 ] 





hende Kluft nicht zum Abgrund 
vertiefen soll. 

Der Staat, den natürlich alle Anarchi¬ 
sten sehr zu Recht gerne verschwin¬ 
den sehen wollen, ist neben seinen 
unterdrückerischen Eigenschaften 
gegenwärtig (zumindest in den 
demokratischen Gesellschaften) 
zweierlei. Er ist die einzige wichtige 
Machtinstitution, auf den die Be¬ 
völkerung direkten Einfluß nehmen 
kann, und er ist die Institution, die 
die Macht hat, die brutalsten Formen 
sozialer Ungleichheit abzumildem 
und, unter günstigen Bedingungen 
(d.h M bei Bestehen eines Klassen¬ 
kampfes von unten), zurückzu¬ 
drängen. 

Ich meine daher, daß wir gegen¬ 
wärtig für die Verteidigung und 
Erweiterung derjenigen Funktionen 
des Staates eintreten müssen, die 
Ausdruck eines hart erkämpften 
sozialen Kompromisses sind, für 
eine Verteidigung und Erweiterung 
der staatlichen Regulierungen, die 
der Allmacht der privatkapitali¬ 
stischen Tyranneien Beschränkun¬ 
gen auferlegen, sowie für die Vertei¬ 
digung und Erweiterung der demo¬ 
kratischen Rechte und Institutionen, 
die im Staat bereits vorhanden und 
der Bevölkerung in aller Regel eben¬ 
falls nicht geschenkt worden sind. 
Hierbei sollten Anarchisten sich 
zugleich immer von ihrem prinzi¬ 
piellen Ziel leite lassen, der Auf¬ 
hebung illegitimer Macht. „Der 
Staat ist der große Schatten, den die 
Geschäftswelt über die Gesellschaft 
wirft, und auch die Verminderung 
dieses Schattens ändert an dieser 
Tatsache nichts,“ schrieb der liber¬ 
täre Gesellschaftstheoretiker John 
Dewey in den dreißiger Jahren über 
die Situation in der kapitalistischen 
Gesellschaft. Die Verminderung 
und Beseitigung dieses Schattens 
und der Kampf um die Einschrän¬ 
kung der Macht, den Abbau und die 
schließliche Beseitigung der heu¬ 
tigen Hauptquelle dieses Schattens 
gehören also gerade in der jetzigen 
Situation untrennbar zusammen. 


von Michael Schiff mann 



Die Zeiten, wo bei jeder größeren De¬ 
monstration ein autonomer Block für 
Schlagzeilen sorgte sind längst vorbei. 
Selbst der l.Mai in Berlin macht eher 
durch innerlinke Streitereien als durch 
autonome Militanz von sich reden. Im 
Szenejargon wird schon von den Ex- 
Autonomen gesprochen. Zeiten der Be¬ 
wegungsflaute sind Zeiten der Refle¬ 
xion. So nahmen sich im letzten Jahr 
drei Autonome Zeit, Bücher über ihre 
Bewegung zu verfassen. Geronimo aus 
Berlin, Thomas Schultze und Almut 
Gross aus Hamburg. 

Die beiden Diplompädagoglnnen 
Gross und Schultze, die eine gekürzte 
Version ihrer Diplomarbeit als Buch 
herausgebracht haben, begeben sich auf 
das Feld der Soziologie und verorten 
die Autonomen bei den Neuen Sozialen 
Bewegungen (NSB), die als Ergebnis 
der Krise des fordistischen Wohlfahrts¬ 
und Sicherheitsstaat in den 70er Jahren 
entstanden sind. Anders als in der Ar¬ 
beiterinnenbewegung fehlt die kolle¬ 
ktive Mobilisierungsfähigkeit, die sich 
aus einer gemeinsamen sozialen Situa¬ 
tion ergibt. Dafür tritt die individuelle 
Mobilisierungsfähigkeit durch morali¬ 
sches Bewußtsein in den Mittelpunkt. 
Die Trägerinnen der Proteste kommen 
überwiegend aus dem Mittelstand. Aus 
den Durchmischungsprozeßen derNSB 
Ende der 70er Jahre formierten sich 
deren radikale Kerne zur autonomen 
Bewegung. Als ein direkter Vorläufer 
der Autonomen werden die Spontis und 
Basisgrüpplerlnnen der 70er Jahre be¬ 
nannt, die sich als Gegengewicht zu 
den damals nicht unbedeutenden K- 
Gruppen verstanden haben. Das Kon¬ 
kurrenzverhältnis setzte sich Ende der 
70er Jahre dann als Machtkampf bei 
den Grünen fort. Führende Köpfe aus 
der Sponti-HochburgRhein-Main-Ge- 
biet hatten bald die Nase vom und dem¬ 
nächst könnte mit Joschka Fischer 
vielleicht sogar ein Autonomer der 
ersten Stunde Bundesminister werden. 
Er hatte in seiner militanten Phase noch 
gute Kontakte zu den Namensgebem 


der Autonomen, die den Meisten, die 
sich heute als solche verstehen, nicht 
mal mehr bekannt sind. Der Autonomia 
Operaia (Arbeiterautonomie) in Italien, 
in der sich seit Ende der 60er Jahre Zig¬ 
tausende Arbeiterinnen und Student¬ 
innen organisierten. Streiks, Sabotage 
und militante Aktionen waren ihre 
Mittel, eine Mischung aus Rätekom¬ 
munismus und Anarchosyndikalismus 
ihr Ziel. Während der Schwerpunkt der 
autonomen Bewegung in Italien auf 
dem Produktionsbereich lag, war es in 
der BRD der Reproduktionsbereich. Der 
enorme Einfluß der “italienischen Con¬ 
nection” auf die BRD-Linke zeigt sich 
auch daran, daß gleich zweimal eine 
Theoriezeitschrift mit dem Namen 
Autonomie erschienen ist. Während sich 
die 'Autonomie-Alte Folge' in den 70er 
Jahren hauptsächlich mit Berichten über 
die Kämpfe in Italien befaßte, war es 
Ziel der' Autonomie - Neue Folge die 
Erfahrungen dieser Kämpfe einer neuen 
Politgeneration in den 80er Jahren zu 
vermitteln. Doch die ausgeprägte 
Theoriefeindlichkeit der damaligen 
Szene führte nach 14 Folgen zur Ein¬ 
stellung des Zeitungsprojekts. Auch 
die ' Karlsruher Stadtzeitung', die sich 
später in Wildcat umbenannte, scheiterte 
mit ihrem Versuch durch den Aufbau 
einer Jobberinnenbewegung nach ita¬ 
lienischen Vorbild in den Produktions¬ 
sektor zu intervenieren. Die Autorinnen 
räumen den beiden Publikationen viel 
Raum ein. Die Radikal hingegen wird 
nur kurz erwähnt. Dieses heute bekann¬ 
teste autonome Publikationsorgan trat 
1976 im Zeichen des historischen Ma¬ 
terialismus an. Eine der Kuriositäten 
auf die die Autorinnen beim Streifzug 
durch die autonome Bewegung gestos- 
sen sind. 

Almut Gross beschäftigt sich mit der 
autonomen Frauenbewegung. Ihr Auto¬ 
nomiebegriff leitet sich nicht von der 
Autonomia Operaia ab sondern soll ihre 
Unabhängigkeit von Parteien, Staat und 
anderen Großorganisationen ausdrüc- 
ken. 


[ 56 ] SF 2/98 








Der Triple-Oppression-Ansatz, der 
Kapitalismus, Rassismus und Patriar¬ 
chat als eigenständige Un terdrückungs- 
verhältnisse definiert, wird von den 
Autorinnen positiv rezipiert. Die Dis¬ 
kursbausteine von Triple-Oppression 
kommen hauptsächlich aus feministi¬ 
schen, antirassistischen aber auch links¬ 
kommunistischen Zusammenhängen. 
Leider sind die Autorinnen nicht auf 
die Rezeption von Judith Butler in auto¬ 
nomen und feministischen Zusammen¬ 
hängen eingegangen. Dabei ist der De- 
konstruktivismus nicht nur bei "exauto¬ 
nomen” Verfasserinnen des schon er¬ 
wähnten Paul und Paula-Papiers in aller 
Munde. 

Der Rückzug vieler Aktivistinnen ins 
Private oder in die berufliche Karriere, 
die Schwierigkeiten, neue Mitstreiter¬ 
innen zu gewinnen und eine verbreitete 
Perspektivlosigkeit ist den gemischten 
autonomen Zusammenhängen und der 
autonomen Frauenbewegung heute ge¬ 
meinsam. So bleibt Schultze/Gross am 
Schluß ein pessimistischer Ausblick: 
“Es gibt heute, im Hinblick auf Ras¬ 
sismus, Sexismus , Sozialabbau und 
organisierten Faschismus weiterrei¬ 
chende gesellschaftliche Verände- 
r ungen als 1980181 zur ‘Hochzeit ’ der 
autonomen Bewegung, auf die reagiert 
werden müßte. Allein, es fehlt an Akti¬ 
visten, und eine offensive Bewegung 
kommt heute nicht zustande.” 

Dem kann sicher auch der Autor von 
Glut c&Asc/ie zustimmen, der unter dem 
Pseudonym Geronimo schon 1990 und 
1992 autonome Geschichtsbücher "im 
Handgemenge” geschrieben hat, als 
Aktivist der Bewegung für die Bewe¬ 
gung. Bei dem Abschlußband seiner 
autonomen Geschichtstrilogie hat sich 
seine Position allerdings verändert, wie 

die Leserinnen wissen läßt. "Ich chan¬ 
giere zunehmend seltener zwischen 
einer Täter - Zuschauer - Opferrolle, 
hin immerhäufiger das mittlere...” Seine 
Zuschauerrolle versteht Geronimo aber 
uicht als passiv. "Gemessen an meinen 
eigentlichen zwischenzeitlich erreichten 
Ansprüchen aber auch Bedürfnissen ist 
es unvermeidlich, die dadurch ‘poli- 
tisch-gesetzten Grenzen* wahlweise 
auszulachen oder sie mit Leidenschaft 
“ mit aller Respektlosigkeit, und vor 
allem mit allen meinen intellektuellen 
Fähigkeiten - anzugreifen.” Geronimo 
ist hier durchaus der Prototyp vieler 
Autonomer, die das 3.Lebensjahrzehnt 
überschritten und ihre Ausbildung 


abgeschlossen haben. Nicht nur auf dem 
kulturellen und kulinarischen Gebiet 
haben sich die Ansprüche geändert und 
Herr Frau (ex)-Autonom wissen, daß 
ihnen diese Gesellschaft noch manches 
bietet. "Ich schreibe als jemand, der in 
Gegenwart und Zukunft versucht, sich 
immer alle Türen offen zu halten '. Kein 
Wunder, daß sich Geronimo nicht mehr 
hinter einem Pseudonym verstecken 
will. Schließlich hilft es ja auch dem 
beruflichen und persönlichen Fortkom¬ 
men, wenn man sich als Autor von drei 
nicht gerade erfolglosen Büchern outet. 

In den Zitaten aus Geronimos Vorwort 
wird seine subjektivistische Herange¬ 
hensweise deutlich, die sich das gesamte 
B uch durchzieht. Lob und Tadel werden 
nicht nach inhaltlichen Kriterien son- 


Foto: Jean Marc Dellac 

dem nach Sympathie verteilt. Besonders 
plastisch wird das bei seiner Beschrei¬ 
bung der Konflikte zwischen traditio¬ 
nellen "Revomaps” und autonomen 
"AutomapI”, so die Kürzel der beiden 
Vorbereitungsplenas der 1 .Maidemon¬ 
stration in Berlin. 

Die Anti-OIympia-Kampagne, in die 
Geronimo selber involviert war, wird 
hochgelobt. Alle anderen Ansätze wer¬ 
den niedergemacht, ob es sich um anti¬ 
imperialistische Politik, Antifa-Orga¬ 
nisierung oder die Selbstorganisierung 
von Migrantlnnen oder Feministinnen 
handelt. 


“Das sich selbst als Migrantlnnen- 
gruppe bezeichnende Caf6 Morgen¬ 
land” aus Frankfurt/M. konfrontierte 
nach den pogromartigen Auseinander¬ 
setzungen von Hoyerswerda, Rostock 
etc. die ‘deutscheLinke* mitder Selbst¬ 
verständlichkeit, daß sie sich im Gegen¬ 
satz zu den Migrantlnnen einfach ins 
Privatleben zurückziehen können, wenn 
sie keinen Bock auf politische Arbeit 
mehr haben. Für Geronimo ist diese 
Aussage "Unfug”, "geradezu makaber”, 
"maßlos”, “einer direkten Erwiderung 
nicht wert”. Keinen Gedanken ver¬ 
schwendet er daran, daß diese Aussage 
vielleicht im Zusammenhang mit dem 
eliminatorischen Antisemitismus des 
NS steht, m it dem sich die Genossinnen 
vom ‘Cafe Morgenland’ gründlich 


auseinandergesetzt haben. Während aus 
Korn munisten in wenigen Monaten SA- 
Männer werden konnten, war der 
jüdische Deutschnationale vor der 
Shoah nicht sicher. Und ist es nicht 
legitim, daran in einer Zeit zu erinnern, 
wo dem Pogrommob Migrantlnnen zum 
Opfer gefallen sind, nur weil sie Nicht¬ 
deutsche waren, während viele Linken 
von der Flucht aus der Politik sprechen. 

Ebenso ignorant zeigt sich Geronimo 
gegenüber der "sogenannten anti¬ 
sexistischen Politik”. Feministische 
Zusammenhänge aus Hamburg über¬ 
mittelten dem Autonomiekongreß 
Ostern 1995 eine Kritik, die mit der 
alten Parole der Autonomia-Frauen 



SF 2/98 [ 57 ] 







Ein cintircissisti 






endete: " Genossen auf der Straße, 
immer noch Faschisten im Bett” . Dieses 
Papier “von beschämend schlechten 
Inhalt”, dieses Konvulat “von nicht 
zusammenhängenden Aussagen” hatte 
sich Geronimo “anhören müssen” und 
derart provoziert,“daß schon eine große 
Lust darauf da war, es mit polemischer 
Wuchtanzugreifen”. Was ersieh damals 
verkniff, um den Kongreßfrieden zu 
retten, holte er im Buch nach und reiht 
sich in die Anti-Political-Correctness- 
Fronde ein, wenn er gegen das Aufstel¬ 
len von “Benimmregeln” agiert. An 
einer differenzierten Diskussion über 
PC-Politik ist ihm nicht gelegen. 

Gerominos Vision ist eine autonome 
Bewegung, die wie Phönix aus der 
Asche aufersteht. Aber wird er dann 
noch dazugehören, oder wird er die 
politische Ebene verlassen um “notfalls 
das zu praktizieren, was Millionen 
Menschen heute sowieso tun: flüchten”? 
Die Fluchtmetapher taucht an verschie¬ 
denen Stellen im Buch auf. “Drei, vier 
Fragen gegen den Untergang und tau- 
sendFragen bis zum nächsten Strand”. 
Die Parallelen zur Spontibewegung und 
derem Tunixkongreß im Januar 1978 
sind sicher nicht zufällig. 

Das gefällt auch manchen bei der 
TAZ zwischengelagerten Altspontis. So 
spendet der Rezensent in dieser auf 
dem Tunix-Kongreß entstandenen Zei¬ 
tung dem subjektiven Ansatz von Ge¬ 
ronimo Lob. Gross/Schultze haben es 
da schwerer, beharren sie doch ganz 
altmodisch auf antirassistischer und 
antisexistischer Politik. 

Die beiden Bücher stehen für zwei 
unterschiedliche Ansätze in den auto¬ 
nomen Zusammenhängen. Was in Zu¬ 
kunft von dieser Bewegung bleibt, kann 
keine der drei Autorinnen sondern nur 
die Entwicklung der Kämpfe beant¬ 
worten. 

Gross Almut/Schultze Thomas, Die Auto¬ 
nomen - Ursprünge, Entwicklung und 
Profil der Autonomen Bewegung, Kon¬ 
kret Literatur Verlag, 224 Seiten, 28 
DM 

Geronimo, Glut & Asche, Reflexionen zur 
Politik der autonomen Bewegung, Un¬ 
rast Verlag, 248 Seiten, 24,90 DM 


[58] SF 2/98 


Der in Trier ansässige Autor Thomas 
Geisen hat im IKO-Verlag für Interkul¬ 
turelle Kommunikation in der Reihe 
“Oldenburger Forschunsbeiträge zur 
Interkulturellen Pädagogik” ein an¬ 
spruchvolles Buch herausgebracht. In 
einer Zeit, in der der Begriff des Rassis¬ 
mus zur hohlen Phrase zu verkommen 
droht, weil niemand so recht weiß, was 
eigentlich gemeint ist, hat Geisen sich 
die Mühe gemacht und umfassend dazu 
recherchiert. 

Er beginnt mit der Entstehungsge¬ 
schichte des Begriffes, die er im 15. 
Jahrhundert verortet. Auf 214 Seiten 
betrachtet er u.a. die diversen “Rasse”- 
Theorien, z.B. diejenigen von Chamber- 
lain oder Gobineau und zeigt den Ver¬ 
such der Verwissenschaftlichung einer 
unwissenschaftlichen Idee durch die 
damaligen Machthaber. 

Ein wesentliches Kapitel im Buch 
widmet sich der Rolle des Rassismus in 
der Zeit des deutschen Kolonialismus, 
was nicht unbedingt zum Allgemein¬ 
wissen gehört, und führt von dort zur 
Verbindung mit dem “Antisemitismus 
im Nationalsozialismus”. Geisen hat 
sich im Gegensatz zu vielen anderen 
politischen Aktivisten fhit dem für 
Zeitgenossinnen so wichtigen Thema 
sehr ausführlich auseinandergesetzt. 
Durch diese Voraussetzung sind ihm 
Plattheiten fremd, wie sie ansonsten 
auch von hochrangigen deutschen Poli¬ 
tikern zu diesem Thema immer wieder 
geäußert werden. 

Es wird verständlich, wie und warum 
der Rassismus im Nachkriegsdeutsch- 


DAS GIBT S 
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land wieder salon- und straßenfähig 
werden konnte, bis hin zur Sanktionie¬ 
rung durch die sogenannten Ausländer¬ 
gesetze und der Quasi-Abschaffung des 
Asylrechts. Geisen nennt dies “Staat¬ 
lich- institutionalisierten Rassismus.” 

Die Beziehung des neuerdings wieder 
modern gewordenen Ideals der “Natür¬ 
lichkeit” korrespondiert nach Geisen 
mit Neo-Biologismus und Neo-Fa- 
schismus - allerdings zum Nachteil 
einer gerechteren Gesellschaft. Daß den 
Medien oder auch der Schul- und 
Jugendbuchiiteratur ein gehöriges Maß 
an Mittäterschaft dabei zukommt, han¬ 
delt er in separaten Artikeln ab. Inwie¬ 
weit der Sexismus, also die latent in der 
Gesellschaft vorhandene Frauenfeind¬ 
lichkeit, ähnliche Herrschaftsstrukturen 
(Ausbeutungsverhältnisse) aufweist 
und insofern ein für inhumane Gesell¬ 
schaften konstituierendes und dem 
Rassismus zuarbeitendes Strukturmerk¬ 
mal ist, wird im Buch gut herausgear¬ 
beitet. 

Die Arbeit ist im Detail genau und 
trotz der Beschränkung auf das Not¬ 
wendige ausreichend in der Information. 

Eine ausführliche Literaturliste zeigt 
den Kontext der Arbeit auf und liefert 
den Interessierten Hinweise auf weiter¬ 
führende Literatur. 

Thomas Geisen “Antirassistisches Ge¬ 
schichtsbuch - Quellen des Rassismus 
im kollektiven Gedächtnis der Deut¬ 
schen“ IKO - Verlag für Inlerkulturelle 
Kommunikation, Frankfurt 1996 (ISBN 
3-88939-028-3) DM 34,80 



Endstation Populismus 


Statt roter Bibel schwarzes 
Buch;Gollwitz; Was ist Ideolo¬ 
gie? Terror und Versöhnung in 
Algerien; Das ewige Rätsel 
Auschwitz; Staatsmythos Deut¬ 
scher Herbst; Postone und seine 
Rezeption; Volkstumskampfund 
Sozialdemokratie; Antideut¬ 
scher Show-Down; Nazi-Opfer 
als „Stalinisten" u.a.m. 


Einzelpreis DM 7,50 (Vorauskasse/Briefmarken) 
Abonnement DM 22,50 für drei Ausgaben; 
BAkAHAs, Postfach 620628. 10796 Berlin 
Fax/Fon: 030 / 623 69 44 












Julia Alvarez 

Die Zeit der Schmetterlinge 

Mil Phantasie der Wirklichkeit auf der Spur 


Der Münchener Piper-Verlag legt end- Ängsten und Unsicherheiten, auf der 

lieh das Buch “Die Zeit der Schmetter- Suche nach den kleinen Fluchten im 

linge” von Julia Alvarez im Taschen- Leben trotz eines widerständigen 

buchformat auf. Warum sollte mensch Lebens. Und die Autorin präsentiert 

aber noch ein Buch besprechen, daß dies dem Leser, ohne jemals auch nur 

bereits seil mehr als einem Jahr in seiner annähernd diese Verhalten als Schwä- 

teuren Hartcover-Version auf dem che zu denunzieren - im Gegenteil. 

Markt ist? Weil es hervorragend ist und Julia Alvarez scheint prädestiniert, 

es ihm zu wünschen ist, daß es jetzt ein das “Denkmal” der Mirabals zu ent- 

noch größeres Publikum findet. Schleiern, den Legendenvorhang zu 

Dieser Wunsch wird nicht so sehr zerreißen und die Menschen dahinter 

dadurch bestimmt, daß der Roman “Die zum Vorschein zu bringen. Ihr Vater 

Zeiten der Schmetterlinge” 1994 in den war an einem Umsturzversuche gegen 

Vereinigten Staaten von Amerika zum Trujillo beteiligt. Wenige Monate vor 

“Buch des Jahres” gewählt wurde. Er der Ermordung der Schwestern floh er 

erklärt sich vielmehr damit, daß “Die mit seiner Familie nach New York. 

Zeitder Schmetterlinge” in der Tradition Julia Alvarez war zu diesem Zeitpunkt 

lateinamerikanischer Erzählungen steht zehn Jahre alt. Der Widerstand gegen 

und Julia Alvarez schon jetzt zu den den karibischen Potentaten bestimmte 

Großen der lateinamerikanischen Lite- ihr Leben. Seit jungen Jahren gingen 

ratur gezählt werden muß - obwohl sie ihr “die Mirabals” nicht mehr aus dem 

erst ihren dritten Roman veröffentlicht Kopf. Fasziniert fragte sie sich, so 

hat. schreibt sie in ihrem Nachtrag Woher 

Die Dominikanerin Julia Alvarez, die hatten sie den ungewöhnlichen Mut 

in den USA lebt, hat in ihrem Buch die genommen?” Und sie machte sich auf 

Geschichte der Geschwister Mirabai die Suche nach den Spuren der Mirabals, 

nachgezeichnet, in Englisch, weil sie die zugleich auch zu einer Suche nach 

ihre Muttersprache nicht mehr perfekt ihren eigenen Wurzeln wurde, 

beherrscht. Drei der Mirabal-Schwe- Sie befragte die noch lebende Schwe¬ 
stern, Minerva, Patria und MariaTeresa, ster Dede, Mutter des derzeitigen Vize- 

wurden umgebracht, weil sie dem do- Präsidenten der Insel. Sie besuchte 
minikanischen Diktator Rafael Leo- Freundinnen und Genossinnen der 
nides Trujillo die Stirn zu boten und Geschwister, interviewte sie, hörte 
Widerstandleisteten.Frauen,dieheute, ihnen zu, ließ sie reden - besaß selbst 
27 Jahre nach ihrer Ermordung, in ihrer die Ruhe, die es ihren Interviewpartnern 

Heimat, der dominikanischen Republik, ermöglichte, in ihren Erinnerungen un 

als Nationalheldinnen verehrt werden ihrem Gedächtnis nach all den Jahren 
und zur Legende geworden sind. zu kramen. 

Ihnen hat die Autorin ein ungewöhn- Wer das Leben solcher fast sc on 
üches literarisches Denkmal gesetzt. mystischen Gestalten nachzeichnen 
Ungewöhnlich deshalb, weil sie sich in will, sieht sich mit einer Unfül e von 

ihrem Buch regelrecht weigert, das Problemen konfrontiert. Viele en- 

Leben dieser drei Frauen und ihrer sehen, die diese kannten und mit ihnen 
überlebenden Schwester Dede in lite- Kontakt hatten, fielen selbst em u 
rarisch wohlfeilen Worten einfach tigen Regime Trujillos zum Opfer. Die 
uachzuzeichnen - eben einen Held- Archivedes Regimes sin zumgro en 
innenepos zu schreiben. Vielmehr Teil vernichtet. UnddieErinnerangder 
schafft es Julia Alvarez in ihrem Roman Überlebenden Zeitgenossinnen ist 
hinter der Patina der “kämpferischen trügerisch: Un willentlich oder beab- 

Heldinnen”, die Menschen sichtbar sichtigt verfälscht, glorifiziert, durch 

werden zu lassen: Frauen mit ihren Interessen geprägt. Das Ge äc^tnis er 
kleinen menschlichen “Unzulässigkei- Lebenden läßtnach, ihr Wunschdenken 
ten’\ mit jungmädchenhaften Schwär- mischt sich mit der Realität von damals 
uiereien und Träumen, gequält von und heute. Wie in einem metallischen 


Oxidationsprozeß setzte irgendwann 
einmal im Laufe der letzten 37 Jahre die 
“Legende Mirabai” Patina an. Ein 
nebliger Schleier legte sich über die 
historischen Figuren. Selbstkritisch 
reflektiert Julia Alvarez in ihrem 
Nachwort: “Ironischerweise haben wir 
die Mirabals , indem wir sie zum Mythos 
erhoben haben , ein zweites Mal ver¬ 
loren , und zugleich haben wir uns vor 
der Herausforderung gedrückt , genau- 
soviel Mut wie sie zu beweisen, indem 
wir unsere Begrenztheit als Durch¬ 
schnittsmenschen vor schützen” 

In der Nacht des 25. November 1960 
sterben Maria Teresa, Minerva und 
Patria Mirabai sowie ihr Chauffeur 



Rufino de la Cruz auf einer einsamen 
Landstraße im Norden der Karibikinsel. 
Autounfall heißt die offizielle Meldung. 
Aber jedeR weiß, die SIM, Trujillos 
gefürchtete Geheimpolizei hat zuge¬ 
schlagen. DerPräsidentRafaelLeonides 
Trujillo liebt den “Unfalltod” als eine 
Variante die unliebsame Oppositionelle 
auszuschalten. Auf diese Art sterben in 
der Dominikanischen Republik im 
Sprachtenor des Regimes “Kommu¬ 
nisten”, “vaterlandslose Gesellen” und 
“homosexuelle Weichlinge” — jeder 
Mensch, der sich dem Diktator von 
Gringos-Gnaden entgegenstellt. Aber 
der “Wohltäter des Vaterlandes” hat 
auch keine Skrupel selbst “Hand an¬ 
zulegen”. Die Opfer werden ins Meer 


SF 2/98 [59] 


Foto: Jean Marc Dellac 






geworfen, den Haien zum Fraß. 

Als der Hitler- und Franco-Verehrer 
Trujillo endlich am 30. Mal 1961 im 
Kugelhagel stirbt, hat er das karibische 
Eiland 31 Jahre lang tyrannisiert. Aber 
keiner seiner latein-, mittelamerikani¬ 
schen und karibischen Potentatenkol¬ 
legen hat soviel Blut an seinen Fingern 
kleben, soviel Personenkult betrieben. 
In jeder Hütte der Inselrepublik hängt 
ein Bild des “Wohltäters”. Die Haupt¬ 
stadt des Landes Santo Domingo wird 
zu seinen Ehren in Ciudad Trujillo 
umbenannt. Tausende Straßen und 
Plätze tragen seinen Namen. Die Men¬ 
schen taufen ihre Jungen auf denNamen 
Rafael oder Leonides. Der Despot gibt 
den Menschen Wasserbrunnen, wenn 
sie seiner huldigen. Und er nimmtihnen 
das Leben, wenn sie sich nicht seinem 
Willen beugen. Wenn Trujillo mit dem 
Finger schnippt, liefern die Familien 
des Landes “dem geilen Ziegenbock” 
ihre Töchter aus. 

Auch Minerva Mirabai, Tochter eines 
Großgrundbesitzers gerät in das Blick¬ 
feld Trujillos, entzieht sich aber hand- 


Viele Zeitschriften 
kommen nur bis hierhin: 



1. Frustrationslappen 

2. bewegungsmelancholischer Schlund 

3. auswegloses Analyseganglion 

4. spätpatriarchale Blähzone 


Aber alaslca 
kommt überall hin: 



5. tustschnecke 8. 

6. Perspektivtrichter 

7. feministischer Widerspruchswirbel 

8. Zeitgeisttaster 


alaslca 

internationalistisch - feministisch - links - anders. 
Probeheft bestellen: alaska, Auf der Kuhlen 22, 
28203 Bremen, fon/fax 0421 - 720 34 
Heft 219: Provinz, Diaspora und Emigration 
Heft 220: Globalisierung und (Re>)Maskulinisierung 


fest. Danach ist sie der Verfolgung des 
Geheimdienstes ausgesetzt. Was den 
dominikanischen Schlapphüten jedoch 
sehr lange entgeht, ist die Tatsache, daß 
Minerva schon längst zur Widerstands¬ 
bewegung gehört. Ihr Deckname 
mariposa , Schmetterling, gab dem Ro¬ 
man von Julia Alvarez auch den Titel - 
“Die Zeit der Schmetterlinge”. 

Minerva organisiert die Kommuni¬ 
kation unter den im ganzen Land ver¬ 
streuten Gruppen, sie versteckt Waffen, 
rekrutiert Frauen und Männer zum 
Kampf gegen Trujillos Diktatur. Im 
Widerstand lernt sich auch ihren 
companero kennen. Manolo Justo 
Tavarez stirbt Ende der 60er in den 
Bergen des Landes als Guerillero. 

Als die kubanischen Guerilleros auf 
der Nachbarinsei den auch von den 
USA gestützten Diktator Batista zum 
Teufel jagen, hoffen auch die domini¬ 
kanischen Revolutionärinnen auf einen 
baldigen Umsturz. Zumal sich Trujillo 
bei seinen Chefs in Washington immer 
unbeliebter macht, indem er sich mit 
einer eigenen Strategie in die Latein¬ 
amerikapolitik der USA einmischt. Im 
Land wachsen währenddessen die 
Widerstandsgruppen, die “Bewegung 
14. Juli” (Movimento 14 de Julio - 1J4, 
so das Kürzel der Gruppe) gründet sich. 
Bald gibt es vier mariposas, denn auch 
die Schwestern von Minerva schließen 
sich der Bewegung an, ebenso wie deren 
Ehemänner. 

Je stärker der Widerstand sich jedoch 
im Land entwickelt, um so schlimmer 
wütet der “eitle Pfau” Trujillo. Eine 
Verhaftungswelle bringtauch diemar/- 
posas ins Versier der Geheimpolizei 
SIM. Die Schwestern Maria Teresa, 
Minerva und Patria werden ebenso wie 
ihre Ehemänner festgenommen, im 
berüchtigten Knast “La 40” verhört, 
gefoltert und schließlich inhaftiert. Dede 
entgeht der Verhaftung. Nach mehreren 
Monaten Haft werden die drei mari¬ 
posas entlassen, ihre Lebensgefährten 
bleiben jedoch weiterhin inhaftiert. Die 
Schwestern Mirabai sind schon zu ihren 
Lebzeiten Widerstandssymbol. 

Die Finca im Landesinnem, auf der 

sie seit ihrer Freilassung wohnen, ist 
Tag und Nacht vom Geheimdienst 
hermetisch abgeriegelt. Wenn sie in die 
nächste Stadt fahren, folgen ihnen die 
Volkswagen von Trujillos Bluthunden. 
Immer wieder wispern ihnen Menschen 
zu, vorsichtig zu sein, die Mordpläne 
gegen sie seien schon geschmiedet. Als 


ihre Lebensgefährten in das Gefängnis 
im heutigen “Touristenparadies” Puerto 
Plata verlegt werden, dürfen die drei 
Schwestern sie besuchen. Die Fahrt am 
25. November wird zur tödlichen Falle. 
Auf einer einsamen Landstraße zwi¬ 
schen ihrem Heimatort und Puerto Plata, 
ganz in der Nähe eines der Sommersitze 
von Rafael Leonides Trujillo wird ihr 
Wagen von Geheimdienstlem ange¬ 
halten. Auf offener Straße werden der 
Chauffeur Rufino de laCruz (37), Maria 
Teresa (25), Minerva (34) und Patria 
Mercedes (36) ermordet. Die Leichen 
werden samt Fahrzeug in eine Schlucht 
gestürzt. 

Der Tag, an dem die drei Geschwister 
Mirabai ermordet wurden, ist heute in 
fast allen lateinamerikanischen Ländern 
ein Aktionstag. Frauengruppen machen 
am “Tag gegen Gewalt an Frauen” 
gegen die sexistische, patriarchale Ge¬ 
walt mit Demonstrationen, Menschen¬ 
ketten, Sitzblockaden oder Konferenzen 
mobil. Beschlossen wurde der 25. No¬ 
vember als Aktionstag auf dem ersten 
feministischen Kongreß lateinamerika¬ 
nischer Frauen in Bogota 1981. 

Julia Alvarez Roman “Die Zeit der 
Schmetterlinge” rekapituliert das Le¬ 
ben, die Entwicklung und Jugend der 
vier Mädchen, von denen nur Dede 
überlebt hat, aus der Sicht der vier 
Protagonistinnen. Die Berichte der 
überlebenden Dede dienen der Autorin 
nicht nur als roter Erzählfaden, sondern 
sie bedient sich ihrer, um die Gescheh¬ 
nisse zu beschreiben, die im Umfeld 
der drei mariposas und nach deren Er¬ 
mordungpassierten. Aber Julia Alvarez 
läßt auch die drei Ermordeten “selbst” 
zu Wort kommen. Sie verschafft ihnen 
in ihrem 463 Seiten starken Roman eine 
Bühne, um sich ausdrücken und darzu- 
stellen. Patria, Maria Teresa und Mi¬ 
nerva berichten aus ihrer Kindheit, er¬ 
zählen von ihrer ersten Liebe, wie sie 
zur “Bewegung 14. Juli” kommen, 
Verhaftung und Knast erleben und 
überleben. Fiktive Berichte, die der 
Phantasie der Autorin entspringen, in 
Ichform gehalten sind und Ergebnisse 
ihrer Recherchen sind. Niemals be¬ 
kommt mensch jedoch den Eindruck, 
daß dabei die Protagonistinnen entstellt 
worden wären. Julia Alvarez schafft es, 
den ermordeten mariposas eine S tiirune 
zu verschaffen, wenn auch diese Teile 
in ihrer Phantasie entstanden sind. 

Als die Romanautorin die Geschichte 
niederschrieb, “wuchsen die Figuren 


[60] SF 2/9 8 










der Handlung über alle Fakten und 
strittigen Fragen hinaus und verselb¬ 
ständigten sich in meiner Phantasie: 
1 ch schuf sie neu” Und dieser Kunstgriff 
ermöglicht es den Leserinnen, einen 
Blick auf die Schwestern zu werfen, sie 
als das zu erkennen und zu begreifen, 
was sie gewesen sind: Menschen mit all 
ihren Schwächen und Zweifeln. Gerade 
das gab ihnen die Kraft zum Widerstand. 

Julia Alvarez, Die Zeit der Schmetterlinge, 
Roman, 463 Seiten, R. Piper Verlag, 
München, 1996; Gebunden, DM 39,80, 
ISBN 3492-038034; Kartoniert, DM 
16,90, SP 2554, ISBN 3492-22554-3 

von Hans-Ulrich Dillmann 

Auf 

Durchreise 
im nachre¬ 
volutionären 
Mexiko 


von Jürgen Mümken 

Paco Ignacio Talbo II, einer der Pio¬ 
niere des lateinamerikanischen Kri¬ 
minalromans führt uns In seinem 
neuen Roman Auf Durchreiset das 
nachrevolutionäre Mexiko der 20er 
Jahre. Die mexikanische Revolution 
0910-1919) brachte die »Partei der 
institutionalisierten Revolution« (PRI) 
a n die Macht, die sie seitdem gegen 
jede Form von Demokratisierung ver¬ 
teidigt. Zur Legitimation der eigenen 
Macht bezieht sich die PRI immer 
'wieder auf die mexikanische Revo¬ 
lution und auf die Revolutionsführer 
Emilio Zapata und Partcho Villa. Sie 
wurden durch die PRI von ihren So¬ 
zialrevolutionären Positionen losge¬ 
löst und zu nationalen und folkloristl- 
sphen Ikonen gemacht. Diesänderte 
sich erst in den letzten Jahren durch 
die AufständederZapatistlnnen und 
Campensin@s. In Auf'Durchreise 
versucht Paco Ignacio Taibo II ein 
Sfück linker Geschichte anhand des 
'm spanischen Gijon geborenen Re- 
v olutionärs San Vicente wieder 
sichtbar zu machen. Zu dieser Her- 
Q ngehensweise bemerkt Taibo II 
selbstironisch und selbstkritisch: 


Foto: Jean Marc Dellac 













»Der Verfasser dieser Zeiten ge¬ 
steht daß eine seiner letzten fixen 
Ideen sich um die nochmalige Über¬ 
prüfung und Erweiterung der Legen¬ 
densammlung der Linken dreht. Er 
erinnert sich an die Schwierigkeiten 
der Generation von i968. sich Ge¬ 
sichter und Namen zu eigen zu ma¬ 
chen. auf die sie sich berufen konnte, 
um den dünnen Faden der Kon¬ 
tinuitätzuspinnen. die Suche nach 
den roten Großväterchen, an die 
wir uns hatten können.« 

In diesem Sinne heftet sich Taibo II 
an die Fersen des Revolutionärs Se- 
bastlän San Vincente. In 55 frag- 
matischen Kapiteln wird der Weg 
des spanischen Anarchisten, Ge¬ 
werkschafters, Seemanns und Me¬ 
chanikers San Vicente zwischen 
verbürgten Tatsachen und dichte¬ 
rischer Phantasie nachgezeichnet. 
Vom FBI verfolgt und immer wieder 
des Landes verwiesen, versucht er 
die Arbeiterinnen zu organisieren und 
nimmt an verschiedenen Arbeiter¬ 
innenkämpfen statt. Er beteiligt sich 
am Aufbau von Ortsgruppen der 
anarchosyndikalistischen Gewerk¬ 
schaft CGT. San Vincente hat keinen 
persönlichen Besitz, er ißt und schläft 
bei Genossinnen und Prostituierten. 
Er hilft beim Aufbau, Vertrieb und 
Verkauf von anarchistischen Zeitun¬ 
gen. Ineinemderschönsten Dialoge 
diskutiert er mit einem Kommunisten, 
ob die Wissenschaft oder der 
subjektive Wille die Grundlage der 
Revolution bildet. Sie werden wäh¬ 
rend der Diskussion beide verhaftet. 
Im Gefangenentransporter und in 
der Gefängniszelle setzen sie ihre 
Diskussion fort. 

Kongreßakten, Polizeimeldungen, 
Berichte vonausländischen Geheim¬ 
agenten, Teilnehmerinnennotizen, 
Erinnerungen von Augenzeug Innen, 
Artikel aus Gewerkschaftszeitungen, 


Zeitschriften und Tageszeitungen 
bilden nur den Unterbau, auf dem 
Taibo II die Fiktion errichtet hat. In 
einer Montagetechnik aus Tele¬ 
grammen, Briefen, Dialogen, Be¬ 
schreibungen und Erzählungen über 
San Vicente von verschiedenen Ich- 
Erzählern läßtTaibo II ein Bild von San 
Vicente und seinen Stationen des 
mit Unterbrechungen dreijährigen 
Aufenthalts In Mexiko entstehen. 
Durch die Ausweisung von San 
Vicente nach Spanien 1923 verliert 
sich jede Spur. Er taucht nirgendwo 
mehr auf. Er scheint ein Leben 
irgendwo unter anderem Namen 
geführt zu haben. 

Eine Schwäche des Buches ist, daß 
San Vicente anscheinend über jede 
Kritik erhaben scheint, und genau 
darin liegt die Gefahr jeder Ikonen¬ 
bildung. Aber der hervorragende Er¬ 
zählstil, den Paco Ignacio Taibo II 
schon in seinem Roman Vier Hände 
bewiesen hat, läßt über diese 
Schwäche hinwegsehen. 

»Religion?« 

»Ist das Ihr Ernst? Keine natürlich.« 

»Aber, sind Sie nicht Anarchist?« 

»Na klar.« 

»Ist das denn keine Religion?« 

»Wenn Sie das so eintragen wol¬ 
len... Religion: Anarchist. Das klingt 
witzig. Nicht schlecht.« 

(...) 

»Warum sind Sie illegal ins Land 
gekommen?« 

»Weil Ich nicht an die Legalität 
glaube, Und da wie nun schon mal 

dabei sind, an Grenzen glaube Ich 
auch nicht. Zwischen Mexiko und 
Guatemala gab es keinen Unter¬ 
schied. Von einem Baum zum näch¬ 
sten Urwald, und das war's. Auch 
die Bäume erkennen keine Grenzen 
an.« 


»Die Bäume können wir nicht 
auswelsen.« 

»Um so besser für sie.« 

»Und was haben Sie in Mexiko 
gemacht?« 

»Ich war auf Durchreise.« 

»Auf Durchreise?« 

»Auf Durchreise.« 

»Auf der Durchreise wohin?« 

»Das werden Sie mir schon 
sagen...« 

Paco Ignacio Taibo II 
Auf Durchreise 
Edition Nautilus 
144 Seiten - 24,80 DM 


EBEIBMIS-KABTC 

Student«! rcrtailtn FlughUtUr 
gegtm Unterdrückung 



Keine Auswirkung*« 


Jcassilx irjSf)(febrüar 1998): schwerpunk „uni-streik" • gern* - 
tale korrekturen an intersexuellen menschen * antiVisionen 
vs, esoterik-kongreß • himforschung • u.a.m. 

kassiber 33: Schwerpunkt „innere Sicherheit/ new yarker 
modelt" • akzeptierende jugendarbeit mit rechten jugendli - 
eben • kritik der „Wehrmachtsausstellung" « u.a.m. 

kassiber 32: debatte um die „Wehrmachtsausstellung" * ns- 
militärjustiz/wehrmachtsdeserteure • u.a.m. 


web: http://www.ohz.north.de/user/kombo/home.htm 


""ISßBlR 


^stiult/eitung 

;für puIilikifjl;ig,rcyulUliü» 


Ix Probeheft DM 5,-/ 3x DM 10,- 
abo 35,- (6 ausgaben) 

Bestellungen an: vzvun c/o 
st.-pauli-str. 10/12, 

28203 Bremen 
(nur gegen vorkasse) 


[62] SF 2/98 











f 1 

I 





btr. SF-60 (1/97) 

Editorial 

Es ist ein Uni-Sono-Lied durch die 
Jahre, daß linke Redaktionen und ihre 
Blätter immer kurz vor dem Aus stehen 
~ bis hin zu SPD-Blättem, während 
rechte Blätter in der Regel besser weg¬ 
kommen. Das kann nicht nur an der 
derzeitigen Gemengelage unserer poli¬ 
tischen Landschaft liegen, sondern ganz 
allgemein an der Art, wie Linke in un¬ 
serem Land ihre Politik verkaufen bzw. 
z u Papier bringen. 

So ist auch meine Kritik an Eurem 
Blatt, das ich nun mehrere Jahre begleitet 
habe als Abonnent und Käufer, daß Ihr 
v om traditionellen linken Bild auch im 
anarchischen Bereich nicht lassen könnt, 
daß Ihr die großen Verwerfungen der 
Neuzeit, denen u.a.jader ganze “Osten” 
zum Opfer gefallen ist in Form einer 
beschämenden Implosion, nicht aufge¬ 
arbeitet habt. Irgendwo liegt da im 
ganzen “linken Bereich” ähnlich Ske¬ 
ptisches wie im klassisch religiös¬ 
christlichen Bereich. Wo blieben die 
Reformen, die man tatsächlich Refor¬ 
men nennen darf - auch im linken Be¬ 
reich von den Gewerkschaften bis zu 
den linken Parteien, wobei man langsam 


fragen kann, wieso man die SPD immer 
noch “links” nennt? 

Und last not least: wo ist Euer öko¬ 
philosophischer Ansatz? Auch bei Euch 
komme ich von der Mußmaßung nicht 
los, daß Ihr die Öko-Frage als Zusatz¬ 
frage zu anderem Wichtigem nehmt, 
nicht als Ausgangspunkt für radikal 
Neues. Schade! 

Ich werde nach Auslaufen dieses 
ABOs, Eure Zeitung weiterhin spora¬ 
disch kaufen und gucken, ob und wie 
sie sich weiterentwickelt. 

Mit ökosophischen Grüßen, 

Rolf-Dewet Klar, Maintal 

btr. SF-Nr.61 (2/97) 

Murray Bookchin, Die 
Einheit von Ideal und Praxis 

“Jede und jeder nach den Fähigkeiten, 
jeder und jedem nach den Bedürf¬ 
nissen”. Murray Bookchin hat einen 
anregenden, meistallgemein gehaltenen 
Beitrag zur Chomsky-Bookchin-De- 
batte geschrieben. Besonders die 
“Pflichten der revolutionären Linken” 
und das Herausstellen der Bedeutung 
des Staates sind, wenn auch nicht neu. 


doch trotzdem lesenswert. 

An einer Stelle wird Bookchin jedoch 
etwas konkreter, und diese Stelle ist mir 
unangenehm aufgefallen: Der Kritik, 
daß die Volksversammlungen der Kom¬ 
munen bzw. Stadtteile zu groß wären, 
entgegnet er: “Doch dabei wird meistens 
einfach unterstellt, in den Versamm¬ 
lungen würde sich die gesamte Bevöl- 
kerungeinschließlich der Kleinstkinder, 
der Kranken, der pflegebedürftigen 
Greise und der Unzurechnungsfähigen 
zusammenfinden”. Bei dieser Aussage 
sind mir mehrere Fragen durch den 
Kopf gegangen: Werden diese Gruppen 
von Menschen aus den Versammlungen 
ausgeschlossen, wie und warum? Unter¬ 
scheidet Bookchin etwa in wertvollere 
und weniger wertvolle Menschen (die 
aufgezählten Gruppen von Menschen 
entsprechen genau denen, die Peter 
Singer u.a. als “Nicht-Personen” (ohne 
Rechte, ohne Würde, ohne Wert) 
bezeichnet? 

Da die meisten Menschen sich gelbst 
nicht als “unzurechnungsfähig” bezei¬ 
chnen werden, muß es eine Institution 
o.ä. geben, die diese Eigenschaft be¬ 
stimmten Menschen zuschreibt. Sollen 
solche Institutionen im libertären Kom¬ 
munalismus weiterbestehen und wer 
bekommt dann die Definitionsmacht, 


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SF 2/98 [63] 






jemanden als “unzurechnungsfähig” zu 
bezeichnen mit der Folge, z.B. nicht an 
den Volksversammlungen teilnehmen 
zu dürfen? Ist es nicht ausgeschlossen, 

Zugegeben: Der angesprochene 
AbschnittinBookchin’s Artikel ist viel¬ 
leicht nur eine Detail. 

Aber: Bookchin, der hohe Anforde¬ 
rungen an die “Linke” stellt, muß sich 
selbst diesen Anforderungen stellen, 
denn “es gibt (aber) Grenzen, die nie¬ 
mand, der Sozialanarchist bleiben will, 
überschreiten darf.” 


Volker Engelhard , Nehren 



Waldo Mars 
Kommune-Kritik 

Da wird einem jarichtig übel, wie Waldo 
die Kommune Autoren zusammenholzt. 
Da probieren ein paar Leute aus, anders 
zu leben, schreiben sogar ein Buch da¬ 
rüber - und Waldo knüppelt die als 
“faschistisch” nieder. Warum fragt er 
mit seiner großen Ratio nicht mal, was 
wir von den Experimenten lernen kön¬ 
nen? Wäre doch nett, wenn er statt der 
Exekution mal “gegenseitige Hilfe” 
geübt und das Positive herausgestellt 
hätte! Dann hätten auch wir was davon 
gehabt. So bleibt uns nur das Schauspiel 
barbarischer Umgangsformen. Das 
Mindeste wäre doch den Anderen und 
seine Arbeit ernst zu nehmen und nicht 
pauschal niederzumachen. Genau das, 
lieber Waldo, erinnert unangenehm an 
faschistische Methoden. Was “in den 
aktuellen deutschen Verhältnissen 
schlicht nach rechts tendiert”, das sind 
nicht die Kommunen - das ist dieses 
gehässige und dämliche Gezänk unter 
“libertären” Menschen. 

Daniel S ., Wesseling 


-i y 


btr. SF-63 (1/98) 

Redaktionsarbeit 

Verehrte Schwarze Fadens, anbei ein 
Text (zu Elisabeth Voß 'Kritik an Waldo 
Mar), den Ihr abdrucken könnt, wenn 
Ihr wollt. Aus meiner Adresse könnt Ihr 
meinen echten Namen ersehen. Falls 
Ihr den Text drucken solltet, möchte ich 
Euch hiermit - trotz Eurer neuen Praxis, 
Pseudonyme gegen den Willen ihrer 
Trägerinnen aufzudecken (vgl. Jens 
Kästner über Waldo Mar im SF1/98, S. 
59 letzte Zeile) - freundlichst bitten, 
mein Bedürfnis nach Anonymität zu 
respektieren. 

Anm. der SF-Red.: Es ist sicherlich 
keine "neue Praxis" des SF Pseudony¬ 
me aufzudecken, sondern ein Versehen. 
Wir möchten diese Kritik zum Anlaß 
nehmen, uns bei unseren Leserinnen 
und gerade auch bei den betroffenen 
Autoren für einige Patzer in der letzten 
Ausgabe zu entschuldigen: so wurden 
z.B. die Seiten 31 und 33 beim Lay Out 
vertauscht, derHinweis auf den Urheber 
unserer Titclcollage, Uwe Rausch aus 
Frankfurt, ging irgendwo auf dem Weg 
zur Karlsruher Druckerei verschütt, - 
und einiges andere mehr, wie z.B. daß 
der letzte Satz aus Jens Kästners Replik 
leidcrnicht weggeschnitten wurde. Zur 
Entschuldigung können wir nur zahl¬ 
reiche Pannen bereits im Vorfeld des 
Lay Outs “beichten”, die dazu führten, 
daß die 3 Tage kaum ausreichten die 
Fadennummer fertig zu bekommen, so 
daß sich leider weitere Fehler einschli¬ 
chen. 

Wölf gang Haug (für den SF) 



r 


btr. SF-63 (1/98) 

Zu Elisabeth Voß‘ Kritik 
an Waldo Mars Rezension 
zum Kommunebuch 

Zunächst: Waldo Mars Rezension des 
Kommunebuchs fand ich brauchbar. Er 
hat darin getan, was in linken Zusam¬ 
menhängen ansteht, nämlich den Ma¬ 
cherinnen des Kommunebuchs die Kri¬ 
tik nicht entzogen, sondern nach dem 
gefragt, worüber die meisten Texte des 
Kommunebuchs schweigen: nach den 
Formen, in denen in Gemeinschafts¬ 
projekten Konflikte ausgetragen wer¬ 
den. Schließlich braucht man ja nicht 
extra zu betonen, daß aus program- j 
matischen Gemeinschaftsprojekten 
immer wieder Einzelne einfach »raus¬ 
fallen, die dann in der Regel einfach 
vergessen und verdrängt werden. Ver¬ 
drängt wird dabei sehr häufig vor allem 
der Gedanke, daß es womöglich nicht 
an der Einzelperson selbst gelegen 
haben mag, daß sie aus dem Projekt 
gedrängt wurde, sondern an gewissen 
Unzulänglichkeiten der Konfliktaus¬ 
tragung. Mag sein, daß Waldo Mar i 
selbstauf eine Weise irgendwo »rausge¬ 
fallen ist oder, rausgedrängt wurde, wo 
ein Anspruch auf Kollektivität vertreten 
wurde, die ihn verletzt hat. Um so besser, i 

daß er sich nicht aus dem politischen 
Diskurs verdrängen läßt, sondern 
spricht. (Dies an die Adresse von 
Burkhard, der im SF 2/97 (Nr. 61) die 
Möglichkeit, daß Waldo Mar seine 
Kritik aus einer Verletztheit heraus 
geschärft hat, für ein Argument gegen 
die Berechtigung zu hal ten scheint, diese 
Kritik nach den Regeln der argumen¬ 
tativen Vernunft zu äußern.) Wie dem 
auch sei: offenbar sorgt Waldo Mars 
Sprechen für Beunruhigung. Vier Er¬ 
widerungen bisher zeigen, daß er nicht 
einfach ins Leere geschrieben hat. 
Irgendwas hat er ja wohl getroffen. 
Denn: der getroffene Hund bellt, sagt 
ein Sprichwort. 

Ich möchte hier vor allem etwas zu 
Elisabeths Beitrag sagen. Und zwar weil 
ich den zentralen Punkt, um den es ihr 
geht, für ein Symptom fürdieSchwäche 
von Teilen der Frauenbewegung als 
Befreiungsbewegung halte: 

Elisabeth beschreibt in ihrem Kom¬ 
mentar zu Waldo Mars Kritik am Korn- 
munebuch eine Konflikt-Szene, die sich 


[64] SF 2/98 



bei der Vorstellung des Kommune- 
Buchs im El Locco zwischen Waldo 
Mar und ihr abgespielt , hat. Sie be¬ 
schreibt diese Szene, die ich als Zuhö¬ 
rerin bei der El-Locco-Veranstaltung 
miterlebt habe, als eine Abfolge von 
Abbrüchen. Elisabeth hatte eine Passage 
aus dem Beitrag von Eie Poschmann 
aus dem Kommune-Buch vorgelesen, 
in dem es um die Thematisierung von 
lesbisch- bzw. Hetera-Sein in Kom¬ 
munen ging. Daraufhin habe - so 
schreibt Elisabeth - Waldo Mar „De- 
finiüonsmacht“ über den legitimen Ort 
einer solchen Thematisierung ausgeübt. 
Waldo Mar habe '„gefordert“, „dies 
lästige Thema doch im Privaten zu 
lassen“ (S. 58). Ihren eigenen Abbruch, 
den sie als „Weigerung“ beschreibt, mit 
Waldo Mar „darüber zu diskutieren, ob 
eine Frau das Recht hat, ihre sexuelle 
Orientierung als politisch und öffentlich 
zu definieren“, legitimiert Elisabeth 
dadurch, daß sie Waldo Mar den oben 
referierten definitionsmächtigen Über¬ 
griff zuschreibt. 

Mit dieser Darstellung habe ich ein 
Problem. Es war nämlich keineswegs 
so, daß Waldo Mar gefordert hat, irgend 
ein Thema im Privaten zu lassen. Er hat 
überhaupt nichts gefordert, sondern er 
bat lediglich eine Frage gestellt. Er hat 
- in höflichem Ton und in einer Gestik 
der Neugier - keineswegs „genervt“, 
wie Elisabeth schreibt, danach gefragt, 
welches politische Befreiungspotential 
in einem kommune-internen ,Outing‘ 
der eigenen sexuellen Orientierung 
steckt. Den genauen Wortlaut erinnere 
ich nicht mehr. Aber es war etwas wie: 
»Warum soll man seine sexuelle Orien- 
Üerung in der Kommune öffentlich ma¬ 
chen? Für mich persönlich ist das Private 
crstmal nicht politisch. Ich würde das 
nicht machen. Warum soll man das 
machen müssen ?“ Und diese Frage 
wurde von einigen anwesenden Frauen 
(nicht nur von Elisabeth) sofort als In- 
Frage-Stellung verstanden, weshalb 
diese Frauen auch mächtig hochgingen 
nnd dann den von Elisabeth gerecht¬ 
fertigten Abbruch der Diskussion voll¬ 
zogen. 

Mir geht es jetzt aber nicht darum, 
Waldo Mar zu verteidigen. Möglich, ja 
sogar wahrscheinlich, daß in seiner 
Frage zu Sinn und Unsinn eines Gebots 
der Thematisierung der eigenen se¬ 
xuellen Orientierung in Kommunen eine 
Kritik und auch ein Angriff steckte. Es 
stellt sich nur die Frage, von welchem 
Standpunkt aus so ein Angriff verübt 


wird. Elisabeth und die anderen Frauen 
bei der Veranstaltung haben Waldo 
Mars kritische Frage gleich in die für 
sie bequemste Ecke gestellt: Sie unter¬ 
stellten ihr einfach den plumpen An¬ 
spruch, die unhinterfragbare Trennung 
von „privat“ und „politisch“ als Stütz¬ 
pfeiler der patriarchalen Herrschafts¬ 
ordnung wiedereinzusetzen. Sie bauten 
Waldo Mar zum Pappkameraden auf: 
zum Mann, der Definitionsmacht und 
patriarchale Herrschaft ausüben will. 
Damit haben sie aber meiner Meinung 
nach vor allem eine eigene Schwäche 
verdeckt. Wenn das andere Leben in 
Kommunen einen Kampf gegen die 
heteronormative Ordnung der Ge¬ 
schlechter beinhalten soll, wenn der 
Umgang der Leute miteinander in Kom¬ 
munen irgendein Veränderungs- und 
Befreiungspotential haben soll, dann 
muß es auch möglich sein, die Prinzipien 
jederzeit offensiv zu vertreten, die hinter 
Forderungen an die Veränderung der 
Einzelnen stehen. Was hätte gedroht, 
wenn die anwesenden Frauen sich auf 
Waldo Mars Frage eingelassen hätten? 
Eine politische Auseinandersetzung 
hätte gedroht, in derFeministinnen ihren 
Veränderungsstandpunkt, ihr eigenes 
Anliegen auch gegenüber Dritten hätten 
vertreten können, eine politische Aus¬ 
einandersetzung, in der sie den Verstand 
und die Herzen der anderen Teilneh¬ 
merinnen der Veranstaltung im E1 Loc¬ 
co hätten erobern können, und nicht 
zuletzt eine politische Auseinander¬ 
setzung, in der die anwesenden Frauen 
Waldo Mar (so er denn einen antifemi¬ 
nistischen Standpunkt vertreten wollte) 
argumentativ hätten ausknocken kön¬ 
nen. Anstatt dessen haben die Frauen, 
hat Elisabeth - bei einer von ihr selbst 

mitorganisierten politischen und öffent¬ 
lichen Veranstaltung - die Auseinan¬ 
dersetzung um die Fragen, die sie selbst 
auf den Tisch gebracht hat, verhindert. 
Als Frau und Feministin finde ich das 
einfach traurig. 


Sophie Schlange, Berlin 



\ 


btr. SF-63 (1/98) 

Foucault-Artikel 
von Jürgen Mümken 

Zunächst mal vielen Dank für Eure Ar¬ 
beit für den Schwarzen Faden, in dem 
ich in letzter Zeit - oder unterschätze 
ich die fernere Vergangenheit? - wieder 
verstärkt viele für mich spannende und 
anregende Beiträge gefunden habe. 
Besonders schätze ich am SF den Blick 
über den Tellerrand der (deutschen) 
Anarchismus-Szene/Klassiker-Dis- 
kurse und die konstruktiv-kritische Aus¬ 
einandersetzung mit jüngeren und sich 
selbst zunächst nicht unter dem A-Label 
präsentierenden Ansätzen und Bewe¬ 
gungen. 

In diesem Sinne habe ich auch den 
sehr informativen und durchdachten 
Beitrag von Jürgen Mümken mit großem 
Interesse gelesen. Leider jedoch fehlen 
die genaueren Angaben zur ja durchaus 
reichlich herangezogenen Sekundärli¬ 
teratur, die in der Kurzform (Name, 
Jahr, Seite) im laufenden Text Erwäh¬ 
nung findet. So dies alles Bücher sind, 
ließen sich die Quellen ja mitein bißchen 
Mühe ermitteln; bei Artikeln in Zeit- 
schri ften o.ä. wird es allerdings schwie¬ 
rig. Insofern fände ich es einen netten 
Service, wenn für Leute, die vom Artikel 
angeregt, ihrerseits weiterlesen wollen, 
im Nachtrag eine Literaturliste abge¬ 
druckt werden könnte. Oder, falls Ihr 
den Platz dafür sparen wollt, wäre ich 
ganz egoistisch auch schon zufrieden, 
wenn ich eine solche erhalten könnte 
oder Ihr den Kontakt zum Autor ver¬ 
mittelt könntet. 

Karin Schlucker, Frankfurt 

Anm. der SF-Redaktion: Leider ge¬ 
schieht es recht häifig, dass wir aus 
Platzgründen zu ausführlich geratene 
Anmerkungen und Literaturhinweise 
weglassen müssen. Wir wollen deshalb 
gern diese Anregung aufgreifen und 
allen Interessierten, die uns anschrei¬ 
ben, eine Literatur liste zukommen las¬ 
sen. Im vorliegenden Fall finden sich 
jedoch die wichtigsten Literaturanga¬ 
ben auf den Seiten 45 und 46. Vielleicht 
konnten die Angaben auf S.46 leicht 
übersehen werden, weil dort der Ingrid 
Strobl-Artikel begann? 




SF 2/98 [65] 




|jr*lrdejl'T<lDBAl£l'T<lEl 


V/ IM 


n t\ 



Verschmutzungsrechte im Sonderange¬ 
bot • Sozialpolitisches Forum 97 in Kassel • 
Umweltverbände auf Schmusekurs mit 
Staat und Wirtschaft u.v.m. 



Kriminalisierung und Verbot der Antifade¬ 
mo »Gegen den rechten Konsens« • Die 
politisch Verantwortlichen • Der Polizei¬ 
einsatz • Die Öffentlichkeit • Die rechten 
Organisationen • Selbstverwaltetes Zen¬ 
trum Komm in Nürnberg von der Stadt ge¬ 
schlossen • Gerichtsprozesse gegen Taxi¬ 
fahrer wg. angeblichem »Einschleußen 
von Ausländem« ■ Lokale Agenda 21 - 
Umweltschutz mit doppelter Moral u.a. 



Eine Bewegung im Spagat zwischen 
»oben« und »unten« • Flüchtlingshilfe 
via Internet * Bildung für alle: Berufsschü¬ 
lerinnen kritisieren Studi-Streik • Autono¬ 
mes Frauenhaus Kassel - Glückliche Ar¬ 
beitslose: Die Bewertung von Arbeit ist 
eine ethische Frage unserer Gesellschaft 


Schwerpunkt März 1998: 
Fairer Handel: Hinter jeder 
Frucht steht ein Schicksal 


El Rojito: politisch handeln mit Kaffee ist 
mehr als die Vermarktung eines Fair-Tra- 
de-Produktes • 10 Jahre Banafair • Faire 
Banane in den (Supermarkt? ■ Zeugnis¬ 
verbrennung: Linke Schülerinnen Aktion 
(LiSA) für Schule ohne Noten • Tausch¬ 
ring Oste Talente hatte Verbindung zur ex¬ 
trem Rechten ■ Freigeldexperiment: Die 
WÄRA kursierte in den 30em kurzfristig er¬ 
folgreich als Alternative zur Arbeitslosig¬ 
keit bis sie die Reichsbank verbot av.a. 


Zum Kennenlernen: 

3-monatiges Schnupperabo für 10 DM 
frei Haus (nur gegen Vorkasse Schein/ 
Briefmarken/V-Scheck). 

Bunte Seiten 1997/98 - Das »einzige 
Adreßverzeichnis der Alternativen Be¬ 
wegungen«. Mit ca. 12.000 Adressen aus 
der BRD, CH, A und internationalen Kon¬ 
taktanschriften. Jetzt mit Reader der Al- 
ternativMedien im Innenteil. 1033 Zeit¬ 
schriften mit zahlreichen Beschreibun¬ 
gen, Video- & Filmgmppen sowie Freie Ra¬ 
dios. Buchformat A4, 260 Seiten, 30 DM 
zzgl. 4 DM Versandkosten (auch gegen 
Rechnung), ISBN 3-9240085-04-8. 

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CONTRASTEe.V., Postfach 1045 20 . 
69035 Heidelberg, Fax (0 62 ?.l) 1644 89 


btr. SF-73 (1/98) 

Foucault-Artikel 

von Jürgen Mümken 

Anärcho-Schnitzer 

Der SF-Redakteur Jürgen Mümken 
verkündete just diese Weisheiten: 

n Der sogenannte Wiederentdecker 
von Stirner, Henry James Mackey, geht 
meiner Meinung nach in seinen Roma- 
nen Die Anarchisten undDer Freiheits¬ 
sucher von einem autonomen Subjekt 
aus und so bleibt vom Stim'schen Egois- 
musnureinradikal-bürgerlicherlndivi- 
dualismus übrig. Es gibt keinen »realen 
Menschen«, der durch gesellschaftliche 
oder individuelle Befreiungsprozesse 
freigelegt werden könnte.” 

In wenigen Sätzen leistet sich dieser 
Redakteur einen Fauxpas, wie er deut¬ 
licher und erschreckender nicht sein 
kann. 

Zunächst spricht er von einem "soge¬ 
nannten" Wiederentdecker Stirners, 
wohl um seine Herabsetzung zu verdeut¬ 
lichen, dann nimmt er eine Verhunzung 
von einem Namen vor, den er nicht aus¬ 
sprechen möchte, um dann noch einen 
B uchtitel zu nennen, den es nie gegeben 
hat. 

Damit nicht genug! Jürgen Mümken 
schließt aus seiner eigenen Unwissen¬ 
heit, diesersogenannteJam es aiso(viei- 
leicht liest Mümken zu viele Kriminal¬ 
romane) ließe von diesem Stimer-Egois- 
mus nur einen "radikal-bürgerlichen 
Liberalismus und keinen realen Men¬ 
schen übrig. 

Was der Redakteur darunter versteht, 
diesen James hat er offenbar überhaupt 
nicht gelesen, da dürfte er wohl in 

Erklärungsschwierigkeiten geraten, wie 
es auch seinem Beitrag zu entnehmen 
ist. 

Takt, die feinste Blüte am Baume der 
Freiheit, schrieb der Dichter Mackay, 
dessen künstlerisches Werk immer noch 
öffentlich gewürdigt wird, besitzen 
allein die Anarchisten. Anarchisten, 
nicht Individualisten. 

Weniger Langatmigkeit,mehr Inhalt- 

lichkeit, mehr Niveau. Das wäre ein 
besserer Weg. 

Uwe Timm , Neu Wulmstorf 


Anm. der SF-Red.: Uwe Timm ist ein 
ausgewiesener Kenner von Stirner und 
Mackay. Deshalb verwundert es nicht, 
wenn er sich umgehend zu Wort meldet, 
sobald der Name Stirner oder Mackay 
erwähnt wird, selbst dann wenn es 
inhaltlich eigentlich um Foucaultgeht. 
Das interessiert ihn gar nicht. Das wäre 
nun keine Replik wert, würde er nicht 
gerade "Inhaltlichkeit" einfordem. 

Klar: Mackay heißt wirklich John 
Henry und schreibt sich mit "a", - beim 
letzten SF handelte es sich aufgrund 
von Zeitdruck zugegebenermaßen um 
eine schlecht korrigierte Ausgabe. Aber 
es grenzt schon an Spitzfindigkeit dem 
Autor einen falschen Roman unterjubeln 
zu wollen, wenn ein "und" kursiv ge¬ 
schrieben stehenblieb, obwohl deutlich 
steht, daß es sich um die "Romane Die 
Anarchisten und Der Freiheitssucher" 
handelt. Im Gegenzug könnten wir jetzt 
antworten, weshalb verhunzt Timm den 
Namen Stirners zu "Stim'schen"? Und 
erschreckender. Weshalb wird aus SF- 
63 plötzlich SF-73? Oder weshalb wird 
der Autor Jürgen Mümken, der im Im¬ 
pressum deutlich als Mitarbeiter aus¬ 
gewiesen ist, plötzlich zum Redakteur 
erklärt? 

Nur um die alte Faden-Animosität 
wieder aufleben zu lassen? Weniger 
wäre mehr gewesen, d.h. warum auf 
offensichtlichen Rechtschreibfehlern 
herumreiten, wenn von Jürgen Mümken 
eine so interessante Frage aufgeworfen 
wurde wie: "Kann es ein "Ego" als 
unzerstörbaren Kern geben oder ist es 
nicht immer gesellschaftlich geprägt, 
konstruiert und letztlich Wandlungen 
unterworfen , die das Individuum nicht 
steuert?” Um eine für alle Seiten ge¬ 
winnbringende Diskussion führen zu 
können, sollte Uwe Timm gegen diese 
These eine fundierte Analyse bei¬ 
steuern! Wolfgang Ilaug 
















Noch lieferbare SF-Ausgaben 


Jochen Knoblauch (Hg.): 

SF-Register 

Aufgenommen wurden alle Beiträge von 
Nr.0-Nr.50. incl. Sondernummern. 10-DM; 
auch als DOS-Diskette (Word-Datei) er¬ 
hältlich. Das Register ist für Internet- 
Benutzer auch unter unserer Homepage 
zu finden: 

hffp://www. comenius-antiquariat. com/ 
anares 



SF - Alte Nummern 

Die Nummern 0-23, 44, die Sonder¬ 
nummern Feminismus I. Verfall der Arbeit 
sind vergriffen. 

Die SF-Pakete für nur 10.-DM zzgl. 
Portokosten (6,10) sind weiterhin erhält¬ 
lich: 

Paket 1 (Nr. 24-30) 

Paket 2 (Nr.31-38) 

Paket 3 (Nr.39-47), (ohne Nr. 44) 

Paket 4 (Nr.48-53) 

Paketö (Nr.54-58): 15.-DM 

Nr. 59 enthält u.a. :M. Wilk: Aus dem Innern 
des Sparpakets, D. Schütze: Die Deut¬ 
schen sind gefährlich; B. Scharlowski: Der 
Babynahrungshersteller Hipp; Subcom- 
mandante Marcos: Kommunique; H. 
Benner: Der Derivatehandel; D, Nelles: 
Die anarchistische Jugend; BUKO-Bericht 

etc., 68S., 8.-DM 


Nr.62 Feminismus-Sondernummer H, 

enthält u.a.: SF-Red.: Vielfältige Bezie- 
hungenzw. Anarchismus und Feminismus, 
Interview v. Dorothea Schütze mit der 
Brasilianerin Maria da Cruzzu Erfahrungen 
mit dem alltäglichen deutschen Rassis¬ 
mus; Maria Mies: Thema Subsistenz - 
Frauen, Nahrung und globaler Handel; 


Jane Meyerding: Gender- die Welt wie 
sie gelebt wird; Roselia di Leo: Patriar¬ 
chatskritik: Ort der Differenz; L. Susan 
Brown: Auseinandersetzung mit Naomi 
Wolfs Powerfeminismus; Ariane Gransac: 
Gemeinschaftsküche Kropotkins; etc., 
64S., 8.-DM 

Nr.63 enthält u.a.: Holst: Chiapas aktuell, 
Sievers: Zapata-Konferenz In Madrid, 
petzi: Zapata und ich, Jos6 Saramago: 
Warum ich nach Chiapas fahre?, Ge¬ 
schichten vom alten Antonio, Ries: 
Chomsky-Kritik 1 - Ziele und Visionen. 
Mümken: Chomsky-Kritik 2 - Staatlichkeit 
oder Anarchie?, Noam Chomsky: Unter¬ 
stellte Zustimmung - Diskurs zur Demokra¬ 
tie. Morris: Freie Städte, Bergstedt: Der 
Staat und die etablierten Umweltverbän¬ 
de; Mümken: Foucault-Diskurs, Flamb.: 
Gentechnikbewegung-Repression; Ster¬ 
neck: John Cage; Voß: Kommune-De¬ 
batte, Kästner: Kommune-Debatte, 
Schwarze Feder: Kritik an Geronimos'Glut 
und Asche"; Günther: Antwort auf T. Wag¬ 
ner "Von der Suche nach der Anarchie". 
68 S.. 8-DM 







Nr. 60 enthält u.a.:Anti-Expo-AG: 
Nachhaltige Propaganda für das3. Jahr¬ 
tausend; M. Kittmann: Die neue Milita¬ 
risierung der Gesellschaft; H. Waibel: 
Neofaschismus in Ostdeutschland; In¬ 
terview mit Birgit Rommelspacher; N. 
Chomsky: Ziele und Visionen (1 .Teil der 
Bookchin-Chomsky-Debatte), U. Bröck- 
lin 9: Anarchistischer Antimilitarismus im 
Kaiserreich; W. Sterneck: Techno und 
Cybertribe. T. Wagner: Von der Suche 
nac h der Anarchie, etc. 68S., 8.-DM 


Spenden für den Pressefonds des 
Schwarzen Fadens: 

Fs ~ Nürnberg 15.-; J.M., Tübingen 20.-; 
JB - Berlin 70.-; B.R.. Holzbunge 20.-; Na. 

Euskirchen 100.-; 

Gesamt: 225.- 
Herziichen Dank, 

an dieSpenderlnnen! Die Spenden helfen 
Uns derzeit sehr. 


MH. Dauerspenden für die Verbreitung 
anarchistischen Gedankenguts: 

N H.. Nürnberg 25.-; M.R.. Frankfurt 25.-; 
TS Detmold5.-;A.R..Paderborn 10.-;F- 
J. M„ Dortmund 10.-; V.S.. Groß-Umstadt 
20.-; U.S., Thedinghausen 15.-; R.G., 
Anröchte 15.-; 

Gesamtstand (September: 125.-) 


Mary Ellen 
Mark, 



Nr. 61 enthält: L. Schrötter: Globalisierung; 
M. Wilk: Macht und Herrschaft. Teil 4: 
Globalisierung; D. Hartmann: Soziale 
Säuberungen in Köln; M. Bookchin: Einheit 
von Ideal und Praxis.(2.Teil der Bookchin- 
Chomsky-Debatte); Kommune-Debatte 
Teil 1; K. Staad: Laßt 1000 Torten fliegen!; 
M. Kröger: Simone Weil und Carl Einstein 
in Spanien 36/37; W. Portmann: Porträt 
Heiner Koechlins; Kurzes zum ak.zur FAU. 
zur ÖkoLi, zur Einstellung von links, zum 
Prozeß gegen Lotta Continua etc. 68S.. 
8 .- 

SF-Red.. PF 1159, 

71120 Grafenau/Württ., 

Tel. 07033-44273 
(Anrufbeantworter), 

Fax 07033-45264, 
e-mail: TrotzdemuSF@t-online.de 


Nachtrag: 

In der letzten Ausgabe unterblieb ver¬ 
sehentlich der Hinweis auf den Gestalter 
unserer Fototitelcollage, Uwe Rausch 
aus Frankfurt. Deshalb dieses Mal als 
Rücktitel! 


SF 2/98 [67] 





Postvertrietestiick * E 9860 * Entgelt bezahlt ; 
ISSN 0722-8988 

Trotzdem ★ Verlag, PF 1159, 71117 Grafenau